Teure Ticketpreise Bahn statt überteuertes Flugticket

Durch den Wegfall von Air Berlin sind die Flugpreise zum Teil um 50 Prozent gestiegen. Welcher Flughafen im Norden vor allem davon betroffen ist, und warum die Deutsche Bahn davon profitiert.
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Bahn statt überteuertes Flugticket
Von Florian Schwiegershausen

Montagmorgen im Intercity 2212 auf dem Weg aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet in Richtung Hamburg und weiter bis zur Insel Rügen. Der Zug ist so voll, dass die Menschen im Gang stehen – und zwar so, dass die Bahn bereits auf ihren Internetseiten und ihrer Handy-App schreibt, es könne nicht garantiert werden, dass noch weitere Passagiere mitgenommen werden können.

Beim Halt in Bremen hat der Zug schon mehr als eine Stunde Verspätung. In Hamburg soll er eigentlich um 11.12 Uhr sein. Dass der Zug so voll ist, soll laut Deutscher Bahn kein Zufall sein. Denn angesichts der höheren Flugpreise steigen momentan immer mehr Kunden bei Reisen innerhalb Deutschlands auf die Bahn um.

Ein Bahnsprecher sagte dem „Tagesspiegel“: „Aktuell verzeichnen wir einen sehr positiven Buchungsverlauf für die nächsten Monate von mehr als zehn Prozent. Wir erwarten auch für dieses Jahr erneut einen neuen Fahrgastrekord im Fernverkehr.“ Die Ticketpreise bei der Lufthansa waren nach der Übernahme der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin gestiegen.

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Auf innerdeutschen Strecken, die jetzt nur noch von der Lufthansa betrieben werden, haben sich manche Tickets um bis zu 50 Prozent verteuert. Zwar verzeichnet die Bahn auf allen relevanten Fernverkehrsverbindungen mehr Buchungen, „deutlich“ erhöht sind die Ticketverkäufe aber auf den ehemaligen Strecken von Air Berlin, heißt es aus dem Unternehmen.

Betroffen sind die Verbindungen von Berlin nach München sowie Köln und Düsseldorf, außerdem von München nach Köln oder Düsseldorf und eben auch vom Rheinland nach Hamburg. Dass die Ticketpreise auf diesen Strecken gestiegen sind, bestätigt auch die Reisebüro-Kette Travel Overland, die zu den großen Flugticket-Verkäufern in Deutschland gehört.

Bremen-München für 250 Euro

Seit mehr als 20 Jahren hat das Unternehmen sein Bremer Büro am Fedelhören. Die dortige Büroleiterin Erica Docke sagt: „Nehmen wir beispielsweise die Verbindung Hamburg-München. Dort war Air Berlin meist günstiger als die Lufthansa. Diese Verbindung fehlt nun.“ Davon betroffen seien nun auch Dockes Kollegen aus dem Hamburger Büro, wenn sie zur Zentrale nach München wollten.

Ebenso treffe es eher die kleinen und mittelständischen Unternehmen, was die Flugpreise angeht. Denn die haben im Gegensatz zu den großen Unternehmen keine besondere Firmenrate mit der Lufthansa abgeschlossen. Auf die Preise der Tickets ab Flughafen Bremen hat die Insolvenz von Air Berlin laut Docke aber keine Auswirkungen.

Das liege daran, dass Air Berlin schon lange keine Verbindungen mehr von Bremen aus anbot. Ein spontaner Check der Preise von Lufthansa und Eurowings zeigt: Wer in gut einer Woche an einem Werktag von Bremen nach München fliegen will, muss mit mindestens 250 Euro rechnen. Und wer am Freitag, den 1. Dezember, morgens nach Stuttgart möchte und abends zurück nach Bremen, muss mindestens 270 Euro einplanen.

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Auf Strecken mit anderem Abflughafen wird es teurer

Gerade letztere Verbindung könnte auch den Namen „Mercedes-Shuttle“ tragen, weil sie oft von Daimler-Mitarbeitern genutzt wird, die zwischen Werken hin- und herfliegen. Sabine Docke, die oft die Strecke Bremen-München fliegt, weil dort die Firmenzentrale ist, sagt: „Das sind die üblichen Flugpreise, weil es auf dieser Strecke eben als einzigen Anbieter nur die Lufthansa beziehungsweise Eurowings gibt.“

Und auch als es Air Berlin noch gegeben hat, kosteten die Tickets in etwa so viel. Das sind allerdings auch die Preise, die Daimler zahlt, wie dort ein Sprecher erläutert: „Bei Daimler werden Geschäftsreisen über ein internes Reiseportal zu marktüblichen Preisen gebucht.“ Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es auf Strecken mit einem anderen Abflughafen für den Autobauer teurer wird.

