Berechnung der Bertelsmann Stiftung Was der Brexit die Bremer kostet

Was passiert in Bremen, wenn es einen harten Brexit gibt? Eine Studie der Bertelsmann Stiftung gibt Ausblick über die möglichen Auswirkungen des Austritts Großbritanniens aus der EU – nicht nur für Deutschland.
21.03.2019, 21:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Yuriko Wahl-Immel und Lisa Boekhoff

Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union hat deutliche Folgen auch für die Einkommen in Deutschland. Das prognostiziert eine neue Berechnung der Bertelsmann Stiftung. In Bremen wären die Bürger demnach insgesamt stärker von den Auswirkungen betroffen: Im Falle eines harten Brexits sinke das Einkommen pro Kopf im kleinsten Bundesland um jährlich 150 Euro brutto. Das ist der mit Abstand zweithöchste Wert nach Spitzenreiter Hamburg: Dort gehen die Experten sogar von einem jährlichen Minus von 170 Euro aus. In den Bezirken Hannover (-104 Euro), Lüneburg (-81) und der Region Weser-Ems (-113) fällt es deutlich kleiner aus.

Die Studie, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, ist groß angelegt und beschäftigt sich mit den Folgen des Brexits nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien und den verbleibenden EU-Ländern – selbst wenn die genauen Umstände des Austritts derzeit noch offen sind. Im Schnitt müssten sich die Deutschen bei einem ungeregelten Abschied ohne Vertrag auf einen Einkommensverlust von fast zehn Milliarden Euro jährlich einstellen. Pro Kopf bedeute das rein statistisch gesehen rund 115 Euro weniger. Bremen liegt damit über dem Schnitt.

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Die Wirtschaft in Bremerhaven und Bremen trifft der Brexit in größerem Ausmaß. Das Bundesland ist mit einer Exportquote von 65 Prozent Spitzenreiter im Außenhandel. Großbritannien ist nach Angaben der Bremer Handelskammer eine besonders wichtiger Handelspartner. Das spiegeln die Zahlen wider: Jüngst lagen die Ausfuhren aus Bremen nach Großbritannien bei zehn Prozent der Gesamtsumme. Die Höhe der Verluste in den Regionen (siehe Karte) ist vor allem von den Handelsverflechtungen mit Großbritannien abhängig.

Deutschland besonders belastet

Nach Großbritannien selbst wäre der Berechnung zufolge das insgesamt exportorientierte Deutschland bei den Bruttoeinkommen am stärksten belastet. Frankreich und Italien folgen auf den Plätzen zwei und drei. Auf das Vereinigte Königreich käme laut Simulation bei einem No-Deal-Austritt ein jährlicher Einkommensverlust von 57 Milliarden Euro zu – umgerechnet etwa 875 Euro pro Einwohner. Auf fast acht Milliarden Euro weniger müssten sich die Franzosen und auf gut vier Milliarden Euro weniger die Italiener gefasst machen, sagt die Studie voraus.

Ein geordneter Brexit mit Austrittsabkommen würde die negativen Auswirkungen deutlich abmildern, betonen die Autoren. Sie hatten auf Basis von amtlichen Handelsdaten in zwei Szenarien – Brexit mit oder ohne Vertrag – Einkommensentwicklungen geschätzt, auf Grundlage erwarteter Veränderungen beim Bruttoinlandsprodukt. Als Gründe für die erwarteten Verluste nennen sie Zölle, die Waren verteuerten, aber auch einen wohl sinkenden Wettbewerb in Europa mit negativen Folgen für Preis- und Lohnentwicklung. Fast zehn Milliarden Euro absoluter Einkommensverlust für Deutschland jedes Jahr sei ein hoher Wert, entspreche aber nur etwa 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, erläuterte Mitautor Dominic Ponattu.

Welche Folgen der Brexit für das Portmonee hat, unterscheidet sich in den Regionen spürbar: Nordrhein-Westfalen wäre voraussichtlich besonders stark betroffen, auch weil Großbritannien für den NRW-Export eine große Rolle spiele. Bayern würde bei den absoluten Einkommensverlusten ebenfalls recht deutlich verlieren. Zudem treffe der Brexit stark Regionen mit einem hohen Anteil an mittelständischen Unternehmen – etwa das Umland von Stuttgart und Hamburg oder das Rheinland. Bei einem vertraglich geregelten Austritt sieht die Simulation weit weniger negative Auswirkungen. Für Deutschland nehme man dann Einkommensverluste von rund fünf Milliarden Euro an. Auch für die gesamte EU (ohne Großbritannien) würde sich der Verlust in etwa halbieren – auf geschätzte 22 Milliarden Euro.

Profitieren könnten vom Austritt wohl die USA und China mit jährlichen Milliarden-Einkommenszuwächsen. Außerdem erwartet die Prognose einen leichten Anstieg auch für Russland. Ponattu sagte, werde der Handel innerhalb Europas teuer, würden die „Wirtschaftsbeziehungen mit dem Rest der Welt“ attraktiver. Stiftungsvorstand Aart de Geus mahnte, London und Brüssel sollten den Ausstieg unbedingt vertraglich regeln. Das Fundament des weltweit größten gemeinsamen Wirtschaftsraums drohe schwer beschädigt zu werden. Zahlreiche Stimmen aus Politik, Wirtschaft und auch Verbraucherschützer hatten vor drastischen Folgen gewarnt, sollte es zu einem chaotischen Brexit kommen.

Kalkulation auf Basis von amtlichen Daten über Handelsströme

Die beiden Ökonomen Dominic Ponattu von der Bertelsmann Stiftung und Giordano Mion von der University of Sussex hatten für die englischsprachige Studie „Estimating the impact of Brexit on Europan countries and regions“ auf Basis von amtlichen Daten über Handelsströme – etwa von Eurostat und UN – die positive Wirkung des EU-Binnenmarktes unter anderem für Einkommen in allen 28 EU-Staaten kalkuliert. Entlang dieses Effekts haben sie dann in zwei Szenarien – Brexit mit oder ohne Vertrag – in mehreren Schritten die Einkommensveränderungen geschätzt, auf Grundlage der erwarteten Veränderung des Bruttoinlandsprodukts.

Insgesamt kommt Bremen auf rund 100 Millionen Euro weniger Einkommen. Hamburg und Bremen, als Hafenstandorte im Norden prädestiniert für den Handel mit Großbritannien, das zeigt die Rechnung, trifft der Brexit pro Kopf stärker. Im Schlusssatz ihres Fazits machen die Autoren erneut deutlich, was die Zahlen schon allein sagen: Ein sogenannter weicher Brexit könne die Kosten des Austritts für alle EU-Länder „erheblich verringern“.

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