Wegen Corona-Einschränkungen

Bremer Gastronomie und Hotellerie fürchten Pleitewelle

Die Angst vor einer Pleitewelle in Folge der Corona-Krise geht in der Hotellerie und Gastronomie um. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) plädiert für Geduld. Jens Eckhoff (CDU) fordert einen Rettungsschirm.
17.04.2020, 21:18
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Marc Hagedorn und Sigrid Schuer
Bremer Gastronomie und Hotellerie fürchten Pleitewelle

Das Hotel- und Gaststättengewerbe ist von den Corona-Lockerungen ausgeschlossen.

Frank Thomas Koch

Das Hotel- und Gaststättengewerbe rechnet mit dem Schlimmsten: „Wenn die Krise irgendwann vorbei sein sollte, wird es mindestens ein Drittel der Betriebe nicht mehr geben“, sagt Detlef Pauls, Vorsitzender des Dehoga-Landesverbandes Bremen. Pauls betreibt das Hotel Munte mit mehr als 100 Mitarbeitern. Er sagt, dass er von mehreren, vor allem älteren Kollegen wisse, dass sie sich mit dem Gedanken beschäftigen, ihr Geschäft aufzugeben, selbst wenn sie irgendwie bis zum Ende der Krise durchhalten sollten. Die Stimmung sei „katastrophal, hier herrschen richtige Existenzängste“.

Lesen Sie auch

Ängste, die seit Mitte dieser Woche größer und nicht kleiner geworden sind. Am Mittwoch hatten sich die Bundesregierung und die 16 Ministerpräsidenten der Länder darauf verständigt, Lockerungen zuzulassen, beispielsweise für den Einzelhandel. Für Restaurants, Gaststätten und Hotels dagegen bleibt vorerst alles beim Alten. Sie sind nach wie vor massiv eingeschränkt. Die Einnahmeausfälle sind enorm. Die Dorint-Gruppe beispielsweise macht laut Aufsichtsratschef Dirk Iserlohe jeden Monat einen Umsatzverlust in Höhe von 1,1 bis 1,3 Millionen Euro allein in Bremen. Die Dorint GmbH betreibt drei Hotels mit 280 Beschäftigten in der Stadt, darunter das Park Hotel. Sie macht nun Entschädigungsansprüche gegenüber dem Senat geltend.

Dorint GmbH will Entschädigungen

„Wir haben Widerspruch zur Verordnung der Nichtnutzbarkeit unserer Hotels für touristische Zwecke und Tagungen eingelegt“, sagt Iserlohe. Die Dorint-Geschäftsführung und ihre Rechtsberater gehen davon aus, dass die Verfügung des Senats, vereinfacht gesprochen, auf einer falschen Grundlage getroffen worden ist. Nach Einschätzung der Dorint GmbH stehen ihr laut „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ Entschädigungsansprüche zu. „Wenn diese abgelehnt werden, würden wir eine Feststellungsklage einreichen“, sagt Iserlohe. Das sei er seiner Belegschaft schuldig. Er findet die Arbeit der Politik, vor allem der Bundesregierung, zwar „bravourös“, fordert für das Hotel- und Gastronomiegewerbe aber eine „Nachjustierung“.

„Mir sind die Sorgen und Nöte der Gastronomiebetriebe sehr bewusst und ich nehme sie sehr ernst. Ich habe aber auch die Verantwortung für die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger“, betont Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). Bundesweiter Konsens bestehe darin, dass „es derzeit noch zu früh und nicht zu verantworten sei, die Öffnung von Gastronomie und Hotels wieder zu erlauben. Die Gäste sitzen ja üblicherweise über längere Zeit zusammen. Damit geht ein höheres Infektionsrisiko einher, selbst wenn es gelingen sollte, einen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern durchzusetzen. Das gilt auch für die Außengastronomie“, so Bovenschulte. In zwei Wochen werde darüber entschieden, ob weitere Lockerungen zu verantworten seien.

Lesen Sie auch

Für das vorsichtige Vorgehen des Bürgermeisters hat Barry Randecker, seit 40 Jahren Gastronom in Bremen, viel Verständnis. Er ist Geschäftsführer des „Theatro“ und der „Meierei“ im Bürgerpark. „Wir haben schließlich eine soziale Verantwortung für unsere Kunden“, sagt er. Besonders beim Blick auf die hohen Corona-Opferzahlen in anderen Ländern gelte es, die Füße stillzuhalten, betont Randecker. Er sagt aber auch, dass es vor allem für diejenigen Betriebe schwierig ist, die erst kurze Zeit am Markt seien.

Letzteres sagt auch Ursula Carl, langjährige Geschäftsführende Gesellschafterin des Atlantic Grand Hotels, und nun erste Vorsitzende des Bremer Verkehrsvereins: „Besonders schlimm ist es für die kleinen gastronomischen Betriebe, von denen ich im Viertel viele kenne. Die leben von der Hand in den Mund. Der Branche geht es wirklich richtig dreckig.“ Von den vier Atlantic Hotels in Bremen ist nur noch das Atlantic Grand Hotel am Bredenplatz für Geschäftsleute im Homeoffice geöffnet. Mit Randecker ist sie sich einig, dass die Absenkung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf sieben Prozent der Branche helfen könnte, sollten die Geschäfte erst mal wieder laufen. Wenig halten beide von der Erteilung von Ausnahmegenehmigungen. „Das gilt gerade auch für die Werder-Spieler“, sagt Carl.

Rettungsschirm gefordert

Der Hotel- und Gaststättenverband fordert einen eigenen Rettungsschirm, der deutlich über die bisherigen Soforthilfen hinausgeht. Für die Bremer Wirtschaft hat Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) ein Gesamthilfspaket versprochen. Von mindestens einer Milliarde Euro ist die Rede. Bürgermeister Bovenschulte sieht hier auch den Bund gefordert.

CDU-Landeschef Jens Eckhoff geht davon aus, dass ein Teil des Bremer Pakets in die Hotel- und Gastronomiebranche fließen muss. „Andernfalls würde dies den Todesstoß für die Branche bedeuten“, sagt Eckhoff. Er nennt die landwirtschaftlichen Hilfen im Dürrejahr 2018 als ein Beispiel für gelungene Unterstützung. Er empfiehlt außerdem, sich an Österreich zu orientieren, wo der Staat massive Hilfen bei Pachten und Gehaltszahlungen im Hotel-, Gastronomie- und Tourismusgewerbe leiste.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+