Debatte über Medizinstudium Kassenärzte für Jacobs-Pläne

Während Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt die Jacobs University ausklammert, hält die Kassenärztliche Vereinigung den Aufbau eines Medizin-Studiengangs in Nord für denkbar.
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Kassenärzte für Jacobs-Pläne
Von Julia Ladebeck

Die Jacobs University ist nicht die einzige Universität, mit der die Klinikgesellschaft Gesundheit Nord (Geno) über die Umsetzung einer Medizinerausbildung gesprochen hat. Nach Angaben von Sprecherin Karen Matiszick hat die Geno auch zur Universität Bremen, zur Universität Göttingen und zur Universität Oldenburg Kontakt aufgenommen. In den Gesprächen mit der Jacobs University habe sich schnell herausgestellt, „dass sich gemeinsam ein tragbares Modell entwickeln ließ, das dann in einem konkreten Konzept mündete“.

Nach Angaben von Stephanie Dehne, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, sieht der aktuelle Stand der Machbarkeitsprüfung grundsätzlich gute Chancen für ein Kooperationsmodell zwischen Jacobs-Uni und Geno. Wie berichtet, prüft aktuell die Gesundheitsbehörde das Konzept, wonach bereits ab dem Wintersemester 2020 an der Jacobs University ein Medizinstudiengang mit 40 Plätzen pro Studiensemester starten könnte. Es liege der Behörde vor, müsse aber noch bewertet werden, hatte eine Sprecherin von Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) Ende vergangener Woche mitgeteilt.

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Weitere Konzepte mit anderen Partnern gibt es nach Angaben Matiszicks derzeit nicht. Da die Finanzierung eines solchen Studiengangs noch nicht stehe, handele es sich bisher um Pläne, die noch nicht beschlossen seien. Langfristiges Ziel der Geno sei es, einen „schlanken lehrorientierten Studiengang aufzustellen, um den zukünftigen Bedarf an Ärztinnen und Ärzten für Bremen und Bremerhaven, für den stationären und ambulanten Versorgungsbereich zu decken“. Dabei gehe es um ein Vollstudium einschließlich der vorklinischen Phase, so Matiszick.

Somit verfolgt die Geno offenbar ein anderes Ziel als die Gesundheitssenatorin. Quante-Brandt spricht sich zwar für die Ausbildung von Medizinern in Bremen aus. Allerdings plädierte sie am Dienstag erneut dafür, eine mögliche Ausbildung von Medizinern in Bremen aus Kostengründen auf die klinische Phase zu beschränken. Das würde bedeuten, dass die angehenden Mediziner sich ihr theoretisches Wissen in den ersten Jahren des Studiums nicht in Bremen aneignen könnten. Die Gesundheitssenatorin betont, die Finanzierung eines Studienganges durch das Land an einer privaten Universität sei "nicht gewollt und nicht möglich, da dies dem EU-Beihilferecht widerspricht“. Quante-Brandt: "Ich schlage eine Kooperation mit einer staatlichen Universität in einem anderen Bundesland, mit der Universität Bremen oder mit einer ausländischen Universität vor. Kliniken, die sich um eine Kooperation bewerben können, übernähmen die Aufgabe der klinischen Phase der Ausbildung."

Geno glaubt an positive Möglichkeit

Die Geno hingegen betont: „Für die Gesundheit Nord wäre ein solcher Studiengang eine Möglichkeit, dem zunehmenden Fachkräftemangel in der Medizin zu begegnen, indem sie selber junge Medizinerinnen und Mediziner ausbildet. Davon würde aber sicher nicht nur der Klinikverbund, sondern der Standort Bremen insgesamt profitieren.“ Derzeit bietet die Gesundheit Nord für Studierende aus Göttingen und Hamburg die Ausbildung im Praktischen Jahr an. Durchschnittlich sind zeitgleich zwischen 40 und 50 Studierende im Unternehmen als sogenannte PJler tätig. „Viele von ihnen kommen dann als Assistenzärzte wieder“, erläutert Matiszick.

Die CDU hatte ebenfalls gefordert, einen Medizin-Studiengang in Bremen einzurichten. Zunächst, so lautete der Vorschlag der Christdemokraten, sollte eine Machbarkeitsstudie erstellt werden, um damit unter anderem die finanzielle Tragweite des Projektes zu prüfen. Der CDU-Gesundheitspolitiker Rainer Bensch betont, es gehe der CDU nicht allein um den Gesundheitsstandort, sondern auch um den Forschungs- und Wissenschaftsstandort Bremen. Aus diesem Grund setze sich die CDU nach wie vor für eine „große Lösung“ mit einem Medizin-Studiengang an der Universität Bremen ein.

