Essay: Branche im Umbruch

Wie sich die Landwirtschaft in Niedersachsen ändert

Niedersachsens Bauern haben ein Imageproblem: Mit einem Film gehen sie dagegen vor und zeigen sich verantwortungsbewusst. Was das über die Branche aussagt, thematisiert Marc Hagedorn in einem Essay.
16.07.2019, 23:23
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Wie sich die Landwirtschaft in Niedersachsen ändert
Von Marc Hagedorn
Wie sich die Landwirtschaft in Niedersachsen ändert

Milchland Niedersachsen: Jeder fünfte Liter in Deutschland kommt von hier, unter anderem aus diesem Betrieb in Riede. Melker Bozhidar Kirov legt Hand an.

Jonas Kako

Ein Mann in Arbeitskleidung kniet in einem Stall neben einem Kälbchen, er reibt es mit Stroh ab und füttert es mit einem Fläschchen. Er sagt: „Nachhaltigkeit steht bei uns an erster Stelle. Die Kuh muss sich wohlfühlen.“ Ein anderer Mann stapelt Kartoffeln an seinem Verkaufsstand. Er sagt: „An jedem Sack steht mein Name. Ich stehe gerade dafür, dass ich gute Lebensmittel abliefere.“ Eine junge Frau sitzt hinter einem Lenkrad, auf ihrem Schoß ein Hund. Geschickt steuert sie mit einer Hand den Trecker. Sie sagt: „Ich will, dass es meinen Tieren gut geht.“

Drei Szenen aus dem Video „Echt Grün, Eure Landwirte“. Niedersachsens Bauern haben den fünfminütigen Film drehen lassen und in die Kinos und ins Internet gebracht. Die Botschaft ist klar: Die Landwirtschaft der Gegenwart ist verantwortungsbewusst, sie ist modern und weiblich, die Tierhaltung artgerecht und respektvoll.

Die Zahlen sind beeindruckend: 38 Prozent aller deutschen Eier, 28 Prozent aller Zuckerrüben und jeder fünfte Liter Milch kommen aus Niedersachsen. 32 Prozent aller Schweine werden hier gehalten, und fünf Millionen Tonnen Kartoffeln sowie 6,8 Millionen Tonnen Getreide werden auf hiesigen Feldern geerntet. Die Landwirtschaft mit den ihr nachgelagerten Betrieben ist in Niedersachsen nach der Automobilindustrie der zweitgrößte Arbeitgeber.

Sommerhitze - Getreidernte in Niedersachsen

Herausforderung Klimawandel: Wenn es zu heiß wird im Sommer, trocknen die Böden aus. Der Staub ist dabei noch das kleinste Problem.

Foto: Julian Stratenschulte

Dass sich Niedersachsens Landwirte im vergangenen Jahr veranlasst sahen, diesen aufwendigen Werbefilm drehen zu lassen, verrät einiges über die Befindlichkeit der Branche. Die Landwirtschaft hat ein Imageproblem, und viele Bauern fühlen sich falsch wahrgenommen. Dabei spielen Vorurteile und gefühlte Wahrheiten eine Rolle wie: Bauern jammern gern. Bauern kassieren Millionen aus Brüssel. Bauern denken erst an sich und dann an die Umwelt. Als pauschale Behauptung ist das Quatsch.

Aber es gibt auch Fakten, die in dem Film „Echt Grün, Eure Landwirte“ nicht zur Sprache kommen. Dass in Niedersachsen riesengroße Zuchtanlagen stehen, dass hier die Hälfte aller deutschen Masthühner gehalten wird. Dass diese Tiere jährlich 40 Milliarden Liter Kot und Gülle produzieren. Dass überhaupt mehr Fleisch, Milch und Kartoffeln produziert werden, als die Menschen in Deutschland essen können. Von Nitrat im Boden, Treibhausgasen in der Luft und Antibiotika in Tierkörpern ganz zu schweigen. Auch das gehört zur Realität der deutschen Landwirtschaft im Jahr 2019.

Landwirte leiden auch unter dem Klimawandel

Ist die Landwirtschaft also eine verkommene Branche und der Bauer der Schurke? Wer das denkt, weiß es nicht besser oder ist ideologisch motiviert. Die Welt ist komplizierter. Landwirte sind mitverantwortlich für den Klimawandel, aber sie leiden auch darunter. Und sie unternehmen etwas dagegen. Immer mehr Betriebe stellen auf Bio um. Den Ausstoß an Treibhausgasen haben die Bauern in den vergangenen Jahren reduziert. Und es gibt weitaus größere Umweltsünder, zum Beispiel den Verkehr mit immer größeren und immer mehr Autos. Es wird so viel geflogen wie noch nie. Energiewirtschaft, Industrie, Haushalte und Kleinverbraucher produzieren mehr Treibhausgase als die Landwirtschaft.

