Zwischen Politik und Persiflage „Wetten mit der Wirklichkeit“: Jan Böhmermann beim WESER-Strand-Talk

Der Auftritt des Satirikers Jan Böhmermann in der Talkreihe WESER-Strand war originell, unterhaltsam und passagenweise rasant.
03.11.2018, 13:38
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„Wetten mit der Wirklichkeit“: Jan Böhmermann beim WESER-Strand-Talk
Von Hendrik Werner

Ein Förderprogramm für talentierte Querköpfe mit originellen Ansichten und überraschenden Darstellungsformen forderte WESER-KURIER-Chefredakteur Moritz Döbler zum Geleit der jüngsten Ausgabe der flussnah angesiedelten Gesprächsreihe auf dem sich sanft wiegenden Nahverkehrsschiff. Aus gutem Grund. Schließlich war der 1981 in Gröpelingen geborene, in Vegesack aufgewachsene Jan Böhmermann jahrelang freier Mitarbeiter der Regionalausgabe „Die Norddeutsche“, bevor er über Stationen bei Radio Bremen, WDR und privaten TV-Sendern zum ZDF stieß, für das er seit Oktober 2013 als Moderator des Late-Night-Formats „Neo Magazin Royale“ persiflierende und politische Geschichte gleichermaßen schreibt. Den einstweiligen Höhepunkt dieser Gratwanderung, die Böhmermann bei seinem Auftritt trefflich als „Lauf auf der Grenze des Möglichen“ beschrieb, bildete die Sendung vom 31. März 2016, in der er ein Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten vortrug, das zu juristischen und diplomatischen Verwerfungen führte.

Nur wer wandelbar ist, bleibt sich treu

Böhmermann, der am Freitagabend auf der „Oceana“ in einem adäquat maritim anmutenden Anzug auflief, ist sozusagen seit Kindesbeinen von einem überbordenden Sendungsbedürfnis beseelt. Da liegt es nahe, dass er zum unsteten Beginn seiner Laufbahn schwer bis gar nicht zu halten war. Das zeigt ein Blick in seine Vita. Karriere als Schauspieler: verworfen; Studium: abgebrochen; auffällig agile Lehr- und Wanderjahre zwischen x Sendern und zig Medienformaten vom Bühnenprogramm über Podcasts, Kolumnen und Buchprojekte bis hin zu Moderationen für Radio und Fernsehen. Nur wer wandelbar ist, bleibt sich treu. So könnte die Maxime dieses produktiv unruhigen Geistes lauten. Und doch hat sich der 37-Jährige ohrenscheinlich jene Herkunftsverbundenheit bewahrt, die er schon als Dreibabbelerhoch bewies, als er dem WESER-KURIER einen ambitionierten Beitrag für die Kinderseite, genauer: für deren Galionsfigur Robby schickte.

Auch über diesen frühen Musenkuss legte Böhmermann mit gewinnendem Lächeln und punktgenau gesetzten Worten in einem wohltuend flinken Gespräch gegenüber WESER-Strand-Moderator Axel Brüggemann Zeugnis ab. Nicht nur der nahm respektvoll erschüttert zur Kenntnis, welche kaum glaubliche Eisenbahnodyssee Böhmermann wegen eines „großen Gleischaos“ in Hamburg hatte absolvieren müssen – Fernsehprominenz-Sonderhalt in Lauenbrück inbegriffen –, um noch beizeiten am Martinianleger einchecken zu können. Auf dem Passagierschiff immerhin umwoge ihn ein anheimelndes Gefühl, gab Böhmermann zu Protokoll, der zuletzt als Fünfjähriger die „Oceana“ geentert hatte, um gen Bremerhaven zu dümpeln.

Apropos Bremensien: Der muntere abendliche Schlagabtausch brachte unter anderem an den Tag, dass Böhmermann Bratwürste von Kiefert mittlerweile denen von Stockhinger vorzieht, dass auch er bereits Opfer der berüchtigten Knutschattacken des vormaligen Bürgermeisters Henning Scherf wurde – und dass sich sein Abischnitt am Schulzentrum Bördestraße auf 2,3 belief. Überhaupt Bremen-Nord: Zugleich freimütig und nostalgisch berichtete der Polizistensohn, dessen übermütige Gangstarap-Satire „Ich hab Polizei“ 2015 durch die Decke ging, wie er im „Pinökel“, einer Kneipe in Vegesack, den „coolen Kindern beim Kiffen zugeguckt habe“. (Gut informierte Kreise bezeugen indes, der fantasiebegabte Böhmermann habe es des Nachts im Viertel oft nicht beim Zugucken bewenden lassen.) Mit liebevollem Spott imitierte der im öffentlichen Nahverkehr gestählte Parodist die spezielle Betonung bei Busdurchsagen aus der Konserve („Gustav-Heinemann-Bürgerhaus“) – und erinnerte daran, wie langwierig Fahrten von Rekum ins Zentrum waren, bevor die Farge-Vegesacker Eisenbahn nach jahrzehntelanger Abstinenz ihren Betrieb wieder aufnahm.

Dörfliche Naherholungsziele

Man ahnt: So präsent sind diesem überwiegend in Köln lebenden Nordbremer, der sich volkstümlich „Bremnorder“ nennt, die infrastrukturellen Probleme der Stadtregion jenseits der Lesum, dass er nur zu gern eine unlängst von Bürgerschaftspräsident Christian Weber im WESER-Strand-Talk angestoßene Initiative zur Rehabilitierung eines urbanen Underdogs unterstützt. Nicht zuletzt deshalb, weil Böhmermann einige gediegene Gegenden im nördlichen Teil des langen Elends Bremen als dörfliche Naherholungsziele schätzt.

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Was der Medienmann auch schätzt und für seine vergleichsweise skeptische Disposition auffällig überschwänglich rühmt, ist die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Das liegt naturgemäß auch daran, dass sie dem smarten Clown reichlich närrische Freiheit einräumt. Jüngstes Beispiel: „Lass dich überwachen!“, eine ZDF-Show, in der ahnungslose Studiozuschauer unfreiwillig zu Stars avancieren. Premiere des Formats war am späten Abend von Böhmermanns WESER-Strand-Aufenthalt. Doch auch jenseits des eigenen beruflichen Fortkommens attestierte Böhmermann ARD und ZDF „sehr unterstützenswerte Arbeit“ und gestand dem linearen Fernsehen trotz digitaler Alternativen noch Jahrzehnte zu. Seiner Meinung nach werden „alte nicht durch neue Medien ersetzt, sondern beide bewegen sich aufeinander zu“. Als löbliches Beispiel führte er die EU-Urheberrechtsreform an, die anarchische Selbstbedienung im Netz mindere.

Ernst und präzise antwortete Böhmermann auf jene Fragen Brüggemanns, die sein Selbstverständnis als Komiker betrafen, der „Wetten mit der Wirklichkeit“ abschließt – und daran glaubt, „durch Verwirrung Aufklärung zu schaffen“. Deutlich wurde in diesem Themenblock zum einen, dass Böhmermann jenseits berufsüblicher Koketterie seines eigenen Verfallsdatums eingedenk ist („Je länger du dabei bist, desto mehr Mainstream bist du“). Zum anderen gewährte er Einblicke in sein Seelenleben im Zuge der Causa Erdogan, die in eine veritable Staatskrise mündete. Angenehm nahbar erschien der begnadete Ironiker an diesem Abend. Und das beileibe nicht nur, weil er bisweilen mit den Fingern knackte und einmal sogar vernehmlich rülpste. Herzlicher Applaus quittierte diesen in jeder Hinsicht beredten Auftritt.

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