IG Metall Mehr Geld und mehr freie Zeit

23 Jahre nach Durchsetzung der 35-Stunden-Woche will die IG Metall erstmals wieder kürzere Arbeitszeiten durchsetzen und über einen Zeitraum von zwei Jahren eine Reduktion auf die 28-Stunden-Woche ermöglichen.
10.10.2017, 21:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Ebner und Stefan Sauer

In den Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie verlangt die Gewerkschaft neben sechs Prozent mehr Geld die grundsätzliche Möglichkeit für die Beschäftigten, über einen Zeitraum von zwei Jahren ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden reduzieren zu können. Ausdrücklich gilt diese Forderung auch für den Osten, in dem noch eine tarifliche Regelarbeitszeit von 38 Stunden vereinbart ist.

Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und pflegende Familienangehörige sollten für den entgangenen Lohn zudem Ausgleichszahlungen in unterschiedlicher Höhe erhalten, erklärte der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, am Dienstag bei der Vorstellung der Vorstandsempfehlung in Frankfurt. Berechtigt wären laut Gewerkschaft bis zu 40 Prozent der Belegschaften.

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Für Schichtarbeiter und andere Beschäftigte mit belastenden Arbeitszeiten verlangt die IG Metall fünf jährliche Freischichten mit einem Entgelt auf dem Niveau der untersten Lohngruppe von 750 Euro. Wer zu Hause Angehörige pflegt oder Kinder unter 14 Jahren betreut, soll dauerhaft und je nach Einzelfall seine Arbeitszeit reduzieren können. Einen Lohnausgleich soll es nach den Vorstellungen der Gewerkschaft für einen halben Tag pro Woche (3,5 Stunden) geben.

„Wir fordern Geld und wir fordern Zeit. Zeit ist unseren Mitgliedern ein immer höheres Gut in den letzten Jahren geworden“, erklärte der Chef der stärksten deutschen Gewerkschaft. Die Forderung treffe den Nerv der Beschäftigten. Die Branche müsse sich um zeitgemäße Arbeitsplätze bemühen. „Die Arbeitgeber stehen nicht als Verlierer da, sondern sie gewinnen dadurch Arbeitszeitmodelle, die sie attraktiv machen“, sagte Hofmann.

"Es gibt keinen Grund zur Zurückhaltung"

Deutschlandweit arbeiten rund 3,9 Millionen Menschen in der Metall- und Elektroindustrie mit ihren insgesamt 24.600 Betrieben, davon jede Menge Kleinstbetriebe, die keinem Verband angehören und keinerlei Tarifbindung haben. Allein in Bremen und dem nordwestlichen Niedersachsen sind in den 52 tarifgebundenen Unternehmen der Branche rund 39.000 Menschen beschäftigt, für die ein neuer Tarifvertrag Anwendung finden würde.

„Es gibt keinen Grund zur Zurückhaltung“, sagt der IG-Metall-Vorstandsvorsitzende. Die Gewerkschaft führt zahlreiche Branchendaten ins Feld, um die gute wirtschaftliche Lage der Unternehmen zu belegen und somit ihre Lohnforderungen zu begründen: Der Gesamtumsatz der Branche sei in den ersten sechs Monaten 2017 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,8 Prozent gestiegen, die Umsatzrendite habe sogar um 5,1 Prozent zugelegt, die Produktivität um 1,8 Prozent, die Lohnstückkosten aber nur um 1,1 Prozent.

Kapazitätsauslastung und Auftragseingänge seien gut wie seit 2008 nicht, die Erwartungen der Unternehmen laut Ifo-Geschäftsklimaindex weiterhin ­positiv. Auf dieser Grundlage formuliert die Gewerkschaft ihre Lohnforderung von sechs Prozent für 2018, die sich aus dem Produktivitätszuwachs, einem zweiprozentigen Inflationsausgleich sowie einer „Umverteilungskomponente“ zusammensetzt.

Auch Lohnstückkosten entwickeln sich nach oben

Dem setzen die Arbeitgeber andere Fakten entgegen. Seit 2008 seien die Lohnsteigerungen in der Branche dem Produktivitätszuwachs um fast das Zehnfache davongeeilt. Entsprechend entwickelten sich auch die Lohnstückkosten nach oben, weshalb ein weiteres hohes Plus die internationale Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen beeinträchtigen würde.

Investitionen in zusätzliche Kapazitäten würden bereits seit einiger Zeit aus Kostengründen fast ausschließlich im Ausland getätigt, ließ Gesamtmetall wissen. „Dieses Muster zu durchbrechen muss unser gemeinsames Anliegen in der Tarifrunde sei“, so der Arbeitgeberverband. Auf kategorische Ablehnung stoßen bei den Arbeitgebern aber besonders die Gewerkschaftsforderungen zur Arbeitszeit.

Schon heute würden für die „allermeisten Arbeitszeitwünsche“ in den Betrieben ­passende Lösungen gefunden, erklärte Gesamtmetall- Präsident Rainer Dulger. Ein zusätzlicher Anspruch auf Arbeitszeitver­kürzung werde den Fachkräftemangel weiter verschärfen. Weil qualifiziertes Personal fehle, blieben schon jetzt oft Aufträge liegen. In einer Umfrage vom Juli habe ein Fünftel der Betriebe eine Beeinträchtigung der Produktion aufgrund fehlender Arbeitskräfte angegeben.

Forderungen werden in den regionalen Tarifkommissionen beraten

Derzeit stünden 157.000 offenen Stellen im Elektrobereich lediglich 135.000 Arbeitssuchende mit entsprechenden Qualifikationen gegenüber, heißt es bei ­Gesamtmetall. Angesichts dieser Lage sei die Verkürzung der Arbeitszeit der falsche Weg „Die IG Metall gefährdet das Fundament der Wirtschaft“, erklärte auch Nordmetall-Präsident Thomas Lambusch am Dienstag. Statt die Arbeit zu verknappen und die Arbeitskosten weiter zu erhöhen, müssten alle Kräfte auf die anstehenden Herausforderungen konzentriert werden, mahnte Lambusch.

„Bei einem generellen Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung für alle würden noch mehr Aufträge liegen bleiben und noch mehr Fachkräfte fehlen. „Die Unternehmen unterstützen flexible Arbeitszeiten, aber diese müssen nicht nur verringert, sondern auch erhöht werden können, um den Bedürfnissen der Beschäftigten und Betriebe gleichermaßen Rechnung zu tragen.“

Die Tarifforderungen der IG Metall werden nun noch einmal in den regionalen Tarifkommissionen beraten, die aber in aller Regel nicht mehr von der Empfehlung des Vorstands abweichen. Die Laufzeit des alten Tarifvertrags endet am 31. Dezember, die erste Verhandlungsrunde ist für Mitte November angesetzt. Mit einer Einigung vor Weihnachten rechnen beide Seiten nicht. Nach Ende der Friedenspflicht sind im kommenden Jahr Warnstreiks und – nach einem möglichen Scheitern – eine Urabstimmung für reguläre Streiks denkbar.

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