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Bremer Botschaft aus Birnbaumholz

Zwei Bremer glauben an eine Welt ohne Plastik. Ihr Plan lautet: Lebensmittelbehältnisse aus Birnbaumholz, Glas und Naturkautschuk herstellen. Für diese Idee wurden die Beiden bereits ausgezeichnet.
02.02.2020, 22:17
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Botschaft aus Birnbaumholz
Von Elena Matera
Bremer Botschaft aus Birnbaumholz

Ob in Trinkflaschen oder Bambusbechern – Plastik versteckt sich auch in vermeintlich nachhaltigen Produkten. Die beiden Bremer Gründer wollen das ändern. Ihre Erfindung: komplett plastikfreie Behältnisse aus nur drei Materialien.

Michael Matthey

Birnbaumholz, Glas und Naturkautschuk – mehr braucht es nicht. Die Erfindung der zwei Bremer Christian Schnülle und Dennis Schulze klingt simpel: Lebensmittelbehältnisse aus nur drei Materialien und ganz ohne Plastik. Für ihre Idee wurden sie bereits ausgezeichnet. Die Bundesregierung erklärte die beiden 34-Jährigen im November vergangenen Jahres zu Kultur- und Kreativpiloten. 800 Start-ups haben sich deutschlandweit für die Auszeichnung beworben, 32 haben sie dann erhalten – Schnülles und Schulzes Start-up ist das einzige aus Bremen.

Die Auszeichnung der Bundesregierung, in Form eines Papierfliegers aus Glas, steht im Büro der beiden Gründer. Noch teilen sie sich den Raum im Bremer Viertel mit einem Fotografen. Schnülle und Schulze sind aber schon halb in ihr neues Büro im Creative Hub eingezogen: ein Projekt im ehemaligen Bundeswehrhochhaus an der Falkenstraße. Für gut ein Jahr arbeiten dort rund 80 Start-ups, Künstler und Kreative – ganz ohne Miete.

Dennis Schulze ist selbstständiger Online-Marketing-Berater, Christian Schnülle ist Umweltwissenschaftler an der Universität Bremen. "Wir ergänzen uns gut“, sagt Schulze. Im kleinen Büro im Viertel haben sie ihre Idee für plastikfreie Lebensmittelbehältnisse entwickelt und ihr Start-up Honopū gegründet.

Honopū ist eigentlich ein Strand auf Hawaii und heißt übersetzt so viel wie Muschelgehäuse. „Der Strand ist kaum zugänglich und hat eine noch unberührte Natur“, sagt Schnülle, der für ein Auslandssemester auf Hawaii gelebt hat. Der Name Honopū passe gut zu ihrer Erfindung der ökologischen Verpackung.

Plastikverbrauch eindämmen

Die beiden Gründer wollen mit ihrer Idee den hohen Plastikverbrauch eindämmen und konzentrieren sich dabei in erster Linie auf Lebensmittelbehältnisse. Selbst in vermeintlich nachhaltigen Flaschen, Brotdosen und Vorratsgläsern versteckt sich Plastik in Deckeln, Verschlüssen und Abdichtungen. Auch Bambusbecher, die gern als Alternative zu Coffee-to-Go-Bechern angepriesen werden, enthalten laut Stiftung Warentest zu großen Teilen Kunststoff und sogar Schadstoffe.

„Je mehr wir uns umgeschaut haben, desto mehr ist uns das Plastik aufgefallen“, sagt Schulze. "Wir wollten das ändern und ehrliche Lösungen schaffen.“ Mittlerweile haben die beiden Bremer gut sieben komplett plastikfreie Produkte entwickelt, dazu gehören unter anderem Babyfläschchen, Brotdosen oder Vorratsgläser. „Zu Beginn werden wir uns erst einmal auf ein Produkt konzentrieren“, sagt Schnülle – das habe vor allem finanzielle Gründe. Gerade der Babymarkt sei spannend. All die Gläschen und Fläschchen für Babys hätten einen gewissen Plastikanteil. Oft wird auch Silikon verwendet und als umweltfreundliche Alternative zu Plastik verkauft. Doch Silikon hat laut Schnülle keinen Vorteil: „Es lässt sich genauso schlecht abbauen wie Plastik.“

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Die Flaschen, Behälter und Dosen bestehen aus Glas, dazu kommt ein dichter, sicherer Holzverschluss, der so konstruiert ist, dass der Packungsinhalt nicht mit ihm in Berührung kommt. „Wir setzen bewusst auf altbewährte Materialien und nicht auf Stoffe wie Silikon, die nur zu einer Verlagerung des Problems führen“, sagt Schnülle.

