Aus dem Leben der Inge Berger

Wie eine Bremer Jüdin den Holocaust überlebte

Als Inge Berger in Bremen aufwächst, ist sie eine Verfolgte. 1942 wird die Jüdin von den Nationalsozialisten mit ihrer Familie ins KZ geschickt. Die 95-Jährige ist eine der letzten Bremer Holocaustüberlebenden.
08.10.2019, 10:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Philipp Hedemann, New York

An Bremen denkt Inge Berger noch oft. Dabei trennen sie über 6000 Kilometer von ihrer Heimatstadt, die sie vor über 64 Jahren verließ. Denkt Inge Berger an Bremen, denkt sie an eine unbeschwerte frühe Kindheit in der Neustadt, feierliche Gottesdienste in der Synagoge, aber vor allem an Nazi-Terror in der Reichspogromnacht und die Nachbarn, die plötzlich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten und nach Ende des Krieges sagten, dass sie keine Ahnung gehabt hätten, was Inge Berger und ihrer Familie während des Holocaust angetan worden war. Inge Berger wurde 1924 als Tochter des jüdischen Geschäftsmannes Carl Katz in Bremen geboren und überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt. Weil sie nach dem Krieg nicht mehr in dem Land leben wollte, das für den größten Zivilisationsbruch der Geschichte verantwortlich ist, wanderte sie 1955 nach New York aus. Von dort betrachtet die heute 95-Jährige den wieder erstarkenden Antisemitismus mit großer Sorge.

„Ich habe den Eindruck, als finge alles noch mal von vorne an. Wir, die Juden, sind immer diejenigen, die für alles verantwortlich gemacht werden. Wir sind immer der Sündenbock und der Prügelknabe. Wenn irgendetwas schiefläuft, bekommen immer die Juden die Schuld.“ Inge Berger sitzt in ihrem Wohnzimmer im New Yorker Stadtteil Queens und spricht darüber, was sie während der Herrschaft der Nationalsozialisten erlebt hat und wie sie heute darunter leidet. Es strengt die 95-Jährige an, wühlt sie jedes Mal aufs Neue auf. Und doch will Inge Berger sprechen. Als eine der letzten verbliebenen Holocaust-Überlebenden möchte sie, dass ihre Geschichte gehört wird. Inge Berger möchte mahnen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Sie war neun Jahre alt, als Hitler die Macht ergriff, und schon bald sollte ihre bis dahin glückliche Kindheit enden. Zusammen mit ihrer Cousine und besten Freundin Ruthie trainierte sie damals in einem Bremer Turnverein für eine Vorstellung. Doch kurz vor dem geplanten Auftritt wurden Inge und Ruthie ausgeschlossen. Jüdische Sportlerinnen waren nicht mehr zugelassen. Inge machte das traurig. Was sie falsch gemacht hatte, begriff sie nicht. Und auch in der Schule war Inge plötzlich ein Mensch zweiter Klasse. Von einem Tag auf den anderen mussten Inge und Ruthie in der Schule in der Delmestraße in der Neustadt in der letzten Reihe sitzen. Die Klassenfahrt wurden ihnen gestrichen, weil der Aufenthalt für Juden in der Jugendherberge nicht mehr erlaubt war. Und dann war da noch der Schuldirektor. „Er war ein Nazi. Wir hatten ihn in Geschichte. Er kam jedes Mal in Uniform und hatte immer etwas gegen die Juden zu sagen. Aber am Ende der Stunde sagte er stets: Aber das bezieht sich natürlich gar nicht auf Ruth und Inge“, erinnert Inge Berger sich über 80 Jahre später.

Doch die antisemitischen Worte des Schulleiters verfingen bei Inges Mitschülerinnen. Niemand wollte mehr etwas mit den jüdischen Schülerinnen zu tun haben, bald durften die Mitschülerinnen Inge und Ruthie nicht mehr zu Hause besuchen. „Wir wurden immer ausgegliedert und wuchsen mit Minderwertigkeitskomplexen auf“, erzählt Inge Berger.

Am 9. November 1938 schlug die Ausgrenzung in offenen Hass und brachiale Gewalt um. Als in der Reichspogromnacht in ganz Deutschland Synagogen brannten und Wohnungen und Geschäfte von Juden gestürmt, geplündert und zerstört wurden, gingen die SA-Männer in Bremen besonders brutal vor. Fünf Menschen jüdischen Glaubens wurden in jener Nacht in ihren Wohnungen getötet. Auch Inge Bergers Familie wurde von den marodierenden Nazis heimgesucht.

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Es war noch dunkel, als die SA-Männer an der Tür der Familie Katz in der Isarstraße 33 klopften. „Sie haben meinen Vater zur Seite gestoßen und gleich angefangen, alles, was nicht niet- und nagelfest war, zu zertrümmern. Die Sabbat-Kerzen hingen in der Standuhr, die Pflanzen und das Geschirr lagen auf dem Fußboden. Es war furchtbar! Meine Großmutter hörte das Klingen des Geschirrs und fiel in Ohnmacht“, berichtet Inge Berger.