Ein besonderes Beispiel ist die Verbindung von Köln/Bonn nach Berlin. Dort würde für Mittwoch, den 29. November, hin und zurück ein Ticket mindestens 270 Euro kosten. Bis zum Sommer lieferten sich hier Eurowings und Billigflieger Ryanair noch einen erbitterten Konkurrenzkampf. Denn da bot die irische Airline auch durchaus nur eine Woche im Voraus die Strecke hin und zurück zusammen für 40 Euro an.

Wegen der erheblichen Planungsschwierigkeiten und einem Mangel an Reservepiloten hat Ryanair die Strecke aus dem Winterflugplan gestrichen. Was ab April wird, ist noch unklar. So lange ist Eurowings der Monopolist auf dieser Strecke. Wen das ebenso ärgert, ist der Chef der Fluggesellschaft Germania, Karsten Balke.

Germania-Chef macht Bundesregierung verantwortlich

Denn durch den Überbrückungskredit der Bundesregierung und den Verkauf großer Air-Berlin-Teile an Lufthansa fühlt sich Balke um die Kräfte des freien Marktes gebracht. Dem „Hamburger Abendblatt“ sagte er, dass dieser Deal zuungunsten der Konkurrenten und Passagiere gelaufen sei. „Die Bundesregierung hat die Soziale Marktwirtschaft in ihr Gegenteil verkehrt und ein Monopol geschaffen“, sagte Balke der Zeitung.

Der Kredit in Höhe von 150 Millionen Euro habe dies deutlich unterstützt. Der Germania-Chef glaubt, dass das Darlehen gezielt gewährt wurde, damit die für die Lufthansa und ihre Tochter Eurowings interessanten Strecken weiter bedient werden. Auf diese Weise wurden die kostbaren Start- und Landerechte, auch „Slots“ genannt, erhalten.

Ohne Darlehen hätte Air Berlin diese wohl verloren, um die sich dann auch gern Germania beworben hätte. Und so macht Balke daher auch die Bundesregierung für die gestiegenen Flugpreise verantwortlich. Doch auch die Verbraucherschützer beobachten genau, was da passiert.

Experten hatten Anstieg erwartet

Der Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen, Annabel Oelmann, sagte dem WESER-KURIER: "Wenn die Flugpreise entgegen aller Beteuerungen steigen, war die Übernahme von Air Berlin durch Lufthansa ein schlechter Deal für die Fluggäste. Deshalb ist nun das Bundeskartellamt gefragt. Das muss ein Verfahren wegen Marktmachtmissbrauchs prüfen.“

Der Chef des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, sieht einen „Preiseffekt zum Nachteil des Kunden“ als „nicht wirklich überraschend“. Der Wegfall der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin schade „natürlich“ dem Wettbewerb, sagte er bereits vor einigen Tagen. „Die Europäische Kommission werde die Übernahme großer Teile des Unternehmens durch die Lufthansa daher sehr genau prüfen.“

Erst wenn dieses Verfahren abgeschlossen sei, könnten die Kartellwächter im nächsten Schritt tätig werden, sollte da ein Unternehmen missbräuchlich überhöhte Preise verlangen. Experten hatten den Anstieg erwartet, weil nun auf vielen Strecken insbesondere ab Berlin und Düsseldorf ein wichtiger Wettbewerber fehlt.

EU-Kommission hat es in der Hand

Vor allem auf den innerdeutschen Verbindungen ist die Lufthansa derzeit weitgehend allein unterwegs und kann die Nachfrage trotz des vereinzelten Einsatzes von Großraumflugzeugen wie der Boeing 747 kaum abdecken. Laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr fehlen jeden Tag rund 60.000 Sitzplätze. So lange die EU-Kommission nicht eine positive Kartell-Entscheidung trifft, bleiben weiter rund 80 der 140 rot-weißen Air-Berlin-Flugzeuge am Boden. Billigflieger Easyjet will ebenso auf früheren Air-Berlin-Strecken aktiv werden.

Mit der Entscheidung aus Brüssel werde es allerdings nur in diesem Jahr noch etwas, wenn die Kommission auf eine vertiefte Prüfung des Air-Berlin-Deals verzichtet. Wenn das Okay da ist, wolle allein die Lufthansa-Tochter Eurowings wieder 1000 zusätzliche Flüge anbieten, sofern sie denn bis dahin ausreichend Crews angeworben hat. Und solang erwartet die Passagiere, denen die Tickets zu teuer sind, statt eines roten Schokoherzens wie früher bei Air Berlin nun am Ende ihrer Reise der Dankesgruß „Thank you for travelling with Deutsche Bahn“.

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