Probleme für Frauen verschärfen sich

„Belastung war extrem hoch“

Wann verändert sich endlich etwas? Das fragt sich die Landesvorsitzende des VDU in Bremen mit Blick auf Frauen in Führung. Ein Gespräch über Rückschritte und Hoffnungsschimmer im Zuge der Krise.
15.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Belastung war extrem hoch“
Von Lisa Boekhoff
Im VDU sind Geschäftsfrauen unterschiedlicher Branchen vertreten. Wie haben die Unternehmerinnen die vergangenen Wochen erlebt?

Birgit van Aken: Wir standen eng in Kontakt. Zu uns gehören größere mittelständische Unternehmen mit vielen Arbeitnehmern und Einzelkämpferinnen. Die Mischung ist groß – und so war auch die Stimmung gemischt. Es haben aber sehr viele auf die Überbrückungshilfen und Zuschüsse zurückgegriffen und Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen. Die Sorge ist immer noch groß, weil wir nicht wissen, wie langfristig die Auswirkungen je nach Branche sind.

War die erste Hilfe ausreichend?

Das Paket ist sehr positiv aufgenommen worden. Die Regierung hat gleich etwas auf den Tisch gelegt und damit signalisiert: Wir helfen. Doch die Sorge ist jetzt, ob die Hilfen für die Dauer der Krise ausreichen. In vielen unserer Gespräche waren wir uns aber einig: Am Ende werden wir wahrscheinlich sagen, dass wir froh sein können, in Deutschland zu leben. Ob das Hilfspaket alle Branchen gut abdeckt? Das ist eine andere Frage.

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Wer fällt denn durch?

Ich sehe das in meinem eigenen Kundenkreis. Es gibt Selbstständige, die keine Fixkosten haben. Wer keine Kosten hat, kann auch nichts beantragen. Und davon sind Frauen übermäßig betroffen, weil sie anders gründen und anders selbstständig sind.

Gibt es im Verband Unternehmerinnen, die um ihr Geschäft fürchten, weil Corona so ein harter Einbruch war?

Auf jeden Fall. Wir brauchen uns nur die kritischen Branchen wie die Gastronomie, Hotellerie oder den Veranstaltungsservice anzuschauen oder Trainerinnen. Wir haben Mitgliedsbetriebe aus allen Bereichen. Und natürlich sind die Künstler diejenigen, die von der Krise am meisten gebeutelt sind. Da gibt es große Existenzängste.

Wie beurteilen Sie die Politik in Bremen und auf Bundesebene? Eltern sind zunächst ziemlich allein gelassen worden bei der Kinderbetreuung, ob nun Vater oder Mutter, Angestellter oder Unternehmerin.

Ich glaube, das Thema ist zu spät erkannt worden. Die Belastung von Familien in dieser Phase war extrem hoch. Frauen sind dabei überproportional die Leidtragenden der Krise. Ich spreche hier als Unternehmerin. Ich weiß aber auch, dass es sozial schwache Familien gibt, in denen die Kinder vielleicht gar nicht betreut werden können. Da ist zu wenig gemacht worden. Und für die Kinder ist ein Jammer, wenn sie so lange nicht angeregt werden, weil Kitas und Schulen geschlossen sind. Grundsätzlich fand ich die Maßnahmen unserer Regierung und den Lockdown richtig, doch über die Wiederöffnung kann man streiten. Warum darf die Bundesliga wieder spielen und Kinder durften noch nicht in die Kita?

Was folgt daraus für die Gleichberechtigung?

Ich sehe es in Einzelfällen: Frauen haben auf Arbeitszeit verzichtet. In der Regel sind sie es, die Stunden reduzieren. Wir kommen zu einem klassischen Familienmodell zurück. In Berichten ist immer wieder zu lesen, dass wir auf das Niveau der 50er Jahre zurückfallen. Da ist schon was dran. Als Unternehmerin gibt es dabei eine dreifache Belastung: Das Unternehmen in dieser Krise zu retten, die Belange der Mitarbeiter auf dem Schirm zu haben und zu Hause die Kinder gut zu versorgen. Von der hohen Belastung von Alleinerziehenden möchte ich hier gar nicht erst sprechen.

