Aus Nordkirchen nach Bremen Wie Alexandra Rempe ihre Buchhandlung gründete

Alexandra Rempe ist Inhaberin der Buchhandlung Storm in der Bremer Innenstadt. Doch ihre erste Buchhandlung gründete sie in Nordkirchen im Münsterland - mit 26 Jahren.
17.07.2019, 17:39
Lesedauer: 3 Min
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Wie Alexandra Rempe ihre Buchhandlung gründete
Von Jonas Mielke

Ein Junge stand in meinem Buchladen zwischen den Kinderbüchern. Er zupfte mich leicht an der Bluse und fragte: „Frau Marple, darf ich mal in das Buch reingucken?“

Ich war 26 Jahre alt, als ich meine erste Buchhandlung gegründet hatte, sie hieß: „Miss Marple’s Buchladen“. Der Laden war in Nordkirchen, ein 5000-Seelen-Ort im Münsterland. Ich war ganz neu in Nordkirchen, niemand kannte mich. Die Vorstellung war schön, dass jemand sagt: „Ich gehe noch zu Miss Marple mein Buch abholen.“ Das ist auch wirklich vorgekommen, etwa mit dem Jungen.

Ein Ort wie St. Mary's Mead

Mein Geschäft hatte zwei kleine Räume, jeder vielleicht 30 Quadratmeter groß. Ein Raum war ein Wintergarten. Der Laden war nach Miss Marple benannt, weil ich großer Fan von Agatha Christie war und die Figur so toll fand. Außerdem fand ich, dass Nordkirchen ein wenig an St. Mary’s Mead erinnert, der fiktive britische Ort in der Welt von Agatha Christie.

Nach meinem Abitur habe ich eine Buchhandelslehre gemacht in Lünen, nördlich von Dortmund. Zwischen Ruhrgebiet und Münsterland bin ich aufgewachsen. Nach meiner Ausbildung konnte ich mir nicht vorstellen, mein Leben lang als Buchhändlerin zu arbeiten. Ich dachte, das wäre mir zu eintönig.

Ich habe dann in Duisburg angefangen zu studieren, Kulturwirt als Bachelor-Studiengang. Doch während ich studierte, starb meine Mutter. Ich war auf einmal Waise, mein Vater war schon tot. Ich habe mich neu geordnet und entschlossen: Ich gründe eine Buchhandlung.

Authentizität und Offenheit

Die wichtigste Lektion für eine Buchhändlerin habe ich schon in der Ausbildung gelernt. Ich war davor eher ein verschlossener Mensch, meine wichtigste Erkenntnis war, dass man das nicht sein darf. Man muss offen auf Kunden zugehen, man ist Dienstleister und muss versuchen, die Wünsche des Kunden umzusetzen. Aber weil man davon überzeugt ist – nicht weil man es so gelernt hat. Die Kunden schätzen Authentizität.

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Viele sehen den Beruf des Buchhändlers als verträumte Sache an. Als würde man immer gemütlich sitzen, Bücher lesen, Autoren treffen, mitten im Literaturbetrieb sein. Das gehört zwar zum Teil auch dazu, aber das ist nur das Sahnestück des Ganzen. Ich bin eben auch Kauffrau, das vergessen die meisten. Wenn kein Kunde da ist, bestelle ich Bücher oder räume Regale ein. Trotz Preisbindung muss man entscheiden, wie viel man einkauft, was abverkauft wird und welche Bücher an die Verlage zurückgegeben werden.

Alleinversorger vor Ort

Einen besonderen Schwerpunkt bei den Büchern hatte „Miss Marple’s Buchladen“ in Nordkirchen nicht. In so einem kleinen Ort ist man ein Alleinversorger. Die Belletristik und Kinder- und Jugendbücher nehmen dort den meisten Raum ein. Insgesamt habe ich die Buchhandlung elf Jahre lang geführt, wir haben das Ladenlokal gewechselt, zwei Mitarbeiter haben mich unterstützt. Eine Kundin hatte gerade ein Baby bekommen als ich eröffnete, als ich ging, kam das Mädchen in die fünfte Klasse.

Anfang 2017 bin ich dann zusätzlich Geschäftsführerin der Buchhandlung Storm in der Bremer Innenstadt geworden. Ich wollte expandieren, von einer Freundin habe ich erfahren, dass bei Storm ein Nachfolger gesucht wird.

Ferien in Bremen

Eigentlich wollte ich nicht so weit weg aus der Region um Nordkirchen. Meine Mutter war Bremerin. Ich habe dort als Kind meine Ferien verbracht. Bremen ist für mich ein Stück Heimat. Ich fand es schön, wieder vom Dorf in die Stadt zu ziehen und ein neues Abenteuer zu erleben.

Vor etwa einem Jahr habe ich meine Buchhandlung im Münsterland aufgeben müssen. Der Spagat zwischen Nordkirchen und Bremen hat mich zerrissen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, beiden Läden nicht gerecht werden zu können. Ich habe mich für Bremen entschieden.

Der Unterschied zwischen Storm und „Miss Marple’s Buchladen“ ist wie Tag und Nacht. Bei Storm kann man die Literatur und auch das Buch leben und lieben. Man kann Experimente wagen, die in einer Kleinstadt nicht möglich sind.

Ich habe mich sofort in die Buchhandlung Storm verliebt. Ich fange gerade an, meine eigene Note dazuzugeben. Ich bin in ein gemachtes Haus gekommen. Aber an meiner ersten Buchhandlung hat mir sehr gefallen, dass alles in meiner Verantwortung war. Das Logo, die Möbel, das waren meine Ideen. Manchmal vermisse ich das.

Aufgezeichnet von Jonas Mielke.

Info

Zur Person

Alexandra Rempe wurde 1979 geboren und ist seit 2017 Geschäftsführerin der 1897 gegründeten Buchhandlung Storm in der Bremer Innenstadt. 2016 wurde sie vom Börsenblatt für den Young Excellence Award nominiert. Privat hat sie zuletzt unter anderem das Buch „Monster“ von Yishai Sarid gelesen. Sie ist zweite Vorsitzende der Bremer Literaturstiftung.

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