Einkaufen in Zeiten des Coronavirus

Die Helden des Bremer Einzelhandels

Die Botschaft der Supermärkte und Drogerieketten lautet: Es ist genug Ware da. Wer dafür täglich sorgt, dass die Ware im Regal ist, und warum die Kunden vor allem Nudeln und Toilettenpapier kaufen.
17.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Helden des Bremer Einzelhandels
Von Florian Schwiegershausen
Die Helden des Bremer Einzelhandels

Im Rossmann in der Bremer Neustadt am Buntentorsteinweg räumt Ausbilderin Katja Westphal Windeln zurecht. Wenn am Ende des Tages die Regale leer sind, ist klar, dass spätestens am nächsten Morgen die Regale wieder aufgefüllt werden.

Florian Schwiegerhausen

Montagmorgen um 6.57 Uhr bei Lidl in Bremen-Findorff in der Hemmstraße. Eigentlich ist erst ab sieben Uhr geöffnet. Doch heute sind die Kunden schon drin. Im Laden füllen zehn Mitarbeiter emsig nach und nach alle Regale wieder auf und schieben Palette um Palette in den Verkaufsraum. Das ist auch notwendig, denn die Kunden haben am Sonnabend an Toilettenpapier, Fleisch und Tiefkühlware nicht viel übrig gelassen. Selbst beim Katzenfutter stehen nicht mehr viele Dosen. Die Palette mit dem Basmati-Reis schieben die Mitarbeiter erst gar nicht groß in die Reihe. Laut Lebensmittelzeitung lag der Umsatz mit Reis in der letzten Februarwoche um 164 Prozent höher als in der gleichen Woche vor einem Jahr.

Szenenwechsel: 8.40 Uhr im Rossmann am Bremer Hauptbahnhof. Eine Mitarbeiterin bringt eine neue Fuhre Toilettenpapier um die Ecke und fragt den Kunden lächelnd: „Wie viele Pakete wollen Sie? Drei oder vier?“ Nee, eines würde reichen, man wolle ja keine tragende Rolle übernehmen. Die Mitarbeiterin freundlich: „Dann haben Sie viel Spaß beim Tragen.“ Sie und ihre Kollegen lassen sich in diesen Tagen die gute Laune nicht verderben, wie sie sagen. Und sie sagen auch: „Täglich gibt es neue Ware.“

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Eine Kundin kauft gleich mehrere Pakete Klopapier und sagt an der Kasse, sie versorge damit die älteren Menschen bei sich im Haus. Zuvor, zwischen den Regalen, schiebt sie mit der einen Hand den Einkaufswagen und zieht mit der anderen Hand ihren Hackenporsche – ihren Trolley. Als sie niesen muss, ist zum Schutz leider keine Hand oder Armbeuge frei. Auch das lassen die Mitarbeiter über sich ergehen. In diesen Tagen sind sie die Helden des Einzelhandels. So sagt eine Sprecherin von Rossmann in Burgwedel: „Es ist toll, was momentan alle Mitarbeiter bei uns leisten – vor Ort in den Filialen und auch hier bei uns in der Zentrale, was beispielsweise Vertrieb und Logistik angeht.“

Am Nachmittag im Rossmann in der Bremer Neustadt. Auch hier geht es an den zwei Kassen geschäftig zu. Ausbilderin Katja Westphal schafft zwischendurch in den Regalen Ordnung. Sie hätte nichts dagegen, am Sonntag einige Stunden zu arbeiten: „Dann haben wir nicht geöffnet, und wir hätten etwas mehr Ruhe für die Ware und alles andere.“ Der Bezirksleiter lehnt dies ab, dafür gebe es derzeit keine Möglichkeit. Grundsätzlich lobt er: „93 Prozent der Rossmann-Belegschaft sind Frauen. Mein größter Respekt an sie!

Mitarbeiter bei Lösungen zur Kinderbetreuung unterstützen

Denn viele von ihnen haben ja Kinder und haben jemanden organisiert, der sich um sie kümmert, jetzt wo die Schulen und Kindergärten geschlossen sind.“ Viele arbeiten auf Teilzeit oder als geringfügig Beschäftigte. Wenn es sie nicht geben würde, wäre das auch für Rossmann nicht so einfach zu bewältigen. Das Unternehmen will die Mitarbeiter bei Lösungen zur Kinderbetreuung unterstützen.

