Interview mit Kreuzfahrtexperten

John Will: „Es gibt eine hohe Loyalität“

Der Bremer Kreuzfahrtexperte John Will über Chancen der Branche, nach der Corona-Pandemie wieder Fahrt aufzunehmen. Er sagt: „Die Kreuzfahrtbranche hat eine sehr hohe Zahl von Stammkunden.“
17.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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John Will: „Es gibt eine hohe Loyalität“
Von Peter Hanuschke
John Will: „Es gibt eine hohe Loyalität“

Die finanziellen Auswirkungen auf die Kreuzfahrbranche werden laut Kreuzfahrt-Experte John Will erst in zwölf oder 18 Monaten zu sehen sein.

CARMEN JASPERSEN

Herr Will, wird sich der Tourismus und insbesondere die Kreuzfahrtbranche durch die Corona-Pandemie verändern, und wird diese nachhaltig für einen Einbruch sorgen?

John Will: Die Menschheit wandert, reist, seit es sie gibt. Reisen ist gewissermaßen Teil unserer DNA. Und Reisen hat viel mit Sehnsucht zu tun. Diese Sehnsucht kann aktuell nicht befriedigt werden. Somit kann es auch zu einem Nachholbedarf kommen, frei nach dem Motto „Jetzt erst recht“. Und dass diese Sehnsucht vorhanden ist, belegen die Analysen der Suchmaschinen. Nach Urlaubszielen wird auch aktuell weiter intensiv im Netz gesucht. Kreuzfahrten werden um- oder neu gebucht.

Die Branche leidet aber momentan unter enormen Stornierungen, weil Urlaub derzeit gar nicht möglich ist.

Klar ist, dass es für 2020 zu deutlichen Einbußen für die Touristik und somit auch Kreuzfahrtbranche kommt. Selbst wenn die Kreuzfahrtschiffe wieder starten können, ergeben sich heute noch unbekannte Faktoren: Welche Länder können bereist werden, habe ich beispielsweise nach Kurzarbeit genügend Geld in der Urlaubskasse, welche Fluggesellschaften bringen die Passagiere noch an die Starthäfen?

Ist jetzt schon absehbar, welchen Umfang die finanziellen Belastungen haben werden?

Wie stark die finanziellen Auswirkungen sein werden, ist wohl erst in zwölf oder 18 Monaten abzulesen. Wenn das Buchungsverhalten hoffentlich wieder regulär ist und sich etwaige Preisaktionen der Reedereien und Reiseveranstalter beruhigt haben.

Wie verändert dieser Stillstand die Kreuzfahrtbranche?

Alle Reedereien planen „auf Sicht“, bereiten sich auf die Zeit danach vor. Eine sichere Prognose zu treffen, wäre mit dem Blick in die Kristallkugel gleichzusetzen.

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Werden alle Kreuzfahrtreedereien diese Krise überstehen?

Hoffentlich, eine Vielfalt ist für alle Märkte hilfreich. Entscheidend wird auch sein, wie sich die Preise mittelfristig entwickeln; wird es Rabattschlachten geben und können die Reedereien die hohe Last der Kapitalkosten bei Neubauten aushalten?

Was können Reedereien überhaupt tun, um diese Situation zu überstehen? Haben sie genügend Reserven?

Pauschal ist das nicht zu beantworten. Jede Reederei ist anders aufgestellt. Vom Privatinhaber bis zum Disney-Konzern, vom Megaliner über das Expeditionsschiff bis hin zum klassischen Kreuzfahrtschiff oder Großsegler.

Kann man im Moment Kreuzfahrten buchen, und was sollte man berücksichtigen?

Ja – auf jeden Fall können derzeit Kreuzfahrten gebucht werden. Und die Anbieter nehmen in der Tat viele Buchungen entgegen. Teils als Umbuchungen oder auch als Neubuchungen.

Werden Kreuzfahrten auf bestimmten Routen mehr kosten, weil auch die Flüge voraussichtlich teurer werden?

