Serie „Handel im Wandel“: Die ganz Großen Amazon, Tchibo, Ikea: Von Bremen aus in die Welt

Tchibo und Ikea waren bereits vor dem Internetzeitalter bekannte Marken. Welche Bedeutung für ihr Onlinegeschäft inzwischen Bremen und umzu hat, und wann Amazon in Achim starten will.
05.01.2021, 05:00
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Amazon, Tchibo, Ikea: Von Bremen aus in die Welt
Von Florian Schwiegershausen

Bei den großen Marken im Online-Handel muss der Blick nicht gleich über den Atlantik in die USA gehen. Marken wie Tchibo und Ikea gab es schon vor dem Internetzeitalter. Doch durch Onlineshopping haben sie ihr Geschäft auch auf das Internet erweitert – und davon profitieren Bremen und die Region.

Tchibo übernahm im Jahr 1997 Eduscho und damit auch einen Teil der Infrastruktur des Bremer Kaffeerösters. Und: Das Hamburger Unternehmen hielt am Standort Bremen fest und will ihn im Hinblick auf das Onlinegeschäft nun stärken. Denn vor gut einem Jahr beschloss Tchibo, seinen Logistikstandort in Gallin in Mecklenburg-Vorpommern zu schließen. Dafür sollen die Logistikstandorte in Bremen, im bayerischen Neumarkt sowie im tschechischen Czeb ausgebaut werden.

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Sprecher Arndt Liedke begründete das damals so: „Wir haben Mitte der 90er-Jahre das Lager in Gallin eröffnet. Das war zwei Jahre vor dem Start unseres Onlineshops und zehn Jahre, bevor wir nach Osteuropa gegangen sind.“ Damals hieß es, dass insgesamt 600 Mitarbeiter von dieser Entscheidung betroffen seien. Ein Teil dieser Arbeitsplätze wird in den kommenden Jahren nun zusätzlich am Bremer Standort entstehen. Denn bis 2023 werden die Aufgaben des Lagers in ­Gallin laut Liedtke schrittweise in die Hansestadt, nach Neumarkt und nach Czeb überführt.

Besondere Bedeutung

Dem Standort im Güterverkehrszentrum kommt nach Angaben des Tchibo-Sprechers eine besondere Bedeutung zu: „Bremen ist schon, allein weil es unser Eingangslager ist, ein wichtiger Standort. Und das soll auch so bleiben.“ Bis auf wenige Ausnahmen kommt hier die Ware an – meist in Containern aus Bremerhaven. Die künftige Nord-Süd-Achse bei den Lagern ist der Bedeutung der Märkte in Osteuropa geschuldet: „Neben Deutschland gibt es sieben weitere Märkte, in denen wir stationär mit Tchibo-Shops und dem Depotgeschäft sowie mit eigenen lokalen Onlineshops vertreten sind. Das sind die Länder Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Schweiz, Österreich und die Türkei. In mehreren dieser Länder ist Tchibo Röstkaffee-Marktführer.“ Diese Märkte will das Unternehmen auch mit den Waren aus dem Non-Food-Bereich versorgen.

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Als Tchibo 1997 mit einem eigenen Shop in den computergestützten Handel einstieg, war es übrigens das gleiche Jahr, in dem sowohl Otto als auch Amazon in Deutschland starteten. Sprecher Arndt Liedke sagt, dass die Verzahnung vom stationären Handel und dem Online-Geschäft das Ziel sei: „Egal, wie oder wo unsere Kunden mit Tchibo in Kontakt kommen, soll es sich für sie gleich anfühlen. Das über drei Vertriebswege hinzubekommen, ist die Kür. Wir verfolgen dieses Ziel seit mehr als zehn Jahren.“

Bei den drei großen Vertriebswegen, die Liedke meint, geht es einerseits um das Business-to-Business-Geschäft: Da werden die Waren in die Regale bei Partnern aus dem Lebensmittelhandel geliefert; das sind 8500 Repräsentanzen. Sie bekommen ihre Waren auch aus Bremen. Ebenso gehen die Artikel europaweit in rund 900 eigene Shops. „Die müssen Woche für Woche neu bestückt werden. Und auf der anderen Seite das Online-Geschäft, also Business-to-Consumer“, sagt Liedke.

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Dabei kommt Tchibo ursprünglich sogar aus dem Versandhandel. Max Herz gründete sein Unternehmen 1949 als Postversand. Seine ursprüngliche Geschäftsidee war es, den Kunden frisch gerösteten Kaffee, auf Wunsch auch alle zwei Wochen im Abo, direkt per Post nach Hause zu schicken. 1955 eröffnete er dann in Hamburg im ­Tchibo-Haus, wo auch der Kaffee verpackt und versandt wurde, einen kleinen Laden, in dem man den Kaffee probieren konnte. Das lief so gut, dass er daraus ein Geschäftsmodell machte. Und einige Jahre später hatte er die ersten 400 Filialen eröffnet.“ Um die ­Tchibo-Logistik im Hochwarenlager im Bremer Güterverkehrszentrum kümmert sich BLG Logistics. Sie hat als sogenannter Kontraktlogistiker mit ihren gut 800 Beschäftigten dort am Standort für das Unternehmen den Service und die Abläufe übernommen.