Einzigartige Konstruktion

Ihre Konstruktion sei bisher weltweit einzigartig und sie funktioniere. „Wir verkleben nichts und verzichten auf Synthetik jeglicher Art. Es sind wirklich nur diese drei Materialien.“ Glas, Holz und Naturkautschuk sind rein mechanisch miteinander verbunden und können einfach voneinander getrennt werden – sie sind zu hundert Prozent recycelbar. Das Glas kommt in den Glascontainer, Holz und Naturkautschuk auf den Komposthaufen.

Warum Birnbaumholz? „Es ist ein lokales Produkt“, sagt Schulze. „Das Holz ist stabil, lässt sich gut verarbeiten. Es quillt auch bei Nässe nicht auf und verzieht sich nicht.“ Falls die Gründer in großem Stil produzieren wollen, müssten dafür auch nicht Tausend Birnbäume gefällt werden. „Aus einem Kubikmeter Holz können 20.000 Deckel hergestellt werden“, sagt Schnülle, „der Holzbedarf ist also sehr gering.“ Für jeden produzierten Deckel sollen in Deutschland wieder neue Bäume aufgeforstet werden.

Christian Schnülle (links) und Dennis Schulze.

Christian Schnülle (links) und Dennis Schulze.

Foto: Michael Matthey

Schulze und Schnülle konstruierten die Prototypen der Gefäße selbst, mithilfe einer speziellen Software und des 3-D-Drucks. „Wir mussten uns das alles selbst aneignen“, sagt Schnülle, „wir kannten uns in diesem Feld nicht aus.“

Schwierig sei die Suche nach einem Handwerker gewesen, der den speziellen Holzdeckelverschluss anfertigen sollte. „Uns wurde anfangs immer wieder gesagt: Das kann man nicht machen. Im Sinne von: Was habt ihr euch eigentlich für einen Blödsinn ausgedacht?“, sagt Schulze. Vier Monate lang haben sie gesucht – bis sie den richtigen Mann hatten. „Er konnte uns helfen, weil er das Handwerk beherrscht, das wir gesucht haben.“

Von der Bundesregierung ausgezeichnet

Die Auszeichnung der Bundesregierung sei ein guter Start gewesen. „Die Idee findet Anklang“, sagt Schnülle. Es liege sicherlich daran, dass die Menschen immer mehr darauf achteten, umweltbewusst zu leben. Die beiden Gründer haben bereits in Geschäften nachgefragt, lose Kundenbefragungen gemacht. „Viele Ladenbetreiber meinten zu uns: Genau das brauchen wir.“

Momentan konzentrieren sich Schulze und Schnülle auf plastikfreie Lebensmittelbehälter, der Kosmetikbereich könnte dann der nächste Schritt sein. „Kosmetiktigel haben auch alle Plastik im Deckel kleben. Oft besteht der ganze Deckel aus Plastik“, sagt Schulze.

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Ob die Prototypen fotografiert werden können? Das gehe leider noch nicht, sagt Schnülle. Momentan sind sie dabei, das Patent für ihre Erfindung anzumelden: europaweit. Das sei teuer. Allein der Anwalt koste gut 7000 Euro, dann komme die Patentanmeldung hinzu und die fortlaufenden Kosten. Solange das Patent nicht angemeldet ist, könnten sie weder die genaue Technik erklären noch die Prototypen zeigen. „Wie gesagt: Unsere Erfindung ist simpel. Das heißt, dass sie auch leicht kopiert werden kann“, sagt Schnülle.

Finanzierung ist eine Herausforderung

Nicht nur das Patent koste Geld. Auch sonst sei die Finanzierung eine Herausforderung. Die beiden planen daher eine Crowdfunding-Kampagne zu starten. Doch auch diese wird den Kapitalbedarf für eine erste Kleinserie nur anteilig decken können. Und auch die Glasproduktion stellt noch ein Problem dar. Noch haben sie keine Glashütte, die mit ihnen kooperieren will. Die Gründer wollen nicht gleich in Millionenzahl produzieren, sondern erst einmal klein anfangen. Das ist für Glashütten unattraktiv.

„Es gibt also einige Herausforderungen, die wir noch zu meistern haben“, sagt Schulze, „aber wir glauben an unsere Erfindung, fühlen uns bestätigt. Wir bieten ein CO2-neutrales, ehrliches, faires und regionales Produkt an. Wir stehen dahinter.“

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