Bremer Schulprojekt und Politiker kritisieren Arbeitsagentur-Statistik zum Ausbildungsmarkt „Bewusste Irreführung“

Bremen. Es waren gute Zahlen, die die Agentur für Arbeit Anfang November präsentiert hat. Nur 207 Bremer Jugendlich die einen Ausbildungsplatz gesucht haben sind zum Stichtag Ende September „unversorgt“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Agentur für Arbeit, Handwerkskammer und Handelskammer.
26.01.2017, 22:27
Lesedauer: 4 Min
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„Bewusste Irreführung“
Von Stefan Lakeband

Bremen. Es waren gute Zahlen, die die Agentur für Arbeit Anfang November präsentiert hat. Nur 207 Bremer Jugendlich die einen Ausbildungsplatz gesucht haben sind zum Stichtag Ende September „unversorgt“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Agentur für Arbeit, Handwerkskammer und Handelskammer. Das seien gerade einmal vier Prozent aller Bewerber. Da liegt der Schluss nah: Die meisten Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz wollten, haben auch einen bekommen.

Nur: Das stimmt nicht. Das merkt man aber erst, wenn man sich die Statistik der Agentur für Arbeit genauer anschaut. „Die Meldungen der regionalen Arbeitsagentur zum Ausbildungsmarkt zeigen Jahr für Jahr eine heile Welt, wo Angebot und Nachfrage sich die Waage halten. Die Realität für die Jugendlichen sieht ganz anders aus“, sagt Miriam Strunge, ausbildungspolitische Sprecherin von der Fraktion Die Linke in der Bürgerschaft.

Dass die in der Pressemitteilung verbreiteten Zahlen über die tatsächliche Situation hinwegtäuschen, das hat auch Hans-Wolfram Stein herausgefunden. Der pensionierte Lehrer hat zusammen mit Schülern der Gesamtschule Ost die Statistik der Behörde auseinander genommen. Ihre Kritik: Es werde verschleiert, wie viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz gefunden haben – teilweise bewusst, teilweise auch, weil wichtige Daten nicht erhoben werden.

Es fängt bei den Begrifflichkeiten an: Etwa 96 Prozent aller erfassten Bewerber gelten laut Statistik der Agentur als „versorgt“. Das bedeutet aber nicht, dass die Jugendlichen einen Ausbildungsplatz haben, sondern, dass sie nach ihrem Abschluss etwas anderes machen. Das kann ein Praktikum sein oder der Besuch einer weiterführenden Schule. Für viele ist das oft eine Alternative, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen haben.

Wer wissen will, wie viele der 4789 erfassten Bewerber tatsächlich auch einen Ausbildungsplatz bekommen haben, muss sich die Zahl der „eingemündeten“ Bewerber anschauen. Mit 1786 Jugendlichen ist das gerade mal etwas mehr als ein Drittel aller erfassten Bewerber. Die Schüler der GSO schließen daraus: Anders als die offizielle Darstellung haben nicht nur vier Prozent keinen Ausbildungsplatz bekommen, sondern die große Mehrheit. „Die Jugendlich sind wütend, wenn sie lesen, dass fast alle einen Ausbildungsplatz bekommen haben“, sagt Stein. Die Wahrnehmung sei nämlich eine andere. Er selbst kennt Fälle von Schülern, die einen Abschluss mit Einser-Schnitt haben, aber keine Lehrstelle finden konnten. „Die führen das natürlich auf sich selbst zurück und zählen sich zu einer kleinen Zahl von Verlierern.“ Für Stein ist die Statistik, so wie sie präsentiert wurde, „bewusste Irreführung“. Ihm und seinen Schülern sind aber noch andere Probleme aufgefallen: So gibt es beispielsweise auch Jugendliche, die von der Arbeitsagentur gar nicht als Bewerber erfasst werden, weil sie als „nicht ausbildungsreif“ eingestuft wurden.

Um mehr Transparenz in die Statistik der Arbeitsagentur zu bringen, hat Linken-Politikerin Strunge mit Parteikollegen kurz nach Veröffentlichungen der Ausbildungsstatistik im November eine Große Anfrage an den Bremer Senat gestellt. Die Antwort auf die insgesamt 17 Fragen liegt nun vor. Wie hoch die Zahl der „nicht ausbildungsreifen“ Jugendlichen genau ist, lässt sich aus den Daten der Agentur nicht herauslesen. Die Antwort des Senats spricht aber von 448. Diese Zahl ist abgeleitet von der Zahl der Plätze in berufsvorbereitenden Maßnahmen. Hinzu müsse man die Zahl der Jugendlichen zählen, die zwar einen Ausbildungsplatz in Bremen bekommen haben, aber nicht in der Hansestadt wohnen. Dieser Wert wird ebenfalls nicht von der Arbeitsagentur erfasst. Laut Antwort des Senats waren es zuletzt 2211.

Stein hat die Daten der Agentur-Statistik mit den Zahlen des Senats zusammengerechnet. Sein Ergebnis: Auf 100 Bremer Jugendliche, die sich für einen Ausbildungsplatz interessieren, kamen im Ausbildungsjahr 2015/16 58 Plätze. Setzt man hingegen die Zahlen der Agentur ins Verhältnis, ergibt sich eine Relation, bei der 108 Lehrstellen auf 100 Jugendliche kommen.

Jörg Nowag, Sprecher der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven, verteidigt die Statistik: „Wir weisen ausdrücklich zurück, dass hier etwas gefälscht, gekürzt oder verheimlicht wurde.“ Die Ausbildungsmarktdaten seien bundesweit öffentlich zugänglich und würden nach den gleichen Kriterien erfasst. „Es gibt kein Vermittlungsmonopol mehr und damit auch keine Verpflichtung Jugendlicher, sich überhaupt bei der Agentur für Arbeit zu melden.“ Daher gebe es keine Möglichkeit, den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln.

Miriam Strunge ist dennoch enttäuscht von den Zahlen der Arbeitsagentur. Hat sie doch vergangenen Mai zusammen mit den Grünen und der SPD einen Antrag in der Bremischen Bürgerschaft durchgesetzt, dass die Statistik künftig transparenter werden soll. „Passiert ist bislang nichts“, sagt Strunge. Für sie liegt der Ball nun beim Senat, der dafür sorgen solle, dass der Antrag auch umgesetzt wird. Die Abgeordnete sieht darin aber Kalkül. „Ich vermute, dass ein politisches Interesse dahinter steht, damit die Lücke bei den Ausbildungsplätzen nicht beziffert werden kann.“

Das kann zu einem Problem, für die gesamte Gesellschaft werden, findet Hans-Wolfram Stein. „Arbeit und Bildung sind die beste Versicherung gegen Armut“, sagt er. In einer Ausbildung käme beides zusammen. Und deswegen sollte möglichst vielen Jugendlichen geholfen werden, eine Lehrstelle zu finden.

„Die Jugendlichen zählen sich zu den Verlierern.“ Hans-Wolfram Stein
„Ich vermute ein politisches Interesse dahinter.“ Bürgerschaftsabgeordnete Miriam Strunge
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