Täglich über 1000 norddeutsche Endkunden

Für das Bremer Unternehmen ist diese Logistiksparte eine bedeutende Säule im Geschäft. Seit zwei Jahren übernimmt die BLG auch in Elsdorf an der A1 zwischen Bremen und Hamburg die Lagerung und Kommissionierung von Onlinebestellungen für das Möbelhaus Ikea. Mehr als 150 Beschäftigte packen dort die Pakete – täglich für mehr als 1000 Endkunden im norddeutschen Raum. In Erfurt ist die BLG bereits seit 1997 der Logistikdienstleister für das schwedische Möbelhaus.

In Elsdorf verzeichnet Ikea einen deutlichen Anstieg der Kundenorder seit der ­Eröffnung 2018, wie Sprecherin Simone ­Settergren dem WESER-KURIER sagte: „Dies liegt auch daran, dass die Gesamtbestellungen der Kunden etwas kleiner geworden sind. Pro Order sind es also weniger Teile.“ Für das Möbelhaus, das viele Standorte vor allem auf der grünen Wiese hat, gewinnt der Online-Handel auch aus einem anderen Trend heraus an Bedeutung: „Immer mehr Menschen ziehen in die große Stadt und immer mehr verzichten auf ein eigenes Auto. Auch unter diesen Bedingungen zugänglich und erreichbar zu sein und ein bequemes Einkaufen zu ermöglichen, ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Hier spielt E-Commerce natürlich eine große Rolle“, sagt Settergren. Eine nahtlose Verzahnung von Online- und Offlinemöglichkeiten sei nach Ansicht heute und auch in der Zukunft der Schlüssel für den Möbelhandel.

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Bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr, das im vergangenen August endete, stieg der Online-Anteil am Ikea-Umsatz von 9,4 ­Prozent auf 16,2 Prozent. Hier war also der erste Corona-Shutdown schon enthalten. Auch jetzt seien Artikel rund um das Thema ­Homeoffice nach wie vor sehr gefragt. „Ebenso größere Einrichtungsprojekte wie Küchen oder in der Vorweihnachtszeit auch Dekorationsartikel. Dieser Trend gilt online wie stationär“, sagt die Ikea-Sprecherin.

Für die Serviceunternehmen dahinter lässt sich mit der Kontraktlogistik Geld verdienen. Es fällt aber auf, dass die Gewinne gemessen am Umsatz wesentlich niedriger sind als in anderen Logistiksparten. Während die BLG Logistics 2019 im Geschäftsbereich Automobile bei einem Umsatz von knapp 604 Millionen Euro einen Gewinn vor Steuern in Höhe von 19,3 Millionen Euro erzielen konnte, lag der Gewinn vor Steuern beim Kontrakt-Bereich bei 7,4 Millionen Euro, während das Unternehmen hier einen Umsatz von knapp 564 Millionen Euro erzielte. Herbert Kotzab, Professor für Logistikmanagement an der Bremer Uni, begründet das so: „Um in der Kontraktlogistik an einen umfangreichen Auftrag zu kommen und damit den Fuß in einem großen Unternehmen zu haben, wird auch sehr knapp kalkuliert. Da kann es schon mal passieren, dass man die Summe zu niedrig ansetzt. Daher ist das ein beinharter Wettbewerb.“

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In der Industrie spielt laut Kotzab durchaus auch für den Auftragnehmer Prestige eine Rolle, einen namhaften Kunden in seinem Portfolio zu haben: „Da kann es dann durchaus passieren, dass derjenige mit dem besten Preis das Angebot erhält und nicht derjenige mit dem besten Gesamtpaket, bei dem die Kosten vielleicht etwas höher sind.“ Die Kostenvorteile der herkömmlichen Struktur, dass also der Lieferant ans Zentrallager liefert und das Zentrallager an den Markt liefert, könne man beim Onlinehandel so nicht erzielen, wie der Logistikexperte erläutert: „Hier muss man die Ware an so viele Punkte versenden, sodass es teuer wird. Das ist natürlich auch komplizierter – für die Lagertechnik und für die Automatisierung, um Paletten so schnell wie möglich zu verschieben. Und um ein einzelnes Stück Ware zu bewegen, braucht es dann doch noch Menschen, das lässt sich nicht automatisch machen.“

Logistikwissen bereits vorhanden

Auf der Onlinehändler-Seite wird es laut ­Kotzab geschätzt, wenn in einer Region bereits Logistikkompetenz existiert: „Es gibt in Bremen einfach dieses Logistikverständnis: Da geht es darum, schon früh die Logistik zu planen und Kompetenzen zu bündeln. Genauso weiß man in Bremen auch, wie man eine Logistikimmobilie plant. Dieses Wissen ist hier bereits vorhanden.“ So scheint es auch Amazon zu sehen. Das Unternehmen will diesen Sommer seinen neuen Standort in Achim eröffnen. 1000 Arbeitsplätze sollen dort entstehen.

Sowohl Ikea und auch Tchibo machen sich keine Sorgen, was den Platz in ihren Lagern in und bei Bremen angeht. Der reiche locker für die kommenden Jahre. Und der Standort ist längst nicht der einzige Faktor, um erfolgreich zu sein. Die Konzerne versuchen – neben der eigentlichen Ware –, ihre Kunden mit anderen Dingen zu überzeugen.

Tchibo-Sprecher Liedke nennt als ein ­Beispiel den Versand in wiederverwend­baren Repack-­Versandtaschen, von denen 75 ­Prozent auch wieder zurückkommen: „Man muss immer wieder Dinge ausprobieren, und wenn sie am Ende nicht funktionieren, wird das System trotzdem dadurch besser.“

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