Report für Niedersachsen und Bremen Viele Azubis sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen

Den Traum von den eigenen vier Wänden können sich viele Azubis in Bremen und Niedersachsen nicht leisten. Das zeigt der aktuelle Ausbildungsreport.
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Von Peter Mlodoch und Lisa Boekhoff

Für viele Auszubildende in der Region reicht das Gehalt nicht aus, wie der aktuelle Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Jugend für Niedersachsen und Bremen zeigt. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen kann demnach nicht selbstständig von der Ausbildungsvergütung leben, sondern erhält etwa finanzielle Unterstützung durch Verwandte. Fast 13 Prozent der Befragten gaben an, einen Nebenjob zu haben. „Das ist schon eine Menge, die neben einer Vollzeitausbildung noch arbeitet“, sagt Caro Fuchs, Jugendbildungsreferentin beim DGB Bremen-Elbe-Weser.

Mit günstigem Wohnraum und einem landesweit gültigen Azubi-Ticket für den Öffentlichen Nahverkehr will der DGB die Situation der Auszubildenden in Niedersachsen und Bremen verbessern. „Die meisten Berufsschulen liegen ja nicht um die Ecke“, sagt DGB-Landeschef Mehrdad Payandeh am Dienstag in Hannover bei der Vorstellung des Reports. „Mobilität ist ein wichtiger Faktor für eine attraktive Ausbildung.“ Ein 356-Euro-Jahresticket für Busse und Bahnen sei nicht nur ein wertvoller Beitrag für Klimaschutz und Verkehrswende, sondern bedeute angesichts oft niedriger Ausbildungsvergütungen „eine Riesen-Entlastung“ für die Azubis.

Großteil wünscht sich eigene Wohnung

An der vor der Pandemie durchgeführten Umfrage beteiligten sich knapp 2600 junge Menschen, davon 500 aus Bremen. In diesem Jahr nahm der Ausbildungsreport neben der Mobilität auch das Thema Wohnen unter die Lupe. Zwar wünschen sich demnach 67 Prozent der Auszubildenden eine eigene Wohnung. Tatsächlich lebt aber nur knapp ein Viertel in den eigenen vier Wänden. Ein Großteil wohne bei den Eltern oder anderen Verwandten. Der DGB fordert vor diesem Hintergrund ein Angebot an öffentlich geförderten Apartments speziell für Azubis.

Ihr Alter steige im Schnitt immer weiter an – bis Anfang 20 hinein. „Gerade in diesem Alter werden Lebensentwürfe vielfältiger und eben auch die Bedürfnisse und Vorstellungen ans eigene Wohnen. Selbstständig wohnen zu können, ist ein wichtiger Schritt in die Unabhängigkeit von den Eltern“, so Jugendbildungsreferentin Fuchs. Viele könnten sich den Wunsch der eigenen Wohnung aber nicht erfüllen, was teils an der Ausbildungsvergütung und auch am angespannten Wohnungsmarkt liege. Darum seien Wohnheime für die Azubis, die in Bremen bisher fehlen, wichtig.

Der Senat habe ein großes Interesse an der Thematik, heißt es von Kristin Viezens, Sprecherin des Wirtschaftsressorts, zur Forderung des DGB nach den Wohnheimplätzen. Derzeit würden unter Federführung des Ressorts unterschiedliche Optionen geprüft. Das Vorhaben sei komplex, betreffe unter anderem etwa die Wohnungspolitik und Planung der Berufsschulen und damit weitere Ressorts. „Von wesentlicher Bedeutung ist es auch, einen passenden Standort beziehungsweise die passende Immobilie zu finden. Und letztlich ist auch die Frage der Finanzierung und des Betreibers zu klären.“

Falk Wagner, SPD-Sprecher für Bau, Wohnen und Stadtentwicklung, setzt sich mit seiner Fraktion für Wohnheime ein. Die seien für Studierende seit Jahrzehnten etabliert. „Es ist ein Systemfehler, dass diese Strukturen für junge Menschen in Ausbildung noch immer fehlen“, kommentiert Wagner die Untersuchung des DGB. Die Zahlen im Ausbildungsreport zeigten den „überragenden Wunsch junger Menschen nach einer ersten eigenen Wohnung“. Und schließlich gehe es bei vielen darum, in der Stadt zu wohnen oder auch Pendelwege zum Ausbildungsplatz zu vermeiden.

VBN begrüßt Forderung

Der Arbeitsweg über die Landesgrenze hinaus gehört heute für viele Auszubildende zum Alltag. Mit Blick auf die vielen pendelnden Azubis von Bremen nach Niedersachsen und umgekehrt fordert Ute Neumann, Leiterin der Abteilung Jugend beim DGB, ein gemeinsames Azubi-Ticket, das in beiden Ländern gültig sein müsse.

Damit stieß sie beim Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen (VBN) auf offene Ohren. Einheitliche Tarife, die sich nicht plötzlich bei Überschreiten der Landesgrenze änderten, seien ja gerade der Sinn des VBN, betont ein Sprecher. Allerdings müssten Einnahmeverluste der Verkehrsunternehmen kompensiert werden. „Der Ball liegt bei der Politik.“ Sowohl in Bremen als auch in Niedersachsen hat es bereits Gespräche über die Einführung von vergünstigen Tarifen gegeben. Diese liegen aber derzeit wegen der Corona-Krise mehr oder weniger auf Eis.

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Insgesamt sind der Umfrage des DGB zufolge 71 Prozent mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden – was allerdings sehr stark von den Berufen abhängt. Die besten Bewertungen erhielten Stellen in der Verwaltung und bei Banken, außerdem gaben ­Mechaniker und Industriekaufleute gute Noten. Ganz unten auf der Skala stand die Bewertung von Hotelfachleuten, Köchen sowie ­Verkäufern und Verkäuferinnen im Einzelhandel.

Inwiefern Corona die Auszubildenden getroffen hat? Der aktuelle Report bildet das noch nicht ab. „Ich kann den Betrieben nur raten, jetzt nicht bei der Ausbildung zu sparen“, sagt Annette Düring, DGB-Chefin für die Region Bremen-Elbe-Weser, mit Blick auf die aktuelle Situation. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise sei der duale Ausbildungsmarkt stark geschrumpft und habe sich davon nicht erholt. „Das darf nicht noch einmal passieren. Fachkräfte werden gebraucht und junge Menschen brauchen berufliche Perspektiven.“ Düring sprach sich erneut für einen Ausbildungsfonds für Bremen aus, um Betriebe zur Ausbildung zu motivieren. Im Dezember treffen sich die Partner der Bremer Vereinbarung erneut: Derzeit gibt es noch keine Einigung auf ein neues Abkommen für Ausbildung.

Die Leiterin der DGB-Jugend-Abteilung Neumann beklagt derweil, dass fast die Hälfte der Auszubildenden im letzten Ausbildungsjahr noch keine Gewissheit über die Weiterbeschäftigung in ihrer Firma habe. Lag die Quote im Vorjahr noch bei 39 Prozent, waren es jetzt 48 Prozent. „Um Ausbildung attraktiv zu halten, brauchen Auszubildende eine Perspektive auf Übernahme in den Betrieb“, sagt Neumann. Teilweise habe diese Unsicherheit der Auszubildenden auch mit der gesamtgesellschaftlichen Situation zu tun, erklärt DGB-Chef Payandeh mit Blick auf den digitalen Wandel und die Transformation der Automobilindustrie Richtung Elektromotoren. Dies sei mit Verlusten von vielen Jobs verbunden.

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