Das entlässt die Bauern nicht aus ihrer Verantwortung, zumal der Methan- und Lachgasausstoß in der Landwirtschaft nach wie vor ein großes Problem ist. Aber es ordnet ihre Rolle etwas genauer ein. Auch im globalen Kontext. Alles hängt mit allem zusammen. Von Niedersachsen nach Brasilien ist es weniger weit, als man annehmen könnte. Weil in Deutschland seit Jahren der Bedarf an Soja wächst, unter anderem für Tierfutter, wird tüchtig importiert. Woher? Aus Südamerika zum Beispiel. In Brasilien werden Abertausende Hektar Regenwald gerodet, um Anbauflächen für Soja zu schaffen. Der Sojaexport ist für die brasilianische Wirtschaft eine sichere Einnahmequelle. In Deutschland werden die Kühe satt und stark. Aber den Preis zahlt die Umwelt auf der anderen Seite des Globus’; Klima, Böden und Grundwasser leiden.

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Spätestens an dieser Stelle muss der Verbraucher und sein Konsumverhalten ins Spiel kommen. Was will er eigentlich? Auf jeden Fall immer mehr, zum Beispiel Fleisch. Wir essen heute doppelt so viel Fleisch wie vor 100 Jahren. In den Schlachthöfen Niedersachsens werden Tiere maschinell und im Sekundentakt getötet. In vielen Mastställen wachsen Lebewesen heran, deren einziger Zweck es ist, möglichst schnell auf unseren Tellern zu landen. Bauer Willi, ein Landwirt, der für seine Texte im Internet ziemlich berühmt, manche sagen: berüchtigt ist, hat vor ein paar Jahren seinen Ärger über eine bestimmte Mentalität aufgeschrieben: „Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig. Und dann auch noch Ansprüche stellen! Deine Lebensmittel soll genfrei, glutenfrei, lactosefrei, cholesterinfrei, kalorienarm (oder doch besser kalorienfrei?) sein, möglichst nicht gedüngt und wenn, dann organisch. Aber stinken soll es auch nicht, und wenn organisch gedüngt wird, jedenfalls nicht bei dir. Gespritzt werden darf es natürlich nicht, muss aber top aussehen, ohne Flecken. Sind doch kleine Macken dran, lässt du es liegen.“ Das gab vielleicht einen Shitstorm damals. Nicht jeder lässt sich gern den Spiegel vorhalten.

Bei aller Polemik und Zuspitzung steckt Wahres in diesen wütenden Zeilen. Rigoroser Moralismus von Seiten der Politik oder der Verbraucher gegenüber den Bauern kann nicht der Schlüssel sein, um die Landwirtschaft nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten.

Der Gegenentwurf zur industriellen Produktion ist eine Landwirtschaft wie aus dem Bilderbuch, ein Bullerbü mit glücklichen Tieren und natürlich wachsenden Lebensmitteln. Jedes Ei, jeder Schinken und jedes Schnitzel kommen vom Hof um die Ecke. Schön wär’s, aber so viele Ecken und Höfe kann es gar nicht geben, dass demnächst acht, neun oder zehn Milliarden Menschen satt werden könnten.

Viele Bauern geben auf

Der Trend ist ein ganz anderer: Die Zahl der Höfe in Niedersachsen und Deutschland nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Bauern geben auf, weil sie nicht mehr von ihren Erträgen leben können, weil ihnen die Bürokratie den Spaß an der Arbeit genommen hat, weil sie keine Nachfolger finden oder weil Großbetriebe sie einfach schlucken oder ihnen den Boden abkaufen. Andere überleben nur, weil sie sich ein zweites oder drittes Standbein schaffen. Unterm Strich heißt das, dass immer weniger, dafür aber immer größere Betriebe immer mehr produzieren (müssen).

Bauern sind Unternehmer auf dem Lande. Sie verbringen heute mehr Zeit im Büro als auf dem Feld. Das muss nicht schlecht sein, genau wie die Digitalisierung, die längst die Betriebe erreicht hat. Kühe, die der Roboter melkt, Trecker, die fast von alleine fahren, Computer, die Futter- oder Wassermengen berechnen – das klingt nach Science-Fiction und so, als entferne sich die Landwirtschaft, dieser Beruf für Mensch und Hand, noch weiter von der Schöpfung.

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Tatsächlich kann die Digitalisierung aber dafür sorgen, Ressourcen zu schonen, weil sie effizientere Arbeit ermöglicht. Sie kann den Mittelstand stärken. Auch als Gegengewicht zu den Agrar- und Lebensmittelkonzernen, deren schiere Größe und Macht (Arbeitsplätze!) die Politik bisweilen einzuschüchtern scheint, wenn es darum geht, Gesetze zu erlassen. Männliche Küken beispielsweise, frisch geschlüpft, dürfen immer noch vergast werden.

In dem „Echt-Grün“-Video der niedersächsischen Bauern sagt ein Landwirt an einer Stelle: „Wir haben eine von Gott gesegnete Gegend.“ Um die zu erhalten, braucht es ein Miteinander aller Parteien: eine Politik, die ökologisches und artgerechtes Handeln belohnt. Verbraucher, die sich beim Einkauf nicht vom Geiz-ist-geil-Gedanken treiben lassen. Einen Einzelhandel, der vom Vor-allem-billig-Köder abrückt, und eine Lebensmittelindustrie und Landwirte, die auf Klasse statt Masse setzen.

Gelingt dieses Zusammenspiel nicht, drohen dramatische Szenarien. Einige sind schon real. Über die Afrikanische Schweinepest etwa sagen Experten, dass die zentrale Frage nicht mehr ist, ob, sondern nur noch wann sie auch Deutschland erreicht.

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