5000 Projekte für ein besseres Leben Win fördert seit 20 Jahren die Quartiere

Mit Wohnen in Nachbarschaften startete vor fast 20 Jahren ein neues Programm, das basisdemokratisch die Bedürfnisse von Einwohnern sogenannter Problemviertel aufgreifen sollte.
25.07.2019, 11:33
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Win fördert seit 20 Jahren die Quartiere
Von Christian Hasemann

Hemelingen/Vahr/Osterholz. Nicht von oben, sondern von unten entwickeln: In den 1990er-Jahren setzte in der Städtebau- und Sozialpolitik ein Umdenken ein. Nicht mehr ausschließlich Fachleute und Fachkräfte sollten Wege finden, um Wohnquartiere zu stärken, zu modernisieren und umzugestalten. Die Bewohner sollten sich beteiligen und ihre Vorstellungen und Ideen einbringen. In Bremen ist aus diesem Trend das Programm Wohnen in Nachbarschaften (Win) entstanden, das in benachteiligten Vierteln über die Förderung sozialer, kultureller und Bildungsprojekte die Lebensqualität der Bewohner steigern und insbesondere die Integration fördern soll. In den vergangenen 19 Jahren wurden bremenweit mit über 27 Millionen Euro insgesamt 4930 Projekte finanziert.

Im November feiert Wohnen in Nachbarschaften sein 20-jähriges Bestehen, ob es danach weitergeht, darüber müssen die Abgeordneten der Bürgerschaft entscheiden, zum Jahresende läuft das Programm aus. Im Bremer Südosten profitieren mehrere Quartiere von der finanziellen Förderung.

Start in zehn Gebieten

Mit zehn Gebieten, für die der Senat einen besonderen Förderbedarf sah, startete das Programm 1999 mit einer jährlichen Fördersumme von damals noch drei Millionen Mark. Neben der Neuen Vahr waren dies im Bremer Südosten außerdem die Ortsteile Blockdiek, Hemelingen und Tenever. Vor allem die als Problemviertel geltenden Großsiedlungen sollten von dem zusätzlichen Geld profitieren. In diesen hatte die Verwaltung mit dem „Nachbesserungsprogramm“ schon Erfahrungen gesammelt, die nun auf weitere Viertel übertragen wurden. In Bremen-Nord gehörten zu Beginn die Grohner Düne, Lüssum-Bockhorn und das Marßeler Feld dazu. Im Bremer Westen wurden Gröpelingen und im Süden Kattenturm und Sodenmatt-Kirchhuchting in die erste Runde der Förderperiode 1999 bis 2006 aufgenommen.

Schon 2000, ein Jahr nach dem Start, profitierten 117 Projekte von dem Förderprogramm. Zu den ersten Projekten zählten unter anderem das Waschhaus in der Neuen Vahr Nord und das Mütterzentrum Tenever. An Ideen mangelte es den Trägern und den Bewohnern nicht: Das Programm lief so gut an, dass beispielsweise in der Neuen Vahr schon in der ersten Vergaberunde bis Mai 1999 die Förderanträge die verabredete Summe von 300 000 Mark um 73 000 Mark überstiegen. Quartiersmanager, die die Arbeit vor Ort koordinierten, gab es damals noch nicht in allen Wohnquartieren. Die Stellen wurden und werden vom Sozialressort finanziert.

Fast von Anfang an hat Renate Siegel für das Sozialressort in der Win-Geschäftsstelle das Programm begleitet. Seit Ende Juni ist sie im Ruhestand und blickt auf 19 Jahre Wohnen in Nachbarschaften zurück. „Wir mussten alle Umsetzungsstrukturen neu denken und einfügen“, sagt sie über die Herausforderung zu Beginn des Programms. Die federführenden Ressorts Bau und Umwelt und Jugend, Familie, Integration und Soziales mussten sich abstimmen, die übrigen Ressorts einbezogen und die Arbeit in den örtlichen Stadtteilforen organisiert werden.

Schließlich machte sich eine Aufbruchstimmung breit. „Ich habe zu Beginn wenig Skepsis wahrgenommen, eher eine euphorische Stimmung, gepaart mit einer Verwunderung, was das Programm wie leisten soll“, sagt Renate Siegel. „Erst als sich nach einigen Jahren Konturen zeigten, nahmen die Befürworter zu, aber es gab auch politische Stimmen, die sich um eine sachgerechte Verwendung von Steuergeldern sorgten. Wir sind dem immer mit großer Offenheit begegnet und haben mehrere Evaluationen durchgeführt, die das Programm immer bestätigten und Hinweise zur Weiterentwicklung gaben.“

