Greensill AG

Wie der Gewinn einer Bremer Bank in die Höhe schnellte

In Bremen dürfte die Bank nicht vielen ein Begriff sein. Dabei schnellten Bilanzsumme und Gewinn der Greensill AG 2019 geradezu hinauf. Die Finanzaufsicht soll das Institut laut Berichten beobachtet haben.
27.02.2021, 05:00
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Wie der Gewinn einer Bremer Bank in die Höhe schnellte
Von Lisa Boekhoff
Wie der Gewinn einer Bremer Bank in die Höhe schnellte

Greensill ging aus der Nordfinanz hervor.

Sina Schuldt

Ob Deutsche Bank, Sparkasse, NordLB oder Bremische Volksbank – die Finanzinstitute der Stadt präsentieren sich gewöhnlich prominent in teils spektakulären Bauten. Ganz anders sieht es bei der Bremer Greensill AG aus. Der Sitz in der Martinistraße ist unauffällig. Am Gebäude neben der Eingangstür ein schlichtes Schild mit dem grünen Logo darauf. Greensill Bank.

Vor wenigen Jahren hieß das Unternehmen noch Nordfinanz Bank. 2014 übernahm die britische Beteiligungsgesellschaft Greensill Capital, die der australische Farmersohn Alexander Greensill gegründet hatte, die Mehrheit an der Bank. Seit 2018 gehört sie der australischen Greensill Capital Pty.

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Der unprätentiöse Auftritt mag auch am speziellen Geschäft der Bank liegen. Greensill ist ein weltweiter Anbieter von Factoring für Unternehmen – nach eigenen Angaben marktführend. 2019 hat Greensill Finanzierungen in Höhe von 143 Milliarden Dollar für mehr als zehn Millionen Kunden und Lieferanten in mehr als 175 Ländern gestellt. Das teilt ein Sprecher mit. Dafür arbeite Greensill mit mehr als 100 Refinanzierungspartnern weltweit zusammen.

Die Greensill Bank AG in Bremen sei einer davon. Wie die „Wirtschaftswoche“ schreibt, ist die „Spezialität von Greensill“ die Lieferketten-Finanzierung. Greensill übernehme bestehende oder zukünftige Forderungen von Lieferanten, der Betrag werde sofort beglichen – abzüglich einer Gebühr. Die Verbindlichkeiten bündele der Finanzdienstleister zu Anleihen. Auf der Homepage der Greensill AG werden als Dienstleistungen Betriebsmittelkredite sowie das Einlagengeschäft genannt.

Von 60 auf 140 Mitarbeiter

Auffällig im Gegensatz zum Standort ist der Wachstumsschub der Bremer Bank. Kreditanalysten, Verstärkung für das Risikocontrolling und die Interne Revision: Greensill sucht gleich für mehrere freie Positionen Bewerber – so weit so gewöhnlich. Allerdings hat sich die Belegschaft unlängst bereits mehr als verdoppelt. Im Jahr 2018 lag die Zahl der Beschäftigten in der Hansestadt im Schnitt bei 61.

Inzwischen gibt es 137 Mitarbeiter (Stand Januar). Dieses Wachstum ist in der Branche derzeit eine Ausnahmeerscheinung – abgesehen von Neugründungen wie Fintechs. „Wir sind stolz darauf, ein wichtiger wachsender Arbeitgeber in Bremen zu sein“, sagt der Sprecher. So mancher Banker, so ist es zu vernehmen, wechselte von der Norddeutschen Landesbank beziehungsweise der früheren Bremer Landesbank zu Greensill.

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Doch nicht nur die Belegschaft ist gewachsen. Die Verbindlichkeiten und Forderungen stiegen ebenfalls. Im Jahr 2019 lag die Bilanzsumme bei fast vier Milliarden Euro – kommend von 666 Millionen im Vorjahr. Wie das passiert ist? „2019 erhielt Greensill zwei Investitionstranchen von Softbank“, teilt der Unternehmenssprecher mit. Als Teil der ersten Tranche habe Greensill Kapital in die Greensill Bank AG eingebracht und damit die Bilanz gestärkt. „Dadurch konnte die Bank planmäßig in der Infrastruktur und im Volumen wachsen.“ Der japanische Konzern Softbank ist einer der weltgrößten Technikinvestoren.

