Interview mit Chef der Arbeitsagentur

Eine Flut von Anträgen auf Kurzarbeit in Bremen

Tausende Beschäftigte in Bremen bekommen in der Corona-Krise Kurzarbeitergeld. Der Chef der Bremer Agentur für Arbeit in Bremen-Bremerhaven erklärt, wie viele Tage nach Beantragung das Geld fließen soll.
16.04.2020, 06:30
Lesedauer: 4 Min
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Eine Flut von Anträgen auf Kurzarbeit in Bremen
Von Stefan Lakeband
Eine Flut von Anträgen auf Kurzarbeit in Bremen

Wenn die Arbeit ruht: Immer mehr Betriebe in Bremen beantragen Kurzarbeit. Und auch die Zahl der Arbeitslosen steigt spürbar, sagt Agentur-Chef Joachim Ossmann.

Christian Kosak

Herr Ossmann, in Bremen haben 6100 Firmen Kurzarbeit beantragt. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Joachim Ossmann: Diese Zahl ist enorm hoch. Normalerweise haben wir es mit Kurzarbeit im zweistelligen Bereich zu tun. Ich bin aber froh, dass so viele Firmen dieses Mittel in Anspruch nehmen, um ihre Kosten für das Personal zu senken. Dafür ist die Kurzarbeit schließlich gedacht. Sie soll verhindern, dass in Krisenzeiten Leute entlassen werden.

Und das funktioniert?

Die Zahl der Arbeitslosen in Bremen steigt. Man muss sie allerdings im Verhältnis zu den Betrieben setzen, die Kurzarbeit beantragt haben. Dann sieht man, dass bislang nur wenige Menschen wegen Corona ihren Job verloren haben. Wie viele das genau sind, werde ich erst Ende des Monats sagen können.

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Welche Entwicklung erwarten Sie in den kommenden Monaten auf dem Bremer Arbeitsmarkt?

Es kommen immer noch neue Betriebe hinzu, die Kurzarbeit beantragen. Ich glaube aber, dass der Höhepunkt bald erreicht ist. Was die Arbeitslosenquote angeht, lässt sich das nur schwer sagen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist jedenfalls spürbar.

Hängt alles mit der Frage zusammen, wie lange der Alltag noch stillsteht?

Ja, je länger der Shutdown anhält, desto schwieriger wird es für die Unternehmen. Uns ist klar, dass die Betriebe auf die Erstattung des Kurzarbeitergeldes angewiesen sind. Deswegen haben wir die Arbeitsagentur regelrecht umgebaut: Es sind nun zehnmal mehr Menschen mit der Bearbeitung des Kurzarbeitergeldes beschäftigt als sonst. Wir machen Überstunden und arbeiten am Wochenende. Kurz gesagt: Wir tun alles Menschenmögliche. So erreichen wir, dass für jeden gestellten Antrag nach zehn Tagen Geld fließt. Unsere Mitarbeiter wissen, dass an diesem Geld Existenzen hängen. Ich bin stolz darauf, dass meine Leute so gut mitziehen.

Wie hoch ist der Aufwand für Firmen, Kurzarbeit anzumelden?

Viele Betriebe beantragen zum erste Mal Kurzarbeitergeld. Natürlich gibt es viele Fragen. Alles, was Unternehmen wissen müssen, um die Anträge auszufüllen, finden sie daher auf unserer Website. Fragen werden zudem an der Hotline des Arbeitgeberservices beantwortet. Und falls Formulare unklar oder falsch ausgefüllt sein sollten, melden wir uns sofort bei den Firmen, um das Problem zu lösen.

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Konnten Sie etwas aus Ihren Erfahrungen aus der Wirtschafts- und Finanzkrise aus dem Jahr 2008 ableiten?

Uns war klar, dass die Betriebe schnell auf das Kurzarbeitergeld angewiesen sein würden. Deswegen haben wir nicht gewartet, bis die Anträge bei uns eine Größenordnung erreicht haben, die wir nicht mehr bewältigen können, sondern haben sofort das Personal gestärkt und zusätzliche Mitarbeiter geschult.

Von Kurzarbeitern abgesehen sind noch etliche andere Menschen auf Geld und Dienste der Agentur für Arbeit angewiesen. Wie kümmern Sie sich um diese Anliegen?

Seit Mitte März haben wir abgesehen von Notfällen den persönlichen Zugang zur Arbeitsagentur geschlossen. Stattdessen haben wir eine Hotline für Bremen und Bremerhaven geschaltet. Hier können uns alle Arbeitnehmer mit ihren Anliegen erreichen. Neu ist beispielsweise, dass man sich jetzt auch telefonisch arbeitslos melden kann.

Bekommen denn alle rechtzeitig ihre Leistungen?

Ein Augenmerk liegt natürlich auch auf den Anträgen für Arbeitslosengeld. Es gibt keine Rückstände, die wir abarbeiten müssten. Es läuft also alles wie geplant.

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Wenn Sie an einer Stelle Personal aufstocken, muss es an anderer Stelle aber fehlen.

Ja, es gibt aber überall eine Notbesetzung, zum Beispiel in der Vermittlung. Denn natürlich gibt es Unternehmen, die gerade durch die Krise viel zu tun haben und dringend Personal brauchen. Wir kooperieren etwa mit dem Landwirtschaftsverband, wenn es um die Suche von Erntehelfern geht. Auf der Website des Verbands gibt es Verlinkungen zu unserer Jobbörse und ein Formular, das Landwirte ausfüllen können, um eine Stellenanzeige in der Jobbörse aufzugeben. Auch der Einzelhandel, die Gesundheitsbranche und die Logistik suchen aktuell Aushilfskräfte. Deswegen haben wir eine ähnliche Kooperation mit den Unternehmensverbänden.

Mit Erfolg?

Das Ganze läuft gerade erst an. Wir haben aber auch zu vielen Arbeitslosen Kontakt aufgenommen und gefragt, ob sie fachfremd in einer systemrelevanten Branche arbeiten würden. Wir wollen einen Personalpool anlegen, um Unternehmen aus diesen Bereichen zu unterstützen. Dabei können auch Menschen helfen, die von der Kurzarbeit betroffen sind.

Wie das?

Der Gesetzgeber hat dafür extra die Nebenverdienstregelung geändert. Jetzt dürfen Kurzarbeiter in einem systemrelevanten Job etwas dazuverdienen, ohne dass es auf ihr Kurzarbeitergeld angerechnet wird. Voraussetzung ist, dass der aus der eigentlichen Arbeit noch gezahlte Verdienst zusammen mit dem Kurzarbeitergeld und dem Geld aus dem Nebenjob das bisherige Nettoeinkommen nicht übersteigt.

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Ist das die einzige Regelung, die im Zusammenhang mit der Corona-Krise gelockert wurde?

Um Familien mit geringem Einkommen zu unterstützen, wurde der bereits bestehende Kinderzuschlag modifiziert. Familien, die durch die Krise in Not geraten sind, können ihn bei der Familienkasse beantragen, maximal 185 Euro pro Kind. Vorher kann man online überprüfen, ob man Anspruch auf diese Leistung hat.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Joachim Ossmann ist seit April 2018 Chef der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Unternehmen unterstützt er nicht nur bei der Suche nach Fachkräften, sondern auch wie jetzt in Krisenzeiten.

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