An die alltäglichen Diskriminierungen hatte die 14-jährige Inge sich zu diesem Zeitpunkt schon gewöhnt, doch der staatlich organisierte Terror war ein Schock. „Wer konnte denn erwarten, dass Personen in Uniformen in Privatwohnungen kommen und alles zertrümmern“, fragt sie sich noch heute. Damals war ihr erster Gedanke, die Polizei zu rufen. Erst später begriff sie, dass Juden in Deutschland im November 1938 von der Polizei keinen Schutz mehr erwarten durften. „Unsere Nachbarn müssen mitbekommen haben, was passiert war, aber keiner hat seine Tür aufgemacht und sich erkundigt, wie es uns geht“, erzählt Inge Berger. Ihren Vater nahmen die SA-Männer an jenem Morgen mit, fünf Wochen später kehrte er ausgemergelt aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zurück.

Inge zog kurz darauf zu einer Tante nach Berlin, begann mit anderen jüdischen Mädchen eine Ausbildung zur Schneiderin. Doch als im Mai 1940 die ersten britischen Bomben auf Bremen fielen, kehrte sie zu Mutter, Vater und Großmutter zurück. „Man weiß nie, was passiert. Ich möchte, dass Du zurückkommst, damit wir wieder zusammen sind“, hatte Inges Vater gesagt – und Inge hörte auf ihn.

Weil ihr Haus mittlerweile beschlagnahmt worden war, lebte die Familie Katz damals gemeinsam mit vielen anderen jüdischen Familien im sogenannten Judenhaus in der heutigen Parkstraße in Schwachhausen. Dort feierte Inge Berger mit den anderen Bewohnern den sechsten Geburtstag des kleinen Rolf Frank. Von diesem Tag an musste Rolf wie jeder Jude in der Öffentlichkeit den gelben Stern tragen. Für den kleinen Jungen war der Aufnäher das schönste Geburtstagsgeschenk. Endlich gehörte er zu den Großen! „Der sechste Geburtstag war sein letzter“, berichtet Inge Berger. Bevor er sieben Jahre alt wurde, starb Rolf in einem Vernichtungslager bei Minsk im heutigen Weißrussland.

Als Juden durften Inge und ihre Familie während der Luftangriffe auf Bremen nicht in die Bunker. Stattdessen suchten sie im Luftschutzkeller des Judenhauses Zuflucht. „Unsere Stimmung im Luftschutzkeller war mit Angst verbunden, aber gleichzeitig auch mit der Hoffnung, dass, wenn die Bomben fallen, der Krieg damit ein Ende findet und dass wir wieder als freie Menschen leben können“, erzählt die fünffache Großmutter und neunfache Urgroßmutter.

Das Kriegsende erlebte Inge Berger nicht im Bremer Luftschutzkeller, sondern fast fünf Jahre nach den ersten Luftangriffen auf Bremen im Konzentrationslager Theresienstadt in der heutigen Tschechischen Republik. Dorthin war sie mit ihren Eltern und ihrer Großmutter am 23. Juli 1942 deportiert wurden. Rund zwei Wochen später starb dort ihre geliebte Oma. „Es dauerte nicht lange, bis der Leichenwagen kam. Es war ein offener Holzwagen. Der Wagen wurde am Morgen für Brotlieferungen genutzt und am Abend für Leichen“, erinnert Inge Berger sich. Sie folgte dem Leichenwagen bis zum Tor des Lagers. Weiter ließen die Nazis sie nicht gehen.

„Rosa Grünberg“, der Name ihrer Großmutter war der erste Name, den Inge Berger am 2. August 1942 mit sorgsamer Schrift in ihr kleines rotes Ledernotizbuch schrieb. Viele weitere folgten. Es waren die Namen von Bremer Jüdinnen und Juden, die an Typhus und Ruhr starben oder die Entbehrungen in Theresienstadt nicht überlebten. Wie ihre Großmutter verschwanden sie in schnell ausgehobenen Massengräbern oder wurden verbrannt. Da sie keinen Grabstein bekamen, schrieb Inge in ihr Büchlein.

Allem Leid zum Trotz wird Theresienstadt für Inge Berger aber auch immer mit einer schönen Erinnerung verbunden bleiben. Im Konzentrationslager traf sie den tschechischen Juden Schmuel Berger. Es war Liebe auf den ersten Blick und Liebe für ein Leben lang. „Das erste Mal sah ich ihn bei einem Gottesdienst an unserem höchsten Feiertag. Unsere Augen haben sich getroffen. Ich dachte mir: Das ist einer, der zum Gottesdienst gegangen ist, das kann kein schlechter Mensch sein“, sagt Inge Berger über den Mann, den sie knapp fünf Jahre nach der ersten Begegnung im Konzentrationslager am 24. Juni 1947 in Bremen heiratete. Ihre Enkelin Elise Garibaldi sagt: „Dass die Geschichte meiner Großmutter auch in Deutschland sehr positiv aufgenommen wird, hilft ihr, endlich Frieden zu finden. Im Alter von 95 Jahren!“

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