Interview „Aufholen gegenüber Städten wie Leipzig“

Bremen will mit einer Gründungsoffensive für Start-ups interessanterr werden. Was sich ändern muss, und was Bremen dafür locker macht, erläutert Wirtschaftsstaatsrat Ekkehart Siering im Interview.
18.09.2017, 05:48
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Thomas Heuberg

Bremen arbeitet an einer Gründungsoffensive und will sich bei diesem Thema neu aufstellen. Was läuft bisher denn aus Ihrer Sicht schief?

Ekkehart Siering: Ich glaube nicht, dass etwas schiefgelaufen ist – ganz im Gegenteil. Mit der Gründungsleitstelle Begin hatten wir vor fast zwanzig Jahren einen ziemlich guten Antritt. Doch die Welt hat sich seitdem ganz schön verändert. Es ist Zeit, dass wir unsere Maßnahmen schärfen.

Wie enttäuscht war die Wirtschaftsförderung darüber, das Thema Innovation zu verlieren?

Ich habe von keiner Frustration gehört. Wir haben gesehen, dass die Strukturen in der Form schlicht nicht effizient waren. Es ging nicht darum, jemanden zu ärgern. Da Innovation ohnehin zu unseren Aufgaben zählt, haben wir sie nun ins Ressort zurückgeholt. Zeitgleich schauen wir, was eigentlich die Kernfunktion der Wirtschaftsförderung ist.

Derzeit arbeiten Sie am Konzept für das Start-Haus. Geht es dabei tatsächlich um einen Ort?

Mein Wunsch wäre das. Das Start-Haus soll ein Anlaufpunkt für Existenzgründer und Start-ups sein. Sie sollen dort alles bekommen – von der Steuernummer bis hin zum Arbeitsplatz. Das Ganze bettet sich in eine Gesamtstrategie ein: Es geht uns beim Thema Gründung um eine größere Aktivität. Wir wollen uns stärker mit den privaten Initiativen in Bremen verknüpfen, die hier sehr viel auf die Beine gestellt haben. Das Start-Haus soll zudem ein Ort für Veranstaltungen sein – vielleicht sogar mit einem Café, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Haben Sie schon eine konkrete Immobilie vor Augen?

Das ist zu früh. Wir müssen die Fläche noch planen. Die Größe hängt auch davon ab, wer als Partner überhaupt dabei ist. Ich wünsche mir aber, dass es ein Ort ist, der gut erreichbar und sichtbar ist.

Überseestadt oder Technologiepark – an welchen Standort denken Sie?

Was wir wollen, ist ein Punkt, an dem alle sich versammeln können. Das muss nicht der Ort sein, wo gegründet wird oder Gründerinnen und Gründer ihre erste Dependance finden. Die Bremer Aufbau-Bank (BAB), unter deren Dach das Start-Haus organisiert wird, zieht aus dem Kontorhaus am Markt aus. Das ist möglicherweise der richtige Zeitpunkt für einen gemeinsamen Umzug. Weil die BAB auch Geschäftsfelder betreibt, die nicht mit der Gründerförderung zu tun haben, finde ich die Innenstadt als Standort richtig.

Wer soll denn noch in das Start-Haus einziehen?

Wir haben eine Vielzahl an unterschiedlichen Beratungsangeboten für Gründer wie zum Beispiel Begin oder Belladonna, deren Beratung sich speziell an Frauen richtet. Ich kann mir gut vorstellen, alle einzuladen, dabei zu sein. Ich würde mir außerdem wünschen, dass die Gründer nicht nur ihre Steuernummer im Start-Haus bekommen, sondern dort auch ihr Gewerbe anmelden können.

Nun braucht ein solches Haus neben einem Hausmeister auch eine gute Seele und einen Manager. Sind diese Posten bereits vergeben?

Vergeben ist noch nichts, weil das Konzept noch nicht abschließend steht. Wir wollen einen Ort für Begegnung, Beratung und Förderung schaffen. Den muss jemand bespielen, der an der Gründerszene dran ist, der Ideen und Menschen zusammenbringt. Es wird Teams für die verschiedenen Bereiche geben müssen, aber wir brauchen ein Gesicht für das Start-Haus.

Start-ups haben in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, dass den Mitarbeitern der öffentlichen Förder- und Beratungsstellen in Bremen das Gespür für neue Geschäftsmodelle fehlt. Was wollen Sie dagegen tun?

Diese Kritik wird es wahrscheinlich immer geben. Zum einen glaube ich, dass wir durchaus Leute haben, die etwas davon verstehen. Wenn eine Idee nicht ausgegoren ist, die Risiken nicht durchdacht sind, kann das dazu führen, dass sie nicht verfolgt wird. Wir hatten solche Fälle. Das erzeugt bei den Gründern Frustration. Das verstehe ich. Denn als Gründer brennt man für seine Idee und will sie umsetzen. Ich denke, wir sind insgesamt anständig aufgestellt. Dass man frischen Wind reinlässt, halte ich für genauso wichtig.

Also kommen neue Leute ins Start-Haus?

Die Aufbau-Bank hat ein bestimmtes Portfolio und bisher vor allem Gründerkredite vergeben. Wir brauchen jedoch Experten, die tief in der Start-up-Szene drin sind. Die wollen wir dazuholen.

Wie stellen Sie sicher, dass die Bewohner im Start-Haus erfolgreich zusammenarbeiten?

Entscheidend ist das Konzept. Darin machen wir klar, dass wir Departements haben werden, die sich um unterschiedliche Aufgaben kümmern. Wichtig ist das Neue an diesem Start-Haus, warum wir das machen. Das Ziel für die Gründer ist ganz eindeutig: Einmal hin, alles erledigt, anfangen. Wer dort einzieht, muss sich dieser Idee verschreiben.