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„Wir wollen für Bremen etwas richtig Großes und Gutes und deshalb sind wir dafür zu klotzen, nicht zu kleckern“, so Bensch. Allerdings schließe die CDU eine Kooperation mit der Jacobs University im Rahmen einer großen Lösung nicht aus. „Wir reden das nicht schlecht und stünden dem nicht im Weg, wenn sich eine realistische Lösung anbahnen würde“, sagt Bensch. Er betont aber auch: „Ein Medizinstudium sollte keine Frage des Geldes sein.“ Die Bürgerschaft hatte sich Ende September nach dem Antrag der CDU dafür ausgesprochen, dass Wissenschafts- und Gesundheitspolitiker des Parlaments in einer gemeinsamen Sitzung die Möglichkeiten einer Medizinerausbildung in Bremen ausloten. Dementsprechend erwartet jetzt auch die Grünen-Fraktion, „dass das Wissenschafts- und Gesundheitsressort eine Machbarkeitsstudie zur medizinischen Ausbildung an der Universität Bremen vorlegt“, teilt Grünen-Sprecher Matthias Makosch mit.

Von den Plänen, auf dem Campus in Grohn rasch einen Medizin-Studiengang einzurichten, hält die Grünen-Fraktion nichts. Die wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen, Henrike Müller, kommentiert: „Das Konzept von Geno und JUB wirft viele Fragen auf. Ein gebührenfreies Medizin-Studium an einer Privatuni, die dringend auf Einnahmen aus Studiengebühren angewiesen ist, erscheint höchst seltsam. Eine Dauersubvention der JUB über Umwege kann es schließlich nicht geben. Außerdem würden Studierende auf dem Campus ungleich behandelt, wenn manche für das Studium zahlen müssen und andere nicht.“ Rätselhaft erscheine, warum der kommunale Klinikkonzern bisher kein vergleichbares Konzept mit der öffentlich finanzierten Universität Bremen erarbeitet habe. „Mit dem Vorpreschen von Geno und JUB ist die Idee einer medizinischen Ausbildung in Bremen angesichts des Ärzte- und Ärztinnenmangels nicht grundsätzlich gestorben, allerdings sehen wir auf Basis der veröffentlichten Überlegungen keine Realisierungschance an der Privatuni“, so Henrike Müller.

Dem Ärztemangel entgegenwirken

Anders sieht das Jörg Hermann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, die ebenfalls schon mehrmals die Einrichtung eines Medizinstudiums gefordert hat. Die Ärzteschaft erhofft sich, dass dadurch dem Ärztemangel entgegengewirkt werden kann. Hermann betont: „Wir brauchen in Bremen eine medizinische Fakultät. Erfahrungsgemäß kommen Privatinstitute schneller in die Hufe, daher begrüßen wir die Pläne eines Medizinstudiengangs an der Jacobs University.“ Am aussichtsreichsten wäre nach Ansicht von Hermann allerdings eine Kooperation der Jacobs University mit der Universität Bremen, „denn an beiden Standorten gibt es etablierte Studiengänge, die in diesem Zusammenhang Vorteile bieten“.

So habe sich der Studiengang Biologie an der Universität Bremen bewährt und die Jacobs University biete seit einiger Zeit erfolgreich das Vorbereitungsjahr Medizin an. Die Ärzteschaft befürwortet nach Hermanns Worten ein Vollstudium, das auch die vorklinische Phase beinhaltet. „Je länger die Studenten vor Ort sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie als ausgebildete Ärzte in Bremen bleiben“, meint Jörg Hermann.

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Stephanie Dehne hält es nach eigenen Worten für unrealistisch, dass eine „vorklinische Phase“ aus Landesmitteln bezahlt werden kann, wenn dazu eine vollständige medizinische Fakultät aufgebaut werden müsste. „Darauf verweisen jedenfalls entsprechende Pläne in Bielefeld und Augsburg, bei denen dreistellige anfängliche Investitionsbeträge und laufende Kosten von 100 Millionen Euro im Jahr erwartet werden.“

Nach dem jetzigen Stand der Machbarkeitsprüfung würde sich das Kooperationsmodell zwischen Jacobs University und Geno laut Dehne im Unterschied zu den umfassenden medizinischen Ausbildungsprojekten in Augsburg und Bielefeld allerdings in einem Rahmen bewegen, der finanzierbar sein könnte. Diese Kostenkalkulation und die ihnen zugrunde liegenden Annahmen seien aber bislang noch nicht hinreichend geprüft. „Abgesehen davon gehe ich davon aus, dass die private Jacobs University ein solches Studium wie ihre anderen Studiengänge auch über Studiengebühren und Stipendien finanzieren würde und hier auf Bremen keine finanziellen Belastungen zukämen.“

Es empfehle sich, zunächst die Machbarkeit und Finanzierbarkeit einer Kooperation zwischen Jacobs Uni und Geno zu prüfen und parallel das Interesse der Uni Bremen zu erkunden, „und zwar insbesondere auch im Hinblick auf ein finanziell schlankes und vornehmlich auf die Lehre und Ausbildung ausgerichtetes Angebot", so Dehne.

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