Weiter hohe Nachfrage

Wie sich der Immobilienmarkt in Bremen verändern könnte

Die Arbeit im Homeoffice hat die Wohnsituation vieler Bremer stark verändert. Experten zufolge hat das Folgen für den Immobilienmarkt der Stadt.
11.05.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie sich der Immobilienmarkt in Bremen verändern könnte
Von Peter Hanuschke
Wie sich der Immobilienmarkt in Bremen verändern könnte

Die Wohnungswirtschaft geht davon aus, dass die Nachfrage nach Immobilien auch nach der Corona-Krise größer sein wird als das Angebot.

Andrea Warnecke

Käufer für Immobilien in Bremen oder insgesamt in Deutschland zu finden, war in den vergangenen Jahren kein Problem: Die Nachfrage war größer als das Angebot, und auch stetig steigende Preise haben vom Kauf nicht abgeschreckt. Seit der Corona-Krise sind die Wirtschaftskreisläufe zum Großteil aber unterbrochen oder ganz zum Erliegen gekommen. Die finanzielle Situation von potenziellen Immobilienkäufern hat sich in vielen Fällen geändert: Es gibt mehr Arbeitslose und viele Menschen sind in Kurzarbeit. Wie wirkt sich das auf den Immobilienmarkt aus?

„Auch in den vergangenen Wochen hat das Geld in Bremen nicht geschlafen“, sagt Bastian Wefer, Geschäftsleitung bei Engel & Völkers Commercial Bremen. Die Nachfrage nach reinen Wohnraumobjekten wie Mehrfamilienhäusern sei trotz Corona stabil. „Ich sehe keine Gründe, weshalb die Preise in den Keller gehen sollten.“

Objekte mit drei oder vier Wohneinheiten im Fokus

Es gebe eventuell ein paar Verschiebungen, die im Zusammenhang mit der Krise stünden. „Denkbar ist, dass die Nachfrage nach Objekten mit drei, vier Wohneinheiten steigt – Objekte, die gerne von Personen gekauft werden, die selbstständig sind und diese Investition für ihre Altersvorsorge einsetzen. Zumal die Kapital- und Finanzmärkte unter Risiko- und Renditeaspekten nach wie vor wenig Alternativen bieten“, so Wefer. „Durch Homeoffice wird der eine oder andere feststellen, dass das ganz gut funktioniert und auch nach der Krise teilweise in dieser Form gearbeitet wird.“ Allerdings wäre es dann vielleicht angenehmer, die Arbeit statt von der 1-Zimmer-Wohnung in Schwachhausen aus von der 3-Zimmer-Wohnung in Huchting zum gleichen Preis zu erledigen. Die Nachfrage nach Wohnraum werde auf jeden Fall hoch bleiben.

Der „Einsperr-Effekt“ durch Corona schaffe neue Lebenssituationen und damit neue Anforderungen an Wohnimmobilien, sagt auch Khaled Hadidi, Geschäftsführer für den Wohnimmobilienbereich bei Robert C. Spies in Bremen: „Veränderungen, wie beispielsweise mehr Raum für regelmäßiges Arbeiten im Homeoffice, erhöhen zukünftig die Nachfrage nach bedarfsgerechtem Wohnraum.“

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Das verstärkte Arbeiten im Homeoffice kann laut Wefer noch etwas auslösen: dass sich Büros kleinere Immobilien suchen, weil sie künftig mit weniger Raum auskommen, das dann aber in repräsentativeren Lagen. Weitaus schwieriger sei die Situation dagegen im Einzelhandel. Nach Meinung von Wefer könnten gerade für Ladenflächen die Mietrenditen fallen, weil der Einzelhandel bedauerlicherweise extrem durch die Krise belastet worden sei. „Wir werden weiterhin Marktein- und -austritte sehen, sodass es nach wie vor genügend Objekte für Kleinanleger und auch institutionelle Investoren geben wird“, so der Immobilienexperte.