Im Laufe der Zeit gab es dann auch Veränderungen in der Ausrichtung des Programms. „Zu Beginn der Win-Förderung gab es die Philosophie, dass vornehmlich einjährige innovative und integrative Projekte unterstützt werden sollten. Dies hat sich im Verlauf der Programmförderung verändert“, sagt Renate Siegel. „Bedarfsgerecht heißt jetzt an der Stelle, Projekte können so lange gefördert werden, wie die Bedürfnisse bestehen, auch mehrjährig, aber nicht mit den gleichen Teilnehmenden.“

Veränderte Zielgruppen

Auch bei den Zielgruppen hat Renate Siegel Veränderungen wahrgenommen. „Ging es früher zum Beispiel darum, spezielle Projekte für Frauen anzubieten, wird heute mehr auf Männer geschaut, beispielsweise beim Thema Gesundheit.“ Infolge der hohen Zuwanderung hätten sich außerdem spezifische Bedürfnisse bestimmter Zuwanderungsgruppen ergeben. Konkret wurden in mehreren Quartieren Sprachcafés mit Win-Geldern möglich, in denen Deutschkenntnisse vertieft werden konnten. Andere Projekte setzen ihren Schwerpunkt auf Sport-, Kunst- oder Musikangebote. In den Quartieren sähen die Bewohner gerne eine sichere Finanzierung langjähriger Projekte. Betroffen sind davon zum Beispiel der Täter-Opfer-Ausgleich und die Straßensozialarbeit des Vereins zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit (Vaja), die in einigen Quartieren seit Jahren mit Projekten aktiv sind, aber jedes Jahr eine neue Förderung beantragen müssen.

„Das sind Projekte, die eigentlich aus der Win-Förderung raus müssten“, meint Aykut Tasan, Quartiersmanager Schweizer Viertel. Bisher habe sich aber noch kein Ressort gefunden, das die Finanzierung übernehmen würde. So bleibe einzig die Förderung über ein Programm wie Wohnen in Nachbarschaften. „Und das nimmt ein bisschen die Kraft und Dynamik raus“, sagt Tasan. Denn darin sieht er die Stärke des basisdemokratischen Instruments: „Die Win-Mittel sind dazu da, immer wieder etwas Neues zu entwickeln und die Dynamik zu erhalten.“ Würden Senatsressorts etablierte Projekte finanzieren, bliebe mehr finanzieller Spielraum für neue Ideen, so die Hoffnung.

Es gibt aber auch vereinzelt kritische Stimmen zum Programm. So wurde in einigen Quartieren von Teilnehmern der Forensitzungen eine zu laxe Vergabe und falsche Verwendung der Mittel bemängelt. Kritisch wird außerdem gesehen, dass oftmals nur sehr wenige Bewohner überhaupt an den Sitzungen teilnehmen. So kann es passieren, dass in der Mehrzahl Vertreter sozialer Einrichtungen über die Anträge anderer Träger abstimmen – die über ihr Engagement im Quartier stimmberechtigt sind. Die Befürchtung: Da werde auch im Zweifel Anträgen zugestimmt, um sich nicht gegenseitig weh zu tun. Kontrolliert wird die Vergabe der Gelder in der Win-Geschäftsstelle. Das sehr schwankende Interesse der Bürger an den Sitzungen der Stadtteilforen, in denen über die Vergabe abgestimmt wird, spricht aus der Sicht des Quartiersmanagers nicht gegen das Programm. „Es ist ja nicht die Beteiligung in den Foren, sondern auch das ganze Drumherum“, sagt Aykut Tasan. Der Kontakt komme auf der Straße, bei ihm im Büro und im täglichen Leben im Stadtteil zustande. „Wichtig ist, die Bürger dafür zu sensibilisieren, dass sie die Möglichkeit haben sich einzubringen, sei es in den Foren, beim Quartiersmanager, beim Ortsamt oder beim Beirat“, betont Tasan.

Niedrige Hürden

Das Schweizer Viertel in Tenever gehört zu den Quartieren, die erst später in das Programm aufgenommen worden sind. Seitdem habe sich dort viel getan, meint Quartiersmanager Aykut Tasan. „Am Anfang fehlten die Infrastruktur und das Netzwerk, es gab kein Wir-Gefühl, kaum übergreifende Projekte.“ Für ihn sei die Herausforderung gewesen, alle Beteiligte an einen Tisch zu bringen. „Unser Schwerpunkt war zunächst überhaupt eine Infrastruktur zu schaffen.“ Ein anderer sei die Aufwertung der Bausubstanz im Quartier gewesen. Projekte und Kurse bieten daneben den Bewohnern die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln.

Renate Siegel betont die niedrige Hürde, die Teilnehmer für solche Projekten zu überschreiten haben: „Das Vorhaben setzt niedrigschwellig an und hat große Gestaltungsspielräume. Das ist eine große Besonderheit. Wir haben damit Neuland betreten und ich war immer sehr dankbar, dass der Mut dafür aufgebracht wurde. Also: Ärmel hochkrempeln, gemeinsame Ziele und Umsetzungsstrukturen entwickeln“, lautet ihr Appell.

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