Politik-Speed-Dating mit Bundestagskandidaten Was junge Menschen vor der Wahl bewegt

Welche Themen sind Erstwählerinnen und Erstwählern vor der Bundestagswahl wichtig? Es ist auch, aber nicht nur der Klimaschutz. Ein "Politik-Speed-Dating" mit Bremer Bundestagskandidaten gibt einen Einblick.
16.07.2021, 17:14
Lesedauer: 4 Min
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Was junge Menschen vor der Wahl bewegt
Von Patricia Friedek

Die Politik kümmert sich zu wenig um die Belange junger Menschen. Das ist ein Vorwurf, der in den vergangenen Monaten häufig aufkam, gerade in der Corona-Krise habe man die Jugend nicht genügend beachtet, hieß es. Erst kürzlich beklagte die Aktivistin für Generationengerechtigkeit, Tabea Engelke, in der Talkshow von Markus Lanz, dass die Politik  jugendverdrossen sei. "Die Inhalte der Parteien verschieben sich immer noch nicht genug", sagte die Studentin.

Welche Themen aber bewegen junge Menschen, von denen viele am 26. September zum ersten Mal den Bundestag wählen? Zu den Wahlberechtigten gehören in diesem Jahr deutschlandweit 2,8 Millionen Erstwähler, schätzt das Statistische Bundesamt . Die sogenannte Generation Z, zu der jene überwiegend zählen, wird gerne als "Klimageneration" wahrgenommen. Dass es aber noch viele andere Themen gibt, die diese Generation bewegen, zeigte eine Veranstaltung  der Landeszentrale für politische Bildung.

Bei einem "Politik-Speed-Dating" sitzen sich Schüler von vier Bremer Schulen und fünf Bundestagskandidaten aus den Wahlkreisen Bremen I und II gegenüber. Bis auf die AfD, die nach Angaben der Landeszentrale nicht auf die Anfrage antwortete, sind alle aktuellen Bundestagsparteien vertreten. Thomas Röwekamp (CDU), Sarah Ryglewski (SPD), Michael Labetzke (Grüne), Doris Achelwilm (Linke) und Volker Redder (FDP) stellen sich Fragen von etwa 60 Jugendlichen. Acht Minuten hat jeder Kandidat pro Schülergruppe, schnelle Fragen, schnelle Antworten.

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Der Inhalt der Fragen: vielfältig. So vielfältig, dass die Politiker selbst manchmal zugeben müssen, nicht so tief in den Themen zu sein – etwa wenn es um Deutschlands außenpolitischen Umgang mit China geht. Die Schüler der Oberschule Kurt-Schumacher-Allee stellen ihre erste Frage dem FDP-Kandidaten Volker Redder: Sie haben im Wahlprogramm der Liberalen gelesen, dass die Partei die EU-Grenzschutzagentur Frontex weiter unterstützen möchte – sie wollen wissen warum, wenn NGOs das umstrittene illegale Zurückdrängen von Flüchtlingsbooten dokumentiert haben. Seine Antwort: Der Schutz sei wichtig, aber man müsse die Beteiligung von Frontex untersuchen. Die Frage nach den EU-Außengrenzen kommt auch gegenüber den anderen Kandidaten mehrfach auf: Ob sie eine Abschottungspolitik befürworten oder mehr Aufnahmen anstreben?

"Migration ist ein Thema, das uns bewegt, weil wir viele neue Mitschülerinnen und Mitschüler haben und man immer wieder schreckliche Geschichten hört", sagt Martha Vollmers. Ein anderer Punkt, der ihr und ihren Mitschülern am Herzen liegt: Wie wollen die Parteien verhindern, dass der Corona-Schuldenberg allein an ihrer Generation hängen bleibt? "Man hat das Gefühl, dass wir durch die Corona-Krise und den Klimawandel wenig Perspektive haben. Es wird zu wenig auf uns eingegangen", meint sie. Die Jugendlichen wollen wissen, welche Lösungen die Politiker haben. Doris Achelwilm zum Beispiel antwortet, es müsse eine bessere Umverteilung geben und man eine "Vernunftabgabe" für jene Betriebe und Unternehmen brauche, die in der Corona-Krise deutlich gewonnen haben.