Wohnraummangel bleibe trotz Corona in Bremen und auch vielen anderen Großstädten ein Thema, so Hadidi. Daher werde die Nachfrage über alle wohnbezogenen Immobilienbereiche hier hoch bleiben und das Angebot langfristig übersteigen. „Insbesondere im Vermietungsbereich merken wir aktuell eine starke Nachfrage und auch eine hohe Anzahl an neuen Vermietungsaufträgen. Die Mietpreise befinden sich in Bremen seit zwei Jahren stabil in einer Seitwärts-Bewegung – unverändert.“

Kaufpreise werden durch Corona sinken

Da die Einkommen vieler Bundesbürger durch die Corona-Krise schrumpften, sei die Unsicherheit groß, schreiben Michael Voigtländer und Christian Oberst vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer Studie, die im Auftrag der Deutschen Reihenhaus AG erstellt wurde: Wer eine neue Wohnung kaufen wolle, verschiebe seine Pläne jetzt erst einmal, heißt es unter anderem. Das lässt sich laut Studie anhand von Google-Suchanfragen für neue Miet- und Eigentumswohnungen ablesen. Seit Anfang März seien die Anfragen deutlich zurückgegangen. „Deshalb werden die Kaufpreise für Wohnimmobilien durch die Krise wahrscheinlich leicht sinken, aber nicht einbrechen“, so Voigtländer, beim IW Leiter des Kompetenzfelds Finanzmärkte und Immobilienmärkte. Der Wohnimmobilienmarkt werde aber relativ gut durch die aktuelle Krise kommen.

Es gebe derzeit weniger Transaktionen, so Kai Enders, Vorstandsmitglied der Engel & Völkers AG, die in Deutschland zu den führenden Immobilienunternehmen zählt. Das sei aber nicht auf einen Nachfragerückgang zurückzuführen. Vielmehr würden die von der Bundesregierung verhängten Kontaktverbote und Ausgangssperren sowie behördlich angeordnete Geschäftsschließungen den gewohnten Ablauf bei der Objektvermittlung verhindern. „Wir gehen davon aus, dass das Geschäft nach der Überwindung der aktuellen Situation auf dem bisherigen Niveau weiter läuft und sogar Nachholeffekte zu verzeichnen sein werden.”

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„Vereinzelt überprüfen private Käufer teilweise ihre finanzielle Situation, da es in Teilen zu Vermögensverlusten gekommen ist“, so Hadidi. Auch die derzeitige Gegebenheit, dass physische Treffen mit Immobilien- und Bank-Beratern sowie Besichtigungen plötzlich nur noch unter neuen und anderen Bedingungen möglich waren, führe zu leichten Verzögerungen aber auch Konzentration bei der Marktdynamik. Die Nachfrage könnte sich dadurch in Bremen kurzfristig verschieben: „Teilweise wollen sowohl Verkäufer als auch Käufer gerade jetzt zum Zuge kommen, während andere wiederum sich aktuell eher abwartend in Bezug auf eine finale Kauf- oder Verkaufsentscheidung verhalten – beides erleben wir gerade.“

Nachfrage wird Angebot weiter übersteigen

Dennoch werde die Nachfrage nach Objekten das Angebot immer noch übersteigen, sagt Hadidi. Der Glaube an die Sinnhaftigkeit eines Immobilieninvestments bleibe bestehen und werde aktuell sogar noch verstärkt. Die Finanzierung bleibe weiter auf einem günstigen Niveau, die Banken und Notare erwiesen sich weiterhin als stabile Partner für Käufer. „So bleiben die Preise für Wohnimmobilien langfristig auch stabil – leichte Steigerungen in einzelnen Stadtteilen oder Bereichen wird es nach wie vor immer geben.“

Die Zahl der Baufertigstellungen werde durch die aktuelle Situation noch verlangsamt, was zu einer weiteren leichten Verknappung des Angebotes führe. „Gleichzeitig bleibt die Finanzierung durch ein anhaltend günstiges Zinsniveau attraktiv“, konstatiert Hadidi. „Allerdings gilt es darauf zu achten, dass die Eigenkapitalraten für Finanzierungen nicht zu deutlich in die Höhe steigen.“ Dies könnte mittelfristig sogar eine ganz leichte Preissteigerung in einigen Wohnimmobilienbereichen und Lagen zur Folge haben – grundsätzlich bleibe das Preisniveau der letzten ein bis zwei Jahre jedoch stabil.

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