Stadtamt Bremen Warterei nimmt kein Ende

Schlangen von Menschen vor den Bürger-Service-Centern und in der Zulassungsstelle. Bremens Bürger müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen - und zuletzt musste sogar der Sicherheitsdienst eingesetzt werden.
07.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Warterei nimmt kein Ende
Von Anke Landwehr

Überall Schlangen. Vor den Bürger-Service-Centern und auch in der Zulassungsstelle. Bremens Bürger müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bis ihr Anliegen bearbeitet wird. Zuletzt musste sogar der Sicherheitsdienst eingesetzt werden.

Er hat es selbst erlebt. Als er an einem frühen Montagmorgen bei der Zulassungsstelle in der Stresemannstraße vorstellig wurde, um sein Auto abzumelden, wurde er zu einer Nummer. Und dann zu einer zweiten, hier dann schon mit Angabe des aufzusuchenden Büros. Er betrat es 75 Minuten nach seiner Ankunft. „Die Abmeldung als solche lief dann wirklich professionell ab, aber vorher... Das reine Chaos“, sagt Jochen Kopelke.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Bremen vertritt kurioserweise auch etwa die Hälfte der rund 500 Beschäftigten im Stadtamt. Das kommt aus Zeiten, als es noch ein später getrenntes Polizei- und Ordnungsamt gab. Was Kopelke aus dem Stadtamt berichtet wird, bestätigt dessen Personalratsvorsitzende Dörte Scholz: Lange Wartezeiten in den Bürger-Service-Centern und auch in der Zulassungsstelle seien die Regel, weil das Personal nicht mehr hinterher komme. Die hohe Belastung führe zu einem anhaltend hohen Krankenstand, der im Schnitt 33 Tage beträgt. „Das ist ein ganzer Urlaub!“, sagt Scholz und verweist auf ein sechs Jahre altes Gutachten eines externen Arbeitsmediziners. „Der hat festgestellt, dass die Arbeit im Stadtamt krank macht.“ Eine sich an den Aufgaben orientierende Personalentwicklung „gibt es hier nicht“, so Scholz. Die Personalratsvorsitzende: „Wir rennen und rennen und rennen, und nichts wird besser.“

Sicherheitsdienst musste eingreifen

Am gestrigen Donnerstag war es „besonders katastrophal“, räumt selbst Stadtamtchefin Marita Wessel-Niepel ein. Im Bürger-Service-Center in der Stresemannstraße habe man sogar mehrfach den Sicherheitsdienst in Anspruch genommen, weil auf den Treppen stehende und sitzende Besucher die Fluchtwege versperrt hätten. „Noch nie hatten wir hier so viele Kunden an einem Tag.“ An einem normalen Juli-Donnerstag kämen um die 200 Menschen. Die Zahlen für Donnerstag hatte Wessel-Niepel noch nicht, wohl aber für den Donnerstag eine Woche zuvor. „Da waren es deutlich über 300. Und das sind nur die, die bedient worden sind; die anderen zählen wir nicht.“

Auch in der Zulassungsstelle herrsche seit einiger Zeit Hochbetrieb. Gestern war einer dieser Tage, an dem die Warteschlange besonders lang war. 180 statt sonst durchschnittlich 120 Privatkunden und 207 statt der üblichen 150 bis 160 Händleranträge hielten die Sachbearbeiter auf Trab. Auf dem Papier sind es 23, wegen Urlaub und Krankheit zurzeit aber nur 14.

„Man müsste mehr Personal haben, klar“, sagt Wessel-Niepel. „Die Wartezeiten und die Belastungen für die Mitarbeiter sind eindeutig zu hoch.“ Aushilfen aus anderen Bereichen zu holen, sei keine Option. „Wie sollte das gehen? Dann müssten ja alle alles können.“ Und spezialisierte Kräfte seien derzeit nicht auf dem Markt. Was allerdings ohnehin keine schnelle Lösung wäre. Laut Wessel-Niepel laufen im Augenblick Ausschreibungen für zu besetzende Stellen, in Bremen ist dies ein langwieriges Verfahren. Die Stellen müssen zunächst amts- und dann verwaltungsintern angeboten werden, bis die Suche über den eigenen Apparat hinaus ausgedehnt werden darf.

Verzögerungen, die es früher so nicht gegeben haben soll

Den Ansturm in der Zulassungsstelle erklären sich Amtsleitung wie Personalrat mit rasant steigenden Autoverkäufen. Dörte Scholz: „Die Autos sind im Augenblick so günstig, dass wir einen Andrang haben wie damals bei der Abwrackprämie.“ Das wird von zwei befragten Autohäusern allerdings nicht bestätigt. Jürgen Ostenkötter von Schmidt & Koch: „Wir sind zwar sehr zufrieden, aber richtige Ausreißer gibt es nicht.“ Sein Haus beschäftigt einen Zulassungsdienst, hat also nur indirekt mit der Zulassungsstelle zu tun. „In den letzten Wochen hat’s da mal ein paar Probleme gegeben“, sagt Ostenkötter.

Die Disponentin eines anderen Händlers – sie möchte nicht genannt werden – meldet zwar auch keine exorbitant gestiegenen Verkaufszahlen, hadert aber mit der Zulassungsstelle. „Früher ging das ratzfatz, das ist heute nicht mehr so.“ Nach ihren Angaben waren die frühmorgens beim Händlerschalter eingereichten Unterlagen sonst bis mittags bearbeitet, jetzt könne es später Nachmittag werden. Ein Auslandskunde beispielsweise habe die Ausfuhrpapiere so spät bekommen, dass er unplanmäßig eine Nacht im Hotel verbringen musste. „Der war natürlich sauer“, berichtet die Disponentin. Sie meint, viele Händler seien im Augenblick nicht gut auf die Zulassungsstelle zu sprechen. „Die sagen das aber nicht, weil sie Nachteile befürchten.“ Till Lienhoop ist Teilhaber im Unternehmen Sprint Logistik, das auch einen Zulassungsdienst anbietet. Er berichtet ebenfalls, dass es früher nicht gekannte Verzögerungen gibt.

Vor etwa zwei Jahren war der Umbau des Stadtamtes auch durch technische Modernisierung angekündigt worden. Seither habe sich zwar einiges getan, sagt Personalrätin Scholz, die Computerprogramme aber befänden sich immer noch in der Pilotphase. „Und ich glaube nicht, dass die auftretenden Probleme schnell gelöst werden.“ Stadtamtleiterin Wessel-Niepel: „Auch ich bin mit dem Status quo überhaupt nicht zufrieden. Für Kunden und Mitarbeiter ist das eigentlich nicht vertretbar.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+