Interview mit Chef des Weltwirtschaftsinstituts „Es müsste großzügigere Hilfen geben“

Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Henning Vöpel, hält die staatlichen Instrumente für Firmen Not nicht für ausreichend. Der Ökonom hat einen radikalen Vorschlag.
06.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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„Es müsste großzügigere Hilfen geben“
Von Philipp Jaklin
Es werden aus der deutschen Wirtschaft die Rufe lauter nach einer Strategie für den Ausstieg aus dem derzeitigen Stillstand. Eine berechtigte Forderung?

Henning Vöpel: Im Grundsatz schon. Die Kosten für Unternehmen steigen, Tag für Tag müssen sich mehr Unternehmen unter den Schutzschirm stellen. Solange wir aber nicht sicher sein können, diese Pandemie unter Kontrolle zu haben, sollte jedoch der Gesundheitsschutz der Bevölkerung an erster Stelle stehen. Eine unkontrollierte Pandemie wäre viel teurer als die Maßnahmen, die sie bekämpfen.

Wie könnte eine solche Strategie aussehen?

Es wird vermutlich eine zweite und dritte Infektionswelle geben. Die Kontaktsperre muss schrittweise so gelockert werden, dass wir den dadurch erzeugten Anstieg weiterhin kontrollieren können. Nach dem 19. April könnte man vielleicht dazu übergehen, die Geschäfte und Schulen wieder zu öffnen. Denn irgendwann schwindet auch die Akzeptanz der jetzigen Maßnahmen. Für Restaurants, Clubs oder Großveranstaltungen dürfte es zunächst bei den Einschränkungen bleiben. Aber für weite Teile des Einzelhandels könnten sie als erstes gelockert werden.

Wie lange rechnen Sie mit Produktionsstilllegungen, etwa in der Autoindustrie?

Das lässt sich noch nicht sagen. Die Just-in-Time-Lieferketten der Industrie dürften allerdings noch bis zum Jahresende massiv gestört bleiben. Schließlich steht der Höhepunkt der Pandemie in Europa oder den USA noch bevor. Darunter leiden natürlich auch die Absatzmärkte massiv, denn Haushalte verschieben die Anschaffung langlebiger Konsumgüter wie eben Autos, solange sie befürchten, selbst von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein.

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Reichen die derzeitigen Hilfen des Staates für Unternehmen in Not?

Die Summen sind natürlich gigantisch. Instrumente sind immer nur so gut wie ihre Wirkung. Kreditlinien oder staatliche Bürgschaften zur Verfügung zu stellen, ist ein gelernter Reflex aus der Finanzkrise. Jetzt ist die Situation aber eine ganz andere. Überspitzt gesagt ist Geschäftstätigkeit derzeit per staatlicher Verfügung untersagt. Das ist ein massiver Eingriff in Freiheits- und Eigentumsrechte. Da müsste es großzügigere Instrumente geben, sprich direkte Einkommens-Transfers. Zumal viele Geschäftsbanken, die ja zehn Prozent des Risikos selbst tragen müssen, sehr zögerlich sind. Die Kredite müssen zurückgezahlt werden, und das könnte Investitionen nach der Krise erheblich einschränken.

Also das sogenannte Helikoptergeld als Lösung?

Aus meiner Sicht ja. Die Finanzämter haben alle Daten, um eine Rücküberweisung an jeden Steuerpflichtigen zu organisieren, zum Beispiel 500 Euro pro Kopf und Monat. Wer sonst Kapitaleinkünfte bezieht, müsste sich damit auch begnügen, Mietzahlungen müssten ausgesetzt werden. Am Ende könnte alles mit der Jahreseinkommenssteuer verrechnet werden. Das wäre radikal, aber schnell, wirksam und gerecht. Es geht jetzt darum, die Zahlungsströme aufrecht zu halten, um die Ökonomie gewissermaßen einzufrieren und so eine Insolvenzwelle zu verhindern. Warum man die Krise mit einer massiven Ausweitung der Staatsverschuldung in die Zukunft zieht, erschließt sich mir nicht. Meines Erachtens ist das eine Fehlinterpretation der Krise.

