Der Kakao der Zukunft

Milka will fairer werden

Mondelez verspricht bessere Arbeitsbedingungen für die Kakaobauern. Wie schwierig es allgemein mit der Nachhaltigkeit ist, zeigen Probleme, die selbst das anerkannte Label "Fairtrade" hat.
26.04.2018, 05:29
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Milka will fairer werden
Von Florian Schwiegershausen
Milka will fairer werden

Bauern im brasilianischen Bundesstaat Pará öffnen Kakaofrüchte, um die Bohnen herauszuholen. Mehr Nachhaltigkeit soll die Lebenssituation der Bauern verbessern.

REUTERS

Mehr Kakao aus nachhaltigem Anbau für die lila Kuh: Die Schokoladenmarke Milka mit all ihren Produkten in Europa soll bis Ende 2019 am Cocoa-Life-Programm teilnehmen. Andere bekannte Marken im Portfolio des weltweit tätigen Konzerns Mon­delez sind bereits Teil des Programms. Das Unternehmen plant langfristig, den gesamten Kakao für seine Produktion aus nachhaltigem Anbau zu beziehen.

Dies soll die Löhne und Lebensbedingungen für die Menschen in den Kakaoanbaugebieten verbessern. So engagiert sich Cocoa Life nach eigenen Angaben auch im Kampf gegen die Regenwaldabholzung und den Klimawandel. Dies teilte Mondelez auf der Welt-Kakaokonferenz mit, die bis Mittwoch in Berlin lief. Mondelez-Europa-Chef Hubert Weber sagte: „Mit der Teilnahme von Milka kommen wir unserem Ziel, bis 2022 insgesamt 200.000 Kakaobauern und eine Million Menschen zu erreichen, ein gutes Stück näher.“

Fridolin Frost, Geschäftsführer Snacks Mondelez International in Deutschland, ergänzte: „Unsere Konsumenten achten heutzutage mehr denn je darauf, was sie essen. Sie möchten sichergehen, dass die Lebensmittel, die sie konsumieren, auch nachhaltig sind.“ 1500 Teilnehmer aus der ganzen Welt waren auf der Konferenz in Berlin, bei der die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bauern und ihrer Familien ebenfalls Thema war. Unter den Teilnehmern waren sowohl Hersteller als auch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen.

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Mehr als 1,2 Milliarden Euro geben die Deutschen inzwischen jedes Jahr für fair gehandelte Produkte aus. Während aber längst jeder Discounter fair gehandelten Kaffee verkauft, hat dagegen fair gehandelte Schokolade noch nicht das Ausmaß erreicht. Aber der Trend geht eindeutig dahin. Mondelez-Mitbewerber Nestlé will in seine Initiative „Cocoa Plan“ bis 2020 insgesamt mehr als 90 Millionen Euro investieren.

Und Mitbewerber Ritter ist selbst in den Kakaoanbau eingestiegen mit einer eigenen Plantage in Nicaragua. Langfristig soll sie ein Drittel des Kakaobedarfs des Unternehmens decken. Bereits seit Jahresbeginn wird bei Ritter die Schokolade aus nachhaltig zertifiziertem Kakao hergestellt. Das Problem bei allen Bemühungen ist allerdings die Definition von „fair“ und „nachhaltig“. So weist der Verband der Verbraucherzentralen darauf hin, dass anders als bei „bio“ die Begriffe „fair“ oder „fairer ­Handel“ rechtlich nicht geschützt sind.

Aber die ­internationalen Dachorganisationen des ­ ­fairen Handels haben zumindest eine ­Definition und gemeinsame Fair-Handels-Grundsätze entwickelt. Darauf beruhen die Standards von Fairtrade International, von den ­Fairhandelsorganisationen und anderer ­Zertifizierer im fairen Handel. Dennoch hat jede Fair-Handelsorganisation und jedes Produktsiegel der Fair-Zertifizierer eigene Schwerpunkte, so die Verbraucherzentrale.

Ein Kakaopreis, der die Lebensexistenz sichert

Der Grund, weshalb Mondelez nun ein eigenes Programm aufgesetzt hat, statt auf bestehende zu setzen, begründet das Unternehmen so: „Wir möchten direkten Einfluss auf die Bedingungen in den Anbaugebieten nehmen und nicht nur Kakaobohnen kaufen, die nachhaltige Kriterien erfüllen.“ Einer der Ansätze von Cocoa Life: über mehr Erträge die Produktivität und die Einkünfte der Bauern zu verbessern.

Knapp sechs Millionen Setzlinge hat das Unternehmen an die Bauern schon verteilt. Mondelez verweist auf Untersuchungen, dass in den indonesischen Gemeinden, die an Cocoa Life teilnehmen, das Jahreseinkommen von Bauern um 37 Prozent und der Kakaoertrag um zehn Prozent angestiegen sind. An diesem Punkt setzt die Kritik von Johannes Schorling vom Netzwerk Inkota in Berlin an: „In der Zeit, in der die Untersuchung gemacht wurde, sind die Weltmarktpreise für den Kakao insgesamt um 31 Prozent gestiegen.“

Das müsse man mit einpreisen, sodass der Effekt wesentlich niedriger sei. Schorling, der auch an der Konferenz teilgenommen hat, sieht als wichtigsten Punkt nicht die Erträge, sondern dass den Bauern ein Kakaopreis garantiert wird, der ihnen die Lebensexistenz sichert. Schorling sagt über alle Initiativen: „Die Zertifizierung ist bisher hinter ihrem eigenen Anspruch zurückgeblieben. Eine Studie von Fairtrade selbst kommt zum Ergebnis, dass selbst zertifizierte Bauern an der Elfenbeinküste eigentlich das Dreifache verdienen müssten, damit es zum Leben reicht.“

"Der Weltmarkt bestimmt den Kakaopreis, nicht die Unternehmen"

Trotzdem führen unabhängige Siegel wie Fairtrade laut Schorling zu leicht verbesserten Einkommen für die Bauern und fördere den Zusammenschluss zu Kooperativen. „Dennoch müssen die Zertifizierer Preise und Prämien deutlich erhöhen“, fordert Schorling. Diesen Ansatz unterstützt auch Konferenzteilnehmer und Kakaoexperte Friedel Hück-Adams vom Bonner Südwind-Institut: „Der Weltmarkt bestimmt den Kakaopreis, nicht die Unternehmen.“

Ab September 2016 fiel der Weltmarktpreis von 3000 auf 2000 US-Dollar je Tonne – laut Hück-Adams ist das auch den erhöhten Erträgen geschuldet. Ein weiteres Problem sieht Hück-Adams in der Kinderarbeit. Wie der Experte im aktuellen „Cocoa Barometer“ schreibt, arbeiten allein in Ghana und der Elfenbeinküste mehr als zwei Millionen Kinder auf den Kakaofeldern.

Was das Cocoa-Life-Programm angeht, sagt der Experte: „Es kommen erst noch transparente Studien, um zu zeigen, was das Programm schafft.“ Daher sei es zu früh, dieser Initiative ein Greenwashing vorzuwerfen – also dass ein solches Programm lediglich der Imagepflege dient. Dass sich die Produzenten beim Thema Nachhaltigkeit nun gegenseitig unter Zugzwang setzen, sieht der Wissenschaftler nicht: „Aber so eine Konkurrenzsituation wäre mal was, bei der es darum geht, welcher Produzent seinen Bauern die besseren Bedingungen bietet.“

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