Bremer Politik berät über Projekt Weichenstellung für Medizinstudium in Bremen

Sollen in Bremen in einigen Jahren auch Mediziner ausgebildet werden? Eine Grundsatzentscheidung für oder gegen ein solches Projekt rückt näher. Verschiedene Varianten sind im Gespräch.
14.01.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Weichenstellung für Medizinstudium in Bremen
Von Jürgen Theiner

Universitätsklinikum Bremen. Ein klangvoller Titel, der für das Krankenhaus an der St.-Jürgen-Straße zurzeit noch eine ferne Verheißung ist. Voraussetzung wäre die Einrichtung eines Studiengangs für Humanmedizin in der Hansestadt. Ob es dazu in den nächsten Jahren kommt, dafür werden in dieser Woche die Weichen gestellt. Gesundheits- und Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hat in ihrer Behörde eine „Meilensteinplanung“ für die notwendigen Schritte erstellt, die einer Entscheidung für oder gegen das Projekt vorausgehen müssten.

Am Mittwoch befassen sich die Wissenschaftspolitiker der Bürgerschaft und die Gesundheitsdeputierten in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Projekt. Erstmals taucht in den Unterlagen ein konkretes Datum für den möglichen Start einer Bremer Medizinerausbildung auf: Wintersemester 2022/23. Unter Fachpolitikern und Akteuren der Bremer Gesundheitswirtschaft ist man sich schon länger weitgehend einig, dass ein solcher Studiengang in der Hansestadt grundsätzlich sinnvoll wäre. Denn in der Region herrscht Ärztemangel, der sich tendenziell sogar verschärfen wird.

Lediglich 11.000 Studienplätze

In den Facharztgruppen der Hausärzte, Augenärzte, Chirurgen, Internisten und Neurochirurgen sind 30 Prozent der niedergelassenen Mediziner 60 Jahre oder älter. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass in Bremen ausgebildete Ärzte nach ihrem Studium in der Region bleiben würden. Doch die Erfahrung aus anderen Universitätsstädten lehrt, dass es einen gewissen „Klebeeffekt“ gibt, wenn er sich auch schwer beziffern lässt.

Bundesweit bewarben sich zuletzt pro Studienjahr ungefähr 50 000 junge Menschen um ein Medizinstudium. Die Zahl der Studienplätze beläuft sich nach moderaten Steigerungen allerdings auf lediglich etwa 11 000. Die Bundesärztekammer sieht Bedarf für etwa 1000 zusätzliche Plätze. Bayern hat gerade in Augsburg gut 200 neue geschaffen, in Oldenburg und Göttingen sollen die Kapazitäten insgesamt in gleicher Größenordnung ausgebaut werden. Für ein Bremer Projekt wäre noch Raum, ein Auslastungsproblem nicht zu befürchten. Klar ist aber auch, dass Studienplätze in Medizin zu den teuersten gehören. Pro Jahr ist mit gut 30 000 Euro zu rechnen – und das sind nur die laufenden Kosten. Investitionen für Baumaßnahmen und medizinische Großgeräte kommen oben drauf.

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In einem nach wie vor klammen Bundesland wie Bremen, das als Wissenschaftsstandort auch in anderen Fachgebieten Investitionsbedarf hat, müssen sich die Verantwortlichen also dreimal überlegen, ob ein solches Vorhaben zu stemmen ist. Eine Möglichkeit, die Kosten zu reduzieren, wäre die Beschränkung auf die sogenannte klinische Phase des Studiums, also jenen Abschnitt, den die Studenten im Krankenhaus verbringen.

Die dafür notwendigen Strukturen wären teilweise bereits vorhanden. So wird insbesondere am Klinikum Mitte schon jetzt Hochleistungsmedizin auf dem Niveau von Universitätskliniken praktiziert, viele habilitierte Chefärzte verfügen über Lehrbefugnisse. „Wir sollten uns darauf einstellen, diese Option zu realisieren“, sagt Senatorin Eva Quante-Brandt. Sie geht von etwa 40 Plätzen pro Semester aus.

Die Variante eines Vollstudiums, das auch den viersemestrigen theoretischen Vorlauf umfasst, würde erhebliche zusätzliche Investitionen erfordern. Viel Geld müsste unter anderem in zusätzliche Lehrgebäude an der Universität und den Aufbau von Fachgebieten fließen, die dort zurzeit noch nicht vorhanden sind.

Straffer Zeitplan

Allerdings ist gegenwärtig auch eine Option im Gespräch, die ein Bremer Vollstudium ermöglichen und gleichzeitig das Land finanziell entlasten würde. Nach Informationen des WESER-KURIER gibt es konkrete Gespräche zwischen der Gesundheitsbehörde und einer im Medizinbereich besonders profilierten skandinavischen Uni, die sich ein Engagement in der Hansestadt vorstellen kann. Sie würde dann die Verantwortung für den vorklinischen Teil übernehmen.

Eva Quante-Brandt bestätigt das im Grundsatz. Das Interesse der – möglichen – skandinavischen Partner ergebe sich aus der Vernetzung mit diversen gesundheitswirtschaftlichen Akteuren in Bremen und hier ansässigen Forschungsinstitutionen wie dem Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, dem Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medien und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

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Die „Meilensteinplanung“ der Senatorin sieht für die nächsten zwei Jahre eine eng getaktete Abfolge von Vorarbeiten und Beschlüssen vor. Sofern die Gesundheits- und Wissenschaftspolitiker das Projekt Medizinstudium im Grundsatz gutheißen, soll noch im Januar die Universität aufgefordert werden, gemeinsam mit den Kliniken in Bremen und Bremerhaven ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten.

Im Februar/März müsste die Bürgerschaft grundsätzlich über das weitere Vorgehen beschließen. Anschließend würden weitere Akteure aus der Gesundheitswirtschaft sowie auswärtige Experten in den Planungsprozess einbezogen. Im Spätsommer könnte dann ein Konzept für den Aufbau eines Medizinstudiums vorliegen, das unabhängigen Gutachtern zur Prüfung vorgelegt werden kann. Wird es als tragfähig bewertet, kann die Detailplanung 2020/21 weiter vorangetrieben werden. Auch ein Votum des Wissenschaftsrates wäre dann noch einzuholen.

Dieses höchste wissenschaftspolitische Beratungsgremium unterstützt Bund und Länder in strukturpolitischen Fragen. Je nach Ausgang fiele im Frühjahr/Sommer 2021 die endgültige Entscheidung. „Das ist ein ehrgeiziger Zeitplan“, räumt Senatorin Quante-Brandt ein. Vom Nutzen des Vorhabens ist sie indes überzeugt. Ein Bremer Medizinstudiengang hätte aus ihrer Sicht nicht nur praktischen Nutzen, sondern wäre auch ein Beitrag zur Stärkung des Wissenschaftsstandortes.

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