Auflagen sorgen für Unsicherheit Viele Fragezeichen vor Öffnung von Bremens Gastronomie

Wochenlang blieb Bremens Gastronomie geschlossen. Ab Montag darf sie wieder öffnen. Ein Neustart unter erschwerten Bedingungen. Und mit vielen offenen Fragen.
17.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Urlbauer

Der Barbereich in „Isaak's Garden“ in Schwachhausen ist mit einem weißen Laken abgehängt. Aber nur noch bis Montag, denn dann dürfen Restaurants und Gaststätten in Bremen wieder öffnen. Während Servicekraft Charline Meines vorne Burger zum Mitnehmen durch ein Fenster verkauft, bereitet Inhaber Jürgen Lonius hinten alles für die Wiedereröffnung vor. Sein wichtigstes Hilfsmittel: der Zollstock. Denn zwischen Tischen muss es mindestens zwei Meter Abstand geben, heißt es in der dritten Coronaverordnung, die am Dienstag vom Senat erlassen wurde. Es ist eine von vielen Auflagen, die Lonius erfüllen muss, wenn er wieder Gäste empfangen möchte.

„Es war wie eine Vollbremsung“, sagt Lonius, der „Isaak's Garden“ von einem Tag auf den anderen schließen musste. Auf Schockstarre folgte Aktionismus: Lonius und sein Team entwickelten ein Konzept für Burger zum Mitnehmen. „Ich wollte jahrelang kein 'to-go' anbieten, das ist nicht meine Philosophie.“ Doch dann wurde gerade dies zur einzigen Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die Wiederöffnung fühle sich gut an, nach Neuanfang, so der 65-Jährige. „Der Laden ist aufgefrischt, die Kellner sind motiviert. Das ist eine Entschädigung für die letzten Wochen.“

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Mit dem Neustart müsse sich „Isaak's Garden“ aber neu erfinden, das Angebot überdenken. „Wir werden bei unserer kulinarischen Richtung bleiben. Frisch, regional, saisonal. Aber mit einer kleinen Karte, die sich leicht anpassen lässt. Das passt auch zu unserem kleinen Geschäft.“ Mit der Coronaverordnung gibt es neue Spielregeln. Der Gastronom will zeigen, dass er weiß, wie man das Spiel spielt. Nach jedem Besuch werden die Holztische gereinigt und eine neue Papiertischdecke aufgelegt. „Das hat plakativen Charakter. Das weiße Papier ist wie das Siegel eines frisch gedeckten Tischs.“

Das Essen sei ein Aspekt der Gastronomie, der soziale Charakter der zweite, so Lonius. Wie schafft man Atmosphäre, wenn das halbe Lokal leer bleiben muss? Wie bietet man einen guten Service, wenn die Mimik hinter einer Maske versteckt ist? „Das ist natürlich bitter.“ Dennoch freut er sich, wieder Gäste in seinem Lokal empfangen zu dürfen und den gesellschaftlichen Auftrag einer Gastronomie zu erfüllen. „Wir wollen, dass sich die Kunden wohlfühlen.“ Außerdem besinnt sich Lonius darauf, dass die Vorgaben nicht für immer sind, man zur normalen Gastronomie zurückkehren werde. „Die Regeln sind nur temporär.“

Hoffnung auf mehr Lockerungen im Juni

Darauf baut auch Nathalie Rübsteck, Hauptgeschäftsführerin der Dehoga Bremen. "Wir freuen uns, dass Hotellerie und Gastronomie wieder öffnen dürfen, aber wir hätten uns weniger Auflagen gewünscht. Wir hoffen, dass es im Juni mehr Lockerungen geben wird." Über die Auslegung der aktuellen Auflagen herrsche noch Unklarheit. "Uns erreichen unendlich viele Fragen", sagt Rübsteck. "Wer darf an einem Tisch sitzen? Können drei zu viel sein?

Welche Kontaktdaten müssen aufgenommen werden?" Als Antwort auf die wichtigsten Fragen wurde Freitagnachmmitag eine Handlungsempfehlung veröffentlicht. Auf die Frage, ob sich eine Wiedereröffnung bei geringerer Kapazität und mit erhöhtem Aufwand lohne, gibt das elfseitige Papier keine Antwort. Nathalie Rübsteck schon: "Ich gehe nicht davon aus, dass die Öffnung zurzeit wirtschaftlich ist."

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Viel Aufwand für wenig Geld, das befürchtet auch Phil Seling, der neben dem „Paddy's Pit“ in der Bahnhofsvorstadt auch das „Loft“, „Red Rock“ und „Little Mary's“ führt. „Wir erwarten 25 Prozent von unserem normalen Umsatz.“ Dennoch seien alle froh, wieder zu starten, so Seling. „Unseren 450-Euro-Kräften konnten wir gar nicht helfen.“ Vor der Wiedereröffnung habe das Personal eine Hygieneschulung bekommen, die Bierleitungen eine extra Reinigung. „Wir haben die Hygienestandards, die wie sowieso schon einhalten, noch mal verschärft.“ Für das Personal gebe es ausreichend Material: Masken, Einweg-Handschuhe, Desinfektionsmittel. „Man darf nicht vergessen, dass das zusätzliche Kosten sind.“

„Wir sind soweit vorbereitet“, sagt Bekim Dervishaj, der das „Renoir“ in Walle und Lesum betreibt. „Wir arbeiten in einer Branche, in der Hygiene grundsätzlich großgeschrieben wird.“ Es sei selbstverständlich, dass man sich nicht ins Gesicht fasse oder durch die Haare streiche. Auch Desinfektionsspender habe es in seinen Restaurants bereits gegeben. Sowohl das Lokal in Walle als auch das in Lesum blieb die vergangenen Wochen geschlossen, ein Außer-Haus-Angebot wäre nicht wirtschaftlich gewesen, sagt Dervishaj.

Hausgemachte Sorgen

„Wir haben uns mit unseren Angestellten hingesetzt und dazu entschieden, alle abzumelden, damit sie zum Arbeitsamt gehen können.“ Jetzt würden alle wieder eingestellt – doch die Arbeit in den Restaurants werde so gering wie möglich gehalten. „Ich werde als Betreiber mehr arbeiten müssen und damit leben, in diesem Jahr nichts zu verdienen.“ Doch die letzten Jahre liefen nach Dervishajs Angaben gut, er habe Rücklagen. „Wenn Restaurants jetzt wirtschaftliche Probleme haben, dann sind das hausgemachte Sorgen.“

Neben Diskotheken, Kinos und Theatern müssen laut Coronaverordnung auch Bars weiterhin geschlossen bleiben. Wie sich eine Bar von einer Kneipe oder anderen Gaststätten unterscheidet, ist aus der Verordnung nicht herauszulesen – was laut Nathalie Rübsteck für viele Fragen bei den Gastronomen gesorgt hat. Die Antwort darauf hat Kai Stührenberg, Sprecher der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa. „Rechtlich wird da nicht unterschieden. Es gibt eine Konzession für alle Gaststätten. Was wir als Bar verstehen, sind Lokalitäten, die nur einen Tresen haben. Alles, was Sitzplätze hat und wo man den Mindestabstand einhalten kann, darf betrieben werden.“

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