Das ist möglich. Bei Pauschalangeboten, also der Kombination aus Flug und Kreuzfahrt, werden die Flugkosten integriert und die Reedereien könnten dieses „optisch“ auffangen. Und wissen wir, ob es bei den Fluggesellschaften teurer wird oder zumindest auf einzelnen Strecken nicht zu Preiskämpfen kommt?

Verändern sich die Routen? Werden Ostseefahrten oder Destinationen generell von Deutschland noch attraktiver?

Nordland- und Ostseekreuzfahrten sind schon immer sehr attraktiv. Die Auslastung kann eigentlich nicht gesteigert werden. Und diese Routen sind – zumindest bisher – nur im Sommerzeitraum für die Reedereien attraktiv. Im Winter ab und bis Deutschland zu fahren, ist schon per se eher für einen kleineren Kundenkreis.

Könnte Bremerhaven als Kreuzfahrtstandort davon profitieren?

Bremerhaven war in den vergangenen Jahren einer der großen Gewinner des Kreuzfahrtbooms mit immer mehr Passagieren und einem sehr guten Terminal. Wenn die Nachfrage steigt, wird auch Bremerhaven mit seiner mittlerweile sehr guten Akzeptanz bei allen namhaften Reedereien sicherlich noch weiter profitieren.

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Ist man in Bezug auf Viruserkrankungen auf einem Kreuzfahrtschiff stärker gefährdet als in einer großen Hotelanlage?

Eher das Gegenteil: Kreuzfahrtschiffe sind immer sehr stark auf Hygiene ausgelegt. Beispielsweise gibt es schon seit Jahren Handdesinfektion in den öffentlichen Räumen. In den meisten großen Hotels war das nie zu sehen. Die Kreuzfahrtbranche hat schon immer sehr hohe Standards, was Hygiene angeht.

Hat die Kreuzfahrtbranche außerdem noch weitere Vorteile gegenüber anderen Reiseanbietern?

Kreuzfahrtschiffe können dorthin fahren, wo es sicher ist und wo auch gerade die Sonne scheint. Im Gegensatz zu einem Hotel können die Schiffe auf ein anderes Zielgebiet ausweichen, sprich andere Routen anbieten. Die Kreuzfahrtbranche kennt Krisen, hat generell ein gutes und erfahrenes Krisenmanagement, wenn es darum geht, auch kurzfristig neue Routen anzubieten oder sehr viele Passagiere innerhalb kürzester Zeit sicher aus Zielgebieten abzuholen.

Unterscheiden sich Kreuzfahrtnutzer von anderen Touristen?

Anders sind sie sicherlich nicht. Was aber deutlich ist, die Kreuzfahrtbranche hat eine sehr hohe Zahl von Stammkunden, die immer wieder Urlaub auf See machen und auch in der jetzigen Phase bereits konkret umbuchen auf spätere Kreuzfahrten und auch ganz neu buchen. Es gibt eine hohe Loyalität zu den jeweiligen Reedereien. Nicht zuletzt ist das Durchschnittsalter bei Kreuzfahrern wesentlich höher im Vergleich zu anderen Reisenden. Es ist anzunehmen, dass eine Vielzahl der Kreuzfahrtkunden eher weniger von Kurzarbeit oder sogar Jobverlust betroffen ist.

Wie zuversichtlich sind Sie, was die Zukunft angeht?

Wir wissen aus Erfahrung, wie schnell wir vergessen und Urlaubsziele nach anderen schwerwiegenden Vorfällen wieder angesteuert wurden. Seien es Anschläge wie 9/11, Flugzeugabstürze, die Havarie der „Costa Concordia“ oder ganz banal: Stundenlange Staus auf den Autobahnen, und wir fahren in den nächsten Ferien doch wieder los.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

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Info

Zur Person

John Will (52)

hat bei TV-Produktionen und Daimler-Chrysler gearbeitet, danach zehn Jahre in der Geschäftsleitung von Transocean Tours. Seit 2010 berät der Diplom-Ökonom Touristikunternehmen sowie Reedereien, zudem ist er Gründer des Reiseveranstalters Sea Side Story.

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