Made in Bremen

Die Zellstoff-Zauberer

Von der Hansestadt nach Übersee: Die Maschinen von Christian Senning verpacken weltweit Taschentücher & Co.
02.03.2019, 19:57
Lesedauer: 3 Min
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Die Zellstoff-Zauberer
Von Olga Gala

Annette Bengs muss selten nach einem Taschentuch suchen. Irgendwo liegt immer eine kleine Verpackung oder eine Papierbox herum. Schließlich sind Produzenten von Taschentüchern wichtige Kunden ihrer Firma – Christian Senning Verpackungsmaschinen. Bengs leitet das Bremer Familienunternehmen in dritter Generation. Ihr Großvater, der Namensgeber der Firma, gründete den Betrieb im Jahr 1949. Damals reparierte er vor allem Industriemaschinen, später kamen die Verpackungen von Lebensmitteln, Hygieneartikeln und eben Servietten und Ähnlichem hinzu.

Seit den 1970er Jahren fokussiert sich das Unternehmen ganz auf sogenannten Zellstoff-Produkte. Heute produziert die Bremer Firma Verpackungsmaschinen für Taschentücher, Servietten und andere Papiertücher. Verpackt wird meist in Folie.

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In Oslebshausen werden die Maschinen entwickelt. Etwa ein Viertel der einzelnen Teile wird auch vor Ort hergestellt, der Rest kommt von Zulieferfirmen. Zusammengebaut werden alle Anlagen jedoch stets in Bremen. Etwa zwei bis drei Taschentuch- und 12 Servietten-Verpackungsmaschinen im Jahr verkauft das Unternehmen. 90 Mitarbeiter hat die Firma, die meisten arbeiten in Bremen. Vor der Auslieferung gilt: „Jede einzelne Maschine wird getestet“, sagt Ingenieur Maik Köster.

Komplexe Technik wird vom Mitarbeiter in Betrieb genommen

Meist fährt der dafür zuständige Mitarbeiter auch als Monteur zu den Kunden, um die Anlage vor Ort in Betrieb zu nehmen und das Personal des Kunden zu schulen. Die Technik sei nämlich komplex und nicht so einfach zu bedienen.

Bis zu 850 Pakete Taschentücher pro Minute kann die neuste Entwicklung aus dem Hause Christian Senning verpacken. Auf die neue Anlage sind sie bei Christian Senning aber nicht nur wegen der Geschwindigkeit stolz. "Wir haben eine Produktionslinie für die Verpackung von Taschentüchern entwickelt, sodass der Kunde alles aus einer Hand kaufen kann“, sagt Bengs. Der Produzent bräuchte nur noch die Rohstoffe Papier und Folie. „Wir können die Taschentücher nicht nur verpacken, sondern auch herstellen“, sagt Köster.

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Auf ihren Maschinen können die Kunden ihre Ware in unterschiedlichste Materialien verpacken. Am häufigsten sei Folie. Doch auch Papier sei immer wieder im Trend. Zudem werden umweltfreundliche Verpackungen vermehrt nachgefragt, und problemlos können diese auf den bereits bestehenden Maschinen verwendet werden. „Wir können unser Format schnell umstellen“, sagt Köster. Das bedeutet: Auf einer Anlage können Verpackungen unterschiedlicher Größen und Formen verarbeitet werden.

Der Kunde entscheidet über die Verpackungsart

„Ich fände umweltfreundliche Verpackungen super“, sagt Bengs. Welche Variante verwendet wird, entscheide allerdings allein ihr Kunde. Und dieser richte sich nun einmal nach dem, was die Käufer nachfragten. Umweltfreundliche Produkte würden zwar oft gewünscht, jedoch seien Verbraucher häufig nicht bereit, für recycelte oder kompostierbare Ware mehr zu bezahlen. „Wir geben nicht vor, wie der Produzent sein Produkt verpackt“, sagt Bengs.

Die Diplombetriebswirtin stieg 2007 in das Familiengeschäft ein. Eine Geschäftsführerin ist in der männerdominierten Branche immer noch eher selten. Zu Beginn ihrer Karriere machte Bengs häufiger die Erfahrung, dass ihr weniger zugetraut wurde als Männern. Damals hätten manche Kommentare sie getroffen, mittlerweile sei sie da jedoch abgeklärt, sage sich: „Es ist, wie es ist.“

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In der Familie hatte Bengs stets ein direktes Vorbild für eine erfolgreiche weibliche Führungskraft vor Augen – ihr eigene Mutter. Margarete Senning-Bengs übernahm als junge Frau nach dem Tod ihres Vaters und Gründers die Firma und baute diese zu einem weltweit tätigen Unternehmen aus. „Meine Mutter kommt noch täglich ins Unternehmen“, sagt Bengs.

Geschäftsführende Gesellschafterin wird mit einbezogen

Die mittlerweile 79-Jährige sei zwar nicht mehr im operativen Geschäft tätig, in alle wichtigen Entscheidungen werde die geschäftsführende Gesellschafterin jedoch einbezogen. Anders sei das einfach unvorstellbar, sagt Bengs. Die 55-Jährige ist im Unternehmen quasi groß geworden. Nicht immer habe es in den 1960er-Jahren eine Betreuung gegeben für das kleine Kind – „meine Mutter hat mich dann einfach mitgenommen“, erzählt Bengs. Später sei die Inventur von Werbegeschenken eine ihrer ersten Aufgaben im Unternehmen gewesen.

Die Maschinen von Christian Senning werden weltweit verkauft, das Unternehmen exportiert 85 Prozent seiner Anlagen. Vor allem gehen sie nach Übersee, wo neue Märkte erschlossen werden. In Deutschland und Europa seien die Produzenten hingegen schon weitestgehend mit Verpackungsmaschinen versorgt. Hier müssten die vorhandenen Anlagen repariert und gewartet werden. Die meisten Einzelteile kommen aus dem Werk in Oslebshausen. Christian Senning biete zudem an, die bereits bestehenden Anlagen an die neuste Technik anzupassen, sagt Bengs. „Retrofit“ nennt das die Traditionsfirma.

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