Die Drogeriekette aus Burgwedel bei Hannover unterstreicht, dass in den Lagern genug Ware vorhanden sei. Genauso seien Lieferketten und Logistik intakt: „Um die Menschen in dieser Ausnahmesituation weiterhin mit Produkten zu versorgen, arbeiten wir mit großem Einsatz daran, die Warenversorgung flächendeckend aufrechtzuerhalten.“

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Durchweg wundern sich die Mitarbeiter in den Läden über die Hamsterkäufe: Nudeln und Toilettenpapier sind heiß begehrt. Das versucht Stephan Grünewald zu erklären, Geschäftsführer des Kölner „Rheingold“-Instituts, das qualitative tiefenpsychologische Interviews zu Marktforschungszwecken macht. Zum Coronavirus sagt der Diplom-Psychologe: „Es geht hier um eine Bedrohung, die wir sinnlich nicht wahrnehmen können. Von daher sind die Menschen froh, wenn sie Handlungsmöglichkeiten haben – wenn wir kochen und putzen aber auch einkaufen gehen können.“ Und das Kochen habe folgende Funktion: Auch in einer Bedrohungslage kann ich etwas anrichten. „Durch das Kochen zeige ich, dass ich Material verwandeln kann. Außerdem hat es etwas Vergemeinschaftendes, weil ich ja meist für mehrere Personen koche.“

Für das Toilettenpapier hat Grünewald drei Erklärungsansätze: „Es ist irgendwo ein magisches Handeln. Wenn wir Toilettenpapier kaufen, impliziert das ja auch, dass wir genug zu essen haben. Sonst bräuchten wir es ja nicht.“ Wenn man außerdem Studien anschaut: „Toilettenbesuche bringen ja auch einen gewissen Werks- oder Produktionsstolz mit sich. Man beweist mit dem Kauf des Toilettenpapiers auch seine grundsätzliche Geschäftstüchtigkeit auch in Krisenzeiten.“

Den banalen Kreislauf des Lebens absichern

Laut Grünewald dienen die Nudeln dazu, zu sagen, dass man sich etwas aneignen kann, und das Toilettenpapier dient dazu, den banalen Kreislauf des Lebens abzusichern: „Es kommt oben etwas rein und unten etwas raus, und dann kann das Leben weitergehen.“ Grünewald sieht jedoch auch wirkliche Ängste: „Das Problem im Supermarkt: Wenn ich merke, dass andere Kunden anfangen, die Regale leerzukaufen, spürt man, dass sich die Erregung schneller verbreitet als der Erreger. Es entsteht eine situative Panik. Man hat das Gefühl, man sei der Einzige, der nichts mehr abbekommt. Dann entsteht auch dieses Herdenverhalten.“

Die Mitarbeiter in den Filialen versuchen, den Kunden die Angst zu nehmen. Während andere Geschäfte nun zu bleiben, sind die Supermärkte und Drogerien weiter geöffnet. Trotz Heldentum: Über Dank dürften sich die fleißigen Helfer in diesen Zeiten freuen.

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Mitarbeiter dringend gesucht

Wegen der hohen Nachfrage infolge der Coronavirus-Krise sucht die Handelskette Rewe mit Hochdruck neue Mitarbeiter. „Wer in unseren Märkten jetzt als Aushilfe tätig werden möchte, kann sich unkompliziert bewerben“, sagte Rewe-Chef Lionel Souque am Montag. Der Konzern hofft nicht zuletzt auf Studenten, die wegen der Schließung der Universitäten aktuell nichts zu tun haben.

Die Warenversorgung bei Rewe und der konzerneigenen Discount-Kette Penny sei trotz der hohen Nachfrage gesichert, betonte Souque. Der Konzern habe bereits in den vergangenen Tagen die Frequenz der Warenbelieferung erhöht. Die Menschen könnten sich darauf verlassen, ausreichend mit Lebensmitteln versorgt zu werden, versprach er. Der Konzern habe außerdem den Lagerbestand erhöht, um mögliche transportbedingte Schwankungen auszugleichen.

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