Oberstufe wird in Bremen gebaut Ariane-6-Rakete kann in Serie gehen

Nach vielen Verzögerungen kann die Serienproduktion der Ariane-6-Rakete endlich beginnen. Die erhoffte Menge an Aufträgen hat das Unternehmen aber immer noch nicht eingeworben.
06.05.2019, 20:38
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Ariane-6-Rakete kann in Serie gehen
Von Stefan Lakeband

Wenn die Ariane 6 nächsten Sommer zum ersten Mal durch das All schwebt, hat sie einen weiten und schweren Weg hinter sich. Nicht nur Hunderte Kilometer, die sie von der Erdoberfläche in den Weltraum zurückgelegt hat, auch ganz irdische Hürden musste die Rakete überwinden. Die wohl profanste, wenngleich eine der gewaltigsten: fehlendes Geld.

Denn eine Zeit lang sah es so aus, als würde die Ariane 6 ein Fehlschlag werden, weil sich weder die Industrie noch europäische Behörden sonderlich für sie interessierten. Dieses Schreckensszenario ist nun abgewendet – zumindest vorerst.

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An diesem Montag hat die Ariane Group, das Unternehmen hinter der nächsten europäischen Trägerrakete, bekannt gegeben, dass sie mit der Serienproduktion der ersten 14 Raketen beginnen kann. Möglich wird das durch die Aufträge, die die Ariane Group eingesammelt hat: Sechs sind es bislang. Mit weiteren potenziellen Kunden sei man in Verhandlung, sagt Pierre Godart, Deutschlandchef von Ariane Group, dem WESER-KURER. „Wir hoffen, kurzfristig weitere Verträge zu bekommen.“

Vergangenes Jahr war von dieser Zuversicht nichts zu spüren: Damals war die Rede von einem Produktionsstopp, sollten nicht bald Aufträge für die Ariane 6 kommen. Denn als die Entwicklung der Rakete beschlossen wurde, haben die europäischen Staaten dem deutsch-französischen Unternehmen je fünf Starts für sechs Jahre in Aussicht gestellt. Doch aus den Versprechen wurde lange nichts.

Großteil der Aufträge kommt von Institutionen

Und auch jetzt ist das eigentliche Ziel noch nicht erreicht. Für die erste Serienproduktion hatte Ariane Group mit sieben Raketen für institutionelle Kunden gerechnet. Das sind etwa die Europäische Kommission oder nationale Regierungen. Sieben weitere waren für kommerzielle Kunden angedacht. Von den sechs bislang verbindlichen Aufträgen kommen vier von Institutionen, zwei von Unternehmen. Die Raketen sollen zwischen 2021 und 2023 abheben. Die Ariane 6 für den Jungfernflug im Juli 2020 ist durch den Entwicklungsvertrag der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) abgedeckt, der 2015 unterzeichnet wurde.

Dass die Fertigung der Ariane 6 nun doch beginnen kann, hat einerseits mit der Hoffnung auf neue Aufträge zu tun, andererseits wohl auch mit dem enormen Zeitdruck. Die Produktion einer Rakete dauert etwa zwei Jahre. Soll der erste Starttermin 2021 eingehalten werden, hätte sich das Unternehmen eine weitere Verzögerung kaum leisten können. „Wir hatten Druck“, sagt daher auch Godart. „Natürlich wäre es entspannter gewesen, hätten wir schon eher anfangen können.“

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Der Chef der Ariane Group in Deutschland hatte zuvor auch immer wieder dafür geworben, dass europäische Satelliten auch mit europäischen Raketen gestartet werden. In den USA, Russland oder China sei das die Regel. Nur eben in Europa nicht – obwohl die Esa die Entwicklung der neuen Rakete mit 2,4 Milliarden Euro finanziert hat. „Wir haben das nicht schwarz auf weiß, aber ich glaube, dass man in Europa verstanden hat, wie wichtig es ist, europäische Projekte mit einer europäischen Rakete zu starten.“

Denn alles andere würde zu einem verzerrten Markt führen, wie er derzeit existiere. Denn einer der größten Konkurrenten für Raketenstarts – das Unternehmen SpaceX von Milliardär Elon Musk – profitiert stark davon, dass Missionen des US-Militärs oder der Regierung nur mit amerikanischen Raketen gestartet werden dürfen. So könne SpaceX seine Raketen im Heimatmarkt zu wesentlich höheren Preisen anbieten als etwa in Europa. Während die US-Weltraumbehörde Nasa rund 100 Millionen Dollar für einen Start zahlen muss, ist es für europäische Kunden gerade einmal die Hälfte. SpaceX hatte den höheren Preis mit höheren Anforderungen begründet.

Neue Produktionshallen am Bremer Airport

Der offizielle Produktionsbeginn heißt, dass auch der Bremer Standort voll loslegen kann. Hier beschäftigt Ariane Group etwa 550 Mitarbeiter. Am Flughafen hat das Unternehmen neue Produktionshallen errichtet, wo nun die Oberstufe der neuen Rakete gebaut wird.

Der Startschuss dürfte neben Ariane Group und ihren Mitarbeitern auch viele kleine und mittelständische Unternehmen freuen. Sie sind als Zulieferer ein wichtiger Bestandteil des Projekts, das Europa weiterhin einen unabhängigen Zugang zum Weltraum gewährleisten soll. Sie fräsen beispielsweise Metallteile, liefern Schrauben, Schläuche oder Dichtungen. In Vorleistung konnten sie häufig allerdings nicht treten. „Deswegen ist die Zusage auch für unsere Unterauftragnehmer so wichtig“, sagt Godart.

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Er macht aber auch deutlich, dass für die kommenden Jahre trotzdem keine Ruhe bei die Ariane 6 eingekehrt sei. Schon jetzt wird im Unternehmen diskutiert, wie man die Rakete noch verbessern kann. „Unsere Ingenieure haben immer wieder neue Ideen.“ Außerdem ist der Kostendruck weiterhin enorm. Um die Rakete künftig günstiger zu machen, gibt es etwa Pläne zu einer sogenannten schwarzen Oberstufe – sie soll nicht mehr aus Aluminium, sondern aus Kohlefaser hergestellt werden. „Diese Themen müssen wir jetzt vorantreiben, damit sie in der nächsten Raketengeneration umgesetzt werden können“, sagt Godart. Ein wichtiger Termin dafür ist die Konferenz des Esa-Ministerrats im November. Sie entscheidet über Aufträge, Geld und neue Hürden.

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