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Thomas Röwekamp fragen die Schüler, warum die CDU sich so klar gegen ein Wahlrecht ab 16 positioniert. "Tun Sie das aus Angst, dass die 16- bis 18-Jährigen nicht die CDU wählen würden?" Da muss Röwekamp schmunzeln. "Das spielt keine Rolle", sagt er. Es gehe mehr um die Überzeugung, ab wann Menschen in der Lage seien, ein abschließendes Urteil über politische Entscheidungen zu treffen. Und das 18. Lebensjahr sei auch in anderen Verantwortungsbereichen, etwa beim Autofahren, die Grenze.

Rechte Strukturen bei der Polizei und die Bekämpfung von Rechtsterrorismus scheinen die Schüler ebenfalls sehr umzutreiben, dazu kommen gleich mehrere Fragen auf. "Es ist ein großes Problem, wenn Menschen, die Zugang zu Waffen haben und das Gewaltmonopol des Staates durchsetzen sollen, rechte Tendenzen zeigen. Wir müssen als Gesellschaft deutlich machen, dass solche Tendenzen keinen Raum haben und wir bedrohte Menschen schützen", sagt SPD-Politikerin Ryglewski dazu. Michael Labetzke, der selbst bei der Bundespolizei arbeitet, antwortet auf die Frage, was er gegen rechte Strukturen bei der Polizei machen wolle: "Ich lege beruflich sehr viel Wert darauf, dass wir jegliche Abgrenzung gegen rechts haben und stelle mich allen kritischen Diskussionen bei der Polizei. Es steht auf meiner persönlichen Agenda, mich weiter gegen Rassismus und Diskriminierung bei der Polizei einzusetzen."

Und natürlich kommen die Politiker nicht um den Klimaschutz herum. Was sind die drei nächsten Maßnahmen, um auf den Klimawandel zu reagieren? "Es ist das Thema, das mich am meisten beschäftigt und ich habe das Gefühl, dass alle Parteien verstanden haben, dass dort Bedarf ist", sagt Maik Schreiber, der in diesem Jahr zum ersten Mal wählt. An zweiter Stelle stünden für ihn gleich die hohen Mietpreise in den Städten, weil er befürchtet, sich das Studium nicht leisten zu können. "Ich sehe das Privileg, das ich als Schüler habe – aber an meiner Schwester sehe ich die Probleme für Studierende." Anne Lange (18) fühlt sich in einigen Punkten schon von der Politik abgeholt, in manchen jedoch nicht, sagt sie. "Ich finde es gut, dass sich mehr um Umweltschutz gekümmert wird und zum Beispiel der Nahverkehr an Bedeutung gewinnt." In der Corona-Krise fiel ihr positiv auf, dass jungen Menschen nun auch Impfangebote gemacht wurden, die erste Dosis hat sie bereits bekommen. Doch auch sie stört sich besonders an der Mietpreispolitik.

Haben sich die Jugendlichen von den Kandidaten verstanden gefühlt? "Ich finde schon, dass alle Politikerinnen und Politiker uns ernst genommen haben", resümiert Schreiber. Er sagt, dass der persönliche Kontakt mit den Politikern ihn in seiner Wahlentscheidung beeinflusst. Martha Vollmers hat den Eindruck: "Viele haben gut auf unsere Fragen geantwortet, einige sind aber auch ausgewichen oder sind ins Labern gekommen."

Zur Sache

Politik-Speed-Dating

Die Landeszentrale für politische Bildung hat bereits mehrfach ein Politik-Speed-Dating organisiert. In diesem Jahr war das Format erstmals in einer Hybridform angelegt: Die Bundestagskandidaten und ein Teil der Schulen schalteten sich digital dazu. Außer der Oberschule Kurt-Schumacher-Allee waren noch die Helmut Schmidt Schule, die Inge Katz Schule und die Oberschule Ohlenhof dabei. 

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