Verbindung zum geplatzten Stahldeal

Die Entwicklung der Bank ist insofern auch ungewöhnlich, da Greensill in den Vorjahren 2017 und 2018 jeweils einen leichten Verlust gemacht hatte. Der Sprecher erklärt, dass nach dem Erwerb 2014 ein neues Führungsteam in der Bank eingesetzt wurde, um die Wende zu schaffen für letztlich mehr Profitabilität. 2019 sei ein Meilenstein für die Greensill AG gewesen – bezogen auf den Gewinn von 21 Millionen Euro.

Die Finanzagentur Bloomberg berichtete im vergangenen Jahr, dass ein Großteil der Forderungen und Wertpapiere im Jahr 2019 auf Unternehmen im Umkreis des britisch-indischen Unternehmers Sanjeev Gupta zurückging. Das soll dazu geführt haben, dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) die Greensill AG besonders beobachtete, denn eine solche Konzentration birgt ein Risiko. Ein Sprecher der Finanzaufsicht gibt an, sich zu einzelnen Banken nicht äußern zu dürfen. Auch der Bankenverband Bremen will keine Auskunft zum Unternehmen geben. Greensill ist Mitglied im Zusammenschluss.

Die Nähe zu Gupta ist noch vor einem weiteren Hintergrund von Interesse, denn Gupta ist Vorstandschef von Liberty Steel. Das Unternehmen wollte die Stahlsparte von Thyssen-Krupp übernehmen. Die Offerte ist jedoch ausgeschlagen worden: Thyssen hat den Abschied vom Stahl abgeblasen – zumindest vorerst. Der Konzern und Liberty waren sich nicht über den Kaufpreis für das Stahlwerk in Duisburg und weitere Standorte einig geworden. Sanjeev Gupta kritisierte die Absage. Es sei unverständlich für ihn, „den Deal ohne ernsthafte Verhandlungen abzublasen“, sagte er dem „Handelsblatt“.

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Greensill will sich zur Beziehung zu Gupta nicht äußern: „Wir geben keine spezifischen Kommentare zu einzelnen Kunden der Greensill Bank AG ab.“ Ob die Bafin sich eingeschaltet hat? Welche Folgen mögliche Gespräche hatten? Der Sprecher antwortet darauf nicht konkret, sondern erklärt: Die Bank erfülle ihre regulatorischen Anforderungen vollständig. Und weiter: „Wir führen regelmäßige, konstruktive Gespräche mit allen drei großen Bankenaufsichtsbehörden in Deutschland und in allen Jurisdiktionen, in denen wir tätig sind.“ Alle Vermögenswerte entsprächen den genehmigten internen Risikolimits der Greensill Bank AG sowie den deutschen Bankvorschriften. Die Greensill AG kaufe nur Forderungen, die vollständig kreditversichert seien, erklärt der Sprecher weiter. „Wir bieten attraktive Einlagezinsen für unsere Privatkunden. Wir engagieren uns langfristig für die Region Bremen.“

Nicht nur Kunden dürften gespannt sein, wie sich die Bank mit dem Wachstumsschub in Zukunft weiterentwickelt. Seit August hat der Vorstandschef Markus Nünnerich mit Ann-Christin Rathjen und Ingo Schwartz zwei neue Vorstände an seiner Seite.

Info

Zur Sache

Nordfinanz erregte Aufsehen

Die heutige Greensill AG geht auf die Nordfinanz Bank (NF Bank) zurück. Neben dem Hauptsitz Bremen gab es früher auch Niederlassungen in Hamburg, Leipzig und München. Zur Historie der 1927 gegründeten Privatbank gehören einige Wechsel bei den Anteilsverhältnissen. Der Bremer Landesbank und der Sparkasse gehörte die NF Bank bis 1988.

Alleineigentümer war später der Münchner Finanzier Benedikt Symeonidis. Nachdem er unter dem Verdacht des Anlagebetrugs festgenommen worden war, stiegen 1996 zwei Bremer Senatoren bei der Bank ein: der damalige Innensenator Ralf Borttscheller sowie der damalige Finanzsenator und ehemals Chef der Sparkasse Bremen Ulrich Nölle und dessen Frau Ingeborg. Borttscheller verkaufte seine Anteile 1998 an die anderen Aktionäre, das Ehepaar Nölle geriet in massive Zahlungsschwierigkeiten.

Es folgten als Partner der NF Bank unter anderem die Garant Schuh und Mode AG, die ebenfalls in Schieflage geriet, aber saniert werden konnte. Seit 2014 gehört die Bank zu Greensill. Es folgten die Umfirmierung und die Neuausrichtung des Geschäftsmodells.

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