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Die Soziologin Jutta Allmendinger befürchtet einen Rückschritt bei der Gleichberechtigung: „Die Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung weiter erfahren. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren.“

Ich denke, hier muss man unterscheiden. Die Gefahr dürfte bei Gutverdienern geringer sein, dass Frauen komplett verzichten. Je höher aber die Differenz im Gehalt, desto höher die Belastung der Frauen und desto eher der Rückfall in alte Muster. Was wir außerdem noch nicht wissen: Wie groß ist die Erschöpfung der Frauen, wenn nun der Neustart ansteht? Wie gelingt es ihnen, sich einzubringen, wenn sich die Unternehmen fragen, was sie verändern wollen? Vielleicht kommt dadurch nochmal ein Rückschritt für die Frauen, weil sie mental und körperlich gar nicht in der Lage sind, beim Restart voll mitzumischen. Das ist meine Befürchtung. Alte Muster verstärken sich in unsicheren Phasen.

Der VDU begrüßte das Konjunkturpaket, doch Geschlechtergerechtigkeit fehle. Was meint das?

Frauen werden auch bei den künftigen Hilfen mehr ins Hintertreffen geraten, weil sie eben anders selbstständig sind und deshalb nicht von ihnen profitieren. Es gibt etwa bisher keinen kalkulatorischen Unternehmerlohn, um zum Beispiel die private Krankenversicherung abzudecken. Wir sehen in dieser Situation: Expertengremien sollten nicht fast ausschließlich männlich besetzt sein. Dies war in der Krise so und ist noch so, dann fallen Belange der Frauen schnell hinten runter!

Wie sehr hätte es Sie geärgert, wenn es eine Autoprämie gegeben hätte?

Es werden jetzt die alternativen Antriebe gefördert. Das finde ich in Ordnung. Alles andere wäre für mich außerhalb jeder Diskussion gewesen. Wir sind immer in der Situation, dass die Autobranche – auch in Bremen – sehr wichtig ist. Aber es muss eine Gerechtigkeit geben zwischen Großunternehmen, Stichwort Lufthansa, und den kleinen und mittelständischen Unternehmen, die das Land letztendlich tragen und viele Arbeitsplätze bieten.

Schon lange gibt es Kritik daran, dass Frauen in Vorständen immer noch unterrepräsentiert sind. Die Allbright Stiftung zeigte gerade, dass es in Familienunternehmen sogar ein größeres Ungleichgewicht gibt. Woran liegt es, dass sich so wenig ändert?

Gute Frage! (lacht) Wir sehen, dass die Quote bei den Aufsichtsräten etwas gebracht hat. Wir als Verband wollen sie für Vorstände eigentlich nicht. Aber man fragt sich manchmal: Wie soll es ohne gehen? Wann verändert sich endlich etwas? Mich macht das ungeduldig, und ich verstehe es auch nicht. In Familienunternehmen geht es, wenn ich auf Bremen schaue, im Vergleich zu internationalen Konzernen häufig noch sehr traditionell zu. So erkläre ich mir das. Andere Länder sind bei der Kinderbetreuung und Gleichberechtigung viel weiter als wir.

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Die Krise könnte Frauen dann wieder weiter zurückwerfen.

Ja. Wir sehen, dass sich strukturelle Probleme für Frauen, die wir schon vorher kritisiert haben, durch die Krise verschärfen.

Was läuft aus Ihrer Sicht verkehrt?

Wir fordern schon seit Langem die Abschaffung des Ehegattensplittings. Die Elternzeit ist ein weiteres Beispiel. Die Männer nehmen ihre zwei Monate und sind dann wieder im Job. Sie fühlen sich manchmal unter Druck gesetzt und bleiben deshalb nicht länger zu Hause. Für Frauen ist es dagegen häufig noch selbstverständlich, auch in der Wahrnehmung von außen, ein oder zwei Jahre in Elternzeit zu gehen. Die Frauen müssen also in der Partnerschaft für ihre Karriere- und Berufsziele einstehen. Es muss klar sein, was man will. Der kraftvolle Anschub der Digitalisierung durch die Corona-Krise ist aber ein Hoffnungsschimmer. Denn sie macht flexibleres Arbeiten möglich. Und es wird auch bewiesen, dass Führung in Teilzeit gelingen kann. Das kommt Frauen zu Gute.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Birgit van Aken ist Landesvorsitzende des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VDU) für Bremen-Weser-Ems. Als Finanzplanerin und Gesellschafterin des Unternehmens Plansecur betreut sie Unternehmen und Privathaushalte. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie in Osterholz-Scharmbeck und hat drei Kinder.

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