Biolandbau Wie ein Landwirt seinen Betrieb auf Naturprodukte umstellt

Uwe Michaelis will weg von der konventionellen Landwirtschaft, hin zum Bioanbau. Die Umstellung hat für den Bauern aus Bremen-Mahndorf vor allem wirtschaftliche Gründe.
10.08.2019, 19:22
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Wie ein Landwirt seinen Betrieb auf Naturprodukte umstellt
Von Jürgen Hinrichs

Artus ist auf der Jagd. Der Appenzeller, ein Hütehund, hat sich ein Metallrohr vorgenommen, das im Schuppen auf dem Boden liegt. Er jault und bellt, steckt seine Schnauze in das Rohr. Irgendetwas, das ihn verrückt macht, ein Nager womöglich. Doch Artus täuscht sich, da ist nichts, sein Herrchen ruft ihn: „Artus! Platz!“. Der Hund gehorcht und beruhigt sich. Falscher Alarm, passiert den Besten, und im Prinzip ist es ja gut, dass jemand den Ratten und Mäusen Paroli bietet. Schädlingsbekämpfung auf die natürliche Art – so soll es sein auf einem Bauernhof, der zu neuen Ufern aufbricht. Keine Chemie mehr, um die Pflanzen vor unliebsamem Befall zu schützen. Weg von der konventionellen Landwirtschaft, hin zum Bioanbau. Bei Familie Michaelis hat auf ihrem Hof in Mahndorf eine neue Zeit begonnen.

Zwei Jahre dauert die Umstellung, danach darf alles, was auf den 180 Hektar erwirtschaftet wird, als Bioware verkauft werden. Ein Jahr davon ist um. Uwe Michaelis, Chef auf dem Hof, erntet in diesen Wochen das erste Mal unter den neuen Bedingungen. Weizen und Ackerbohnen werden das sein, Früchte, die so gewachsen sind, wie die Natur es wollte. Ohne das Gift aus der Spritze, mit dem vorher die Schädlinge in Schach gehalten wurden.

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Michaelis hat den Hof von seinen Eltern übernommen. Der 55-Jährige ist Landwirtschaftsmeister, geübt nicht nur im Pflanzenanbau, sondern stark auch bei Fragen der Vermarktung und der gesamten ökonomischen Seite seines Berufs. „Ich kann rechnen“, sagt er. Kühl und nüchtern überlegen, das ist für ihn die Basis von allem, auch für seine Entscheidung, Biobauer zu werden. „Auf die Art kann ich, wenn es gut läuft, mehr Ertrag erzielen“, sagt Michaelis. Könnte sein, dass er in den nächsten Jahren Anbaufläche abgeben muss, weil es Pläne gibt, den nahegelegenen Gewerbepark Hansalinie am Bremer Kreuz zu erweitern. Weniger Quantität, mehr Qualität, lautet die Losung. Nicht die Masse macht’s, sondern der höhere Preis, der beim Verkauf von Bioware erzielt werden kann.

Michaelis ist ein Bauer wie er im Buche steht, groß, kräftig, zupackend und mit Frau, Tochter und Sohn gesegnet, die sich ebenfalls dem Hof verschrieben haben. Die Familie hält zwei Schweine, Lotte und Schnitzel. Die Tiere haben das Glück, draußen zu sein, sich suhlen zu dürfen und im Boden zu wühlen. Bunte Bentheimer, denen ein langes Leben beschieden ist. Schwein gehabt.

Grundschulkinder sollen etwas zu sehen bekommen

Woanders auf dem weitläufigen Grundstück laufen die Hühner, 20 Stück, ein Hobby, das jeden Tag frische Eier bringt. Dahinter steckt aber noch ein anderer Gedanke. Ab und an kommen Grundschulkinder zu Besuch, eine Aktion der Landfrauen. Die Steppkes sollen was zu sehen bekommen, und was ist ein Bauernhof ohne Tiere?

Das ist ein wenig von der alten Idylle, doch übertreiben will Michaelis damit nicht. Er sieht den Hof als Wirtschaftsbetrieb und sich selbst als Unternehmer. Die Umstellung auf Bio folgt einem geschäftlichen Kalkül und keiner ausgeprägten Weltanschauung. Der Bauer will seine Entscheidung nicht als Glaubensfrage verstanden wissen und legt Wert darauf, dass er zwar das Lager wechselt, deswegen aber nicht plötzlich ein Gegner der konventionellen Landwirtschaft geworden ist. Für ihn ist klar: „Wenn es nicht klappt, die Schwierigkeiten zu groß werden, kehre ich zur alten Betriebsweise zurück.“ Kühl und nüchtern eben.

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Andererseits sieht er natürlich die Zusammenhänge. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und synthetischem Dünger setzt eine Kette in Gang, deren Ende beim Verbraucher liegt. „Es ist ja kein Wunder, dass so viele Menschen unter Allergien leiden“, sagt Michaelis. Als er noch kein Biolandwirt war, lagen stets die Handschuhe bereit, damit im Umgang zum Beispiel mit Saatgut nichts passiert. „Das ist normalerweise gebeizt und verträgt sich nicht mit der Haut.“ Anders heute, nach der Umstellung. Der Bauer macht es vor, er steht an der Drillmaschine, mit der die Saat ausgebracht wird und hält ein paar Keimlinge in der Hand. Es ist Rau-Hafer, auch Sand-Hafer genannt, eine selten gewordene Kulturpflanze. „Toll, dass man jetzt alles anfassen kann“, freut sich Michaelis. Die Handschuhe legt er weg, er braucht sie nicht mehr.