Wie viel wollen Sie für die Gründungsoffensive investieren?

Die Mittel in Höhe von circa 1,5 Millionen Euro im Jahr, die insgesamt zur Verfügung stehen, bleiben in gleicher Höhe erhalten. Durch die stärkere Fokussierung der Angebote versprechen wir uns aber einen höheren Wirkungsgrad.

Bremens Start-up-Szene steht gerade erst am Anfang. Hat sich Ihr Ressort eigentlich auf den Erfolg der Traditionsunternehmen zu lange verlassen, anstatt für den Standort nach vorne zu schauen?

Wir haben uns nicht zurückgelehnt. Wir sind dicht an den Unternehmen und fragen, wo sie ihren Veränderungsbedarf sehen. Ich hätte mir gewünscht, dass wir einen Ticken schneller sind, was Digitalisierung und Industrie 4.0 betrifft. Wir sind aber auf einem guten Weg. Die Frage, welche Auswirkungen diese Megatrends haben werden, ist schon durchdacht. Diesen Schritt können wir überspringen und sofort daran arbeiten, welche Strategie wir konkret für Bremen brauchen. Noch mal zu Ihrer Eingangsfrage: Haben wir da was verschlafen? Nein, sicherlich nicht.

Groningen und Leipzig – eine kleinere und eine ähnlich große Stadt – gelten als Hotspots für Innovation. Was kann Bremen von ihnen lernen?

Das sind sehr gute Beispiele. Groningen ist eine quirlige Studentenstadt, die sehr frühzeitig darauf gesetzt hat, jungen Leuten Freiraum zu geben. Ich glaube, dass hat auch mit der niederländischen Mentalität zu tun, etwas risikofreudiger zu sein. In Leipzig liegt die Universität unmittelbar in der Innenstadt. Deswegen ist das Zentrum unglaublich lebendig. Was in den beiden Städten passiert, ist klasse. Da wollen wir ran, das wollen wir aufholen, deswegen gehen wir diesen Weg mit dem Start-Haus. Wir wollen den Gründern ein Klima bieten, um schnell anzufangen und zu wachsen.

In Bremen kennt man sich – ziemlich im Verborgenen jedoch bleiben die Investoren. Wie wollen Sie die Risikokapitalgeber sichtbarer machen?

Es stimmt: Wenig ausgeprägt ist in Bremen das klassische Venture-Capital. Investoren gibt es, aber nicht in Hülle und Fülle. Wir werden uns weiter bemühen, für sie interessanter zu sein. Dafür sind Netzwerke und Veranstaltungen besonders wichtig. Am Geld wird es nicht scheitern. Wir könnten in Bremen viele Kräfte bündeln. Meine Traumvorstellung ist, dass irgendwann millionenschwere Investoren in das Start-Haus kommen, weil es dort coole Ideen gibt.

Hanseatische Zurückhaltung – diese Eigenschaft wird immer wieder als Erklärung herangezogen, warum die Bremer als Kapitalgeber nicht auftauchen. Können Unternehmer sich diese Eigenschaft in Zukunft noch erlauben?

Das müssen Sie die Unternehmer fragen. Meine Wahrnehmung ist, dass sie anfangen sich zu öffnen. Ich habe den Eindruck, sie wissen genau, dass sie sich auf den Weg machen müssen.

Wie sind die Reaktionen auf die Gründungsoffensive bisher?

Die Signale sind ausgesprochen positiv. Die Wirtschaftsdeputation hat geschlossen für die Pläne gestimmt. Nicht abschließend ist geklärt, ob Bremerhaven auch ein Start-Haus bekommt. Das muss die Stadt selbst entscheiden.

Sie hatten bereits für August einen Bericht angekündigt. Das hat sich verschoben. Wie sieht der Zeitplan nun aus – wann kommt das Start-Haus?

Wir haben ein relativ ehrgeiziges Zeitziel: Im Herbst soll das Konzept durch die Deputation gehen. Dann sind wir so weit, konkret zu beschreiben, was wir vorhaben. Wir müssen dann unmittelbar mit der Umsetzung der Strategie anfangen. Ich gehe fest davon aus, dass das Start-Haus auf jeden Fall im kommenden Jahr verwirklicht wird.

Gründungsoffensive und Start-Haus – Sie machen Innovation zu Ihrem Thema. Warum?

Es ist Thema des Wirtschaftsressorts und damit meine Aufgabe als Staatsrat, es zu bewegen. Ich finde, es ist ein ausgesprochen wichtiges Thema für das weitere Wachstum Bremens. Jedes große Unternehmen hat mal klein angefangen. Wir verbinden mit der Gründungsoffensive natürlich Hoffnungen.

Die Zahl der Gründungen ist in Bremen stärker als im Bundesschnitt zurückgegangen. Glauben Sie, dass durch die Start-ups auch hier eine Art Gründergeist zurückkehrt?

Wir haben unglaublich viele neue Möglichkeiten, weil die Digitalisierung Chancen eröffnet und Notwendigkeiten hervorbringt. Es ist viel in Bewegung geraten. Die Lebensumstände haben sich zudem geändert. Der Wunsch nach selbstbestimmtem Arbeiten hat zugenommen. Ich glaube schon, dass es einen neuen Gründergeist gibt.

Wenn Sie Ihre Karriere noch einmal beginnen könnten, wofür entscheiden Sie sich: Traditionsunternehmen oder Start-up?

Ich fühle mich sehr wohl als Staatsrat. Zwischen den zwei Alternativen: das Start-up. Definitiv. Da wäre ich schon gerne dabei.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Ekkehart Siering ist seit 2015 Staatsrat beim Bremer Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen. Der Jurist ist in Gelsenkirchen geboren. Siering ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bremer Aufbau-Bank.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+