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Als Ultima Ratio behält sich die Bundesregierung Kapitalbeteiligungen an strategisch wichtigen Unternehmen vor. Erwarten Sie eine Welle von Verstaatlichungen?

Ich halte den Schritt für falsch. Wie und wann sollen die Beteiligungen wieder aufgelöst, wie Fehlanreize vermieden werden? Es wäre falsch, wenn am Ende der angeordneten Produktionsunterbrechung weniger Privatwirtschaft und mehr Staatswirtschaft stünde, der Staat also auch noch Unternehmensrisiken übernähme.

In Europa könnte die Krise Länder wie Italien in eine gefährliche Schuldenspirale abgleiten lassen. Helfen da Eurobonds beziehungsweise Corona-Bonds?

Ich wäre dafür. Ökonomisch spricht vieles dafür, auch wenn der Vorschlag rechtlich auf die Schnelle schwer umzusetzen sein dürfte. Die Kredite der EU-Staaten werden direkt der nationalen Verschuldung angerechnet, und das könnte 2021 oder 2022 aus dann anderen Ursachen zu einer neuen Euro-Krise führen. In jedem Fall wird unsere Währungszone anfälliger für neue Krisen. Eine beschränkte und zweckgebundene Ausgabe von Corona-Bonds würde der Tatsache Rechnung tragen, dass der symmetrische Schock dieser Pandemie auch eine symmetrische europäische Antwort braucht.

Die gigantische zusätzliche Schuldenlast der öffentlichen Haushalte, die da im Moment entsteht - wie lässt sich die jemals wieder abtragen?

Das ist genau die Frage. Die heutige Staatsverschuldung induziert eine zukünftige Umverteilung. Das ist aber eigentlich unnötig, weil das reale Problem heute anfällt: die infolge des Shutdown geringere Wertschöpfung durch Einkommenstransfers auf alle Haushalte, auch solche, die jetzt nicht zur Wertschöpfung beitragen, zu verteilen. So wie es derzeit geregelt ist, wird man später über Steuererhöhungen oder Einsparungen bei Investitionen die Haushalte konsolidieren müssen. Deswegen ist die Diskussion über eine mögliche Vermögensabgabe so weit nicht hergeholt.

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Nach der Krise wird die Wirtschaft eine andere sein als vor der Krise. Was werden die einschneidendsten langfristigen Veränderungen sein?

Es kann gut sein, dass wir in der Weltwirtschaft eine Renationalisierung erleben werden: mehr Protektionismus, mehr Autarkie. Die Folge kann eine Entsolidarisierung zum Beispiel in Europa sein, es könnte aber auch in Richtung mehr globale Kooperation gehen, was zu wünschen wäre. Viele Unternehmen machen jetzt die Erfahrung, dass sie verwundbar sind durch hohe Vernetzung und die dadurch entstehenden Abhängigkeiten. Man wird versuchen, diese Abhängigkeiten zu reduzieren, aber das hat seinen Preis. Weiterhin könnte das Vertrauen in Staatswirtschaft zunehmen. Die kollektive Erfahrung gesundheitlicher Sorgen und existenzieller Not kann aber auch etwas Positives auslösen: dass wir uns stärker fragen, wie wir Risiken begegnen und ob wir Wandel nicht beschleunigen müssen. Wir müssen resilienter und anpassungsfähiger werden, und diese Krise kann uns dabei helfen, das Leben und die Wirtschaft besser zu organisieren.

Das Gespräch führte Philipp Jaklin.

Info

Zur Person

1972, studierte VWL und promovierte über Geldpolitik. Seit 2010 ist er ist Professor an der Hamburg School of Business Administration, seit 2014 Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

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