Den Rau-Hafer hat er über den Winter auf seinen Flächen als Bodendecker benutzt, um später die Ackerbohnen zu pflanzen. „Der Hafer friert ab, danach kann ich säen.“ Ein Trick, damit das gelingt, was der Bauer einen „sauberen Tisch“ nennt. Andernfalls würde die Erde von Unkraut überwuchert sein. In dem Ackerbaubetrieb mit jahrhundertealter Tradition wurden vorher Raps, Weizen und Gerste produziert. Der Weizen und die Ackerbohnen der aktuellen Ernte sind sogenannte Umstellerware. Noch nicht Bio, aber auf dem Weg dorthin. Michaelis muss die Produkte entsprechend deklarieren.

Bereits die Umstellware bringt mehr Geld

Er rechnet mit einer Menge ähnlich der vom vergangenen Jahr, als auf seinem Hof noch konventionell gewirtschaftet wurde. Der Vorteil: Schon die Umstellerware bringt mehr Geld. So geht die Rechnung bereits im ersten Jahr auf, wenn alle Annahmen eintreffen. Doch wissen kann der Bauer das noch nicht, er geht ein Risiko ein, es ist aber überschaubar. Sein Vater, erzählt Michaelis, sei zuerst kritisch gewesen. „Hast du dir das richtig überlegt?“, habe er gefragt. Eine Skepsis, die keiner Begeisterung gewichen ist, sich aber gelegt hat. „Das hat ein bisschen gedauert“, sagt der Sohn. Er spürt den Altbauer nicht im Nacken, sondern hat ihn neben sich. Die Familie hält zusammen.

Die erste Ernte, die zweite noch, dann soll zum Beispiel auch Dinkel auf den Feldern stehen, und man wird sehen. Begleitet und kontrolliert wird dieser Prozess von einem Zertifizierer. Michaelis hat sich das Unternehmen Abcert ausgesucht, einen Dienstleister mit mehr als 15.000 Kunden in Deutschland, der sich unter anderem auf ökologischen Landbau spezialisiert hat. Von diesen Fachleuten hängt am Ende ab, ob der Landwirt zum Biobauer wird. Sie müssen ihm attestieren, dass er jede der strengen Regeln einhält.

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Michaelis informiert sich, er fährt zu Öko-Messen, recherchiert im Internet und hält engen Kontakt zu einem Kollegen aus Timmersloh, der das Verfahren bereits erfolgreich hinter sich gebracht hat. Der Mann ist jetzt Biobauer, Michaelis will bald einer sein.

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Niedersachsen hinkt hinterher

Die Bundesregierung hat sich im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsstrategie zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2030 ein Fünftel aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland auf Ökolandbau umgestellt haben. Eine Quote, die zwar noch weit entfernt ist, es gibt aber seit mehr als 20 Jahren einen kontinuierlichen Anstieg. Im vergangenen Jahr betrug der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche in der Landwirtschaft 9,1 Prozent. Er hat damit gegenüber 2017 um 0,9 Prozentpunkte zugenommen. Das geht aus jüngst veröffentlichten Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hervor.

Je nach Bundesland hat der Ökolandbau eine unterschiedliche Bedeutung. Schlusslicht ist Niedersachsen mit einem Anteil von lediglich 4,1 Prozent. Die Landwirte in dem Bundesland kaprizieren sich sehr stark auf Massentierhaltung, insbesondere von Schweinen, es ist deshalb nicht überraschend, dass die Biosparte unterdurchschnittlich vertreten ist. Den höchsten Ökoanteil an der landwirtschaftlichen Produktion weist mit 16,5 Prozent das Saarland auf, gefolgt von Hessen (14,7 Prozent), Baden-Württemberg (14 Prozent) und Brandenburg (12,3 Prozent).
In absoluten Zahlen ausgedrückt waren es im vergangenen Jahr in Deutschland 31 713 Betriebe, die nach den Regeln des ökologischen Landbaus gewirtschaftet haben. Das sind zwölf Prozent aller Agrarbetriebe. Die Biobauern nahmen knapp mehr als 1,5 Millionen Hektar unter den Pflug. Insbesondere in den vergangenen drei Jahren zeige die Kurve wieder deutlich nach oben, heißt es in einer Mitteilung des Umweltbundesamtes. Die Behörde führt das darauf zurück, dass nach ihrer Beobachtung der politische Rückhalt für die Abkehr vom konventionellen Anbau in vielen Bundesländern zugenommen hat.

Wie groß der Markt mit Bioware mittlerweile ist und welche Entwicklung er bereits hinter sich hat, illustriert das Umweltbundesamt mit Zahlen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Demzufolge erhöhte sich der Umsatz in diesem Bereich von 1,48 Milliarden Euro im Jahr 1997 auf 10,91 Milliarden Euro im Jahr 2018. „Die hohe Nachfrage übersteigt derzeit die einheimische Produktion“, stellt das Umweltbundesamt fest. Deutschland importiere deshalb Ökoprodukte. Dabei, so die Behörde, könnte ein Teil dieser Ware auch im eigenen Land produziert werden.

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