Die Lehre aus der Pleite der Herstatt-Bank Wie Helmut Schmidt den Einlagensicherungsfonds auf den Weg brachte

Als Deutschland 1974 Fußballweltmeister wurde, war mehr als 25.000 Kleinsparern nicht nach Feiern zumute. Denn sie fürchteten um ihr Geld, weil eineinhalb Wochen vorher die Herstatt-Bank in Köln pleite ging.
23.03.2021, 19:00
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Wie Helmut Schmidt den Einlagensicherungsfonds auf den Weg brachte
Von Florian Schwiegershausen

Es war der 26. Juni 1974. Deutschland spielte bei der Fußball-WM am Nachmittag gegen Jugoslawien. Spätestens in der Halbzeit machte nicht nur in Köln die Nachricht die Runde, dass die dort ansässige Herstatt-Bank wohl pleite sei. Sie war die zweitgrößte Privatbank Deutschlands. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, der Vorläufer der Bafin, hatte die Bank geschlossen.

Deutschland gewann das Spiel 2:0, doch nach dem Schlusspfiff stellte sich heraus, dass 25.000 Kleinsparer beim Kölner Bankhaus ihr Geld verloren hatten. Die Stadt Köln bangte um 200 Millionen Mark. Anfangs ging man davon aus, dass 450 Millionen Mark fehlten. Am Ende waren es tatsächlich 1,2 Milliarden Mark.

Prügeleien in der Schalterhalle

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel erinnert sich: „Die Einleger der Herstatt-Bank waren vor allem wohlhabende Ärzte, aber auch normales Publikum. Selbst die Wohlhabenden sollen sich beim Run auf ihr Geld in der Schalterhalle geprügelt haben.“ Was war passiert? 1971 wurde das System der festen Wechselkurse beendet. Der Kurs der D-Mark gegenüber des US-Dollars wurde also freigegeben. Bei der Herstatt-Bank erkannte der damalige Devisenabteilungsleiter Dany Dattel und seine Mitarbeiter, Spitzname „Goldjungs“, dass sich damit Geld verdienen ließ. Dazu nutzten sie auch neueste Computertechnologie. An manchen Tagen sollen sie vier Milliarden Euro verschoben haben.

Die Volumina überstiegen bei weitem Eigenkapitals. Der Fehler, den Dattel und seine Goldjungs machten: Sie gingen nach der Ölkrise 1973 von steigenden Dollarkursen aus. So kam es nicht. Als das System ins Wanken geriet, tätigten die „Goldjungs“ eine ganze Reihe von Buchungen an der Bilanz vorbei. Laut Rudolf Hickel wurde der Satz „Der hat sein Geld verdattelt“ erst nach der Herstatt-Pleite zu dem geflügelten Wort. Die Pleite hätte auch beinahe die Gerling-Versicherung ins Wanken gebracht, die 80 Prozent an Herstatt hielt.

Die Geburtsstunde des Einlagensicherungsfonds

Als Folge dieser Pleite entstand 1976 der Einlagensicherungsfonds des Bundesverbands der deutschen Banken. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sah, dass eine Einlagensicherung her müsse. Hickel sagt: „Für mich als junger Wirtschaftswissenschaftler war das spannend: Schmidt drohte dem Bankenverband: ,Wenn ihr keinen Einlagensicherungsfonds einrichtet, dann mache ich das per Gesetz.'“ Mit dieser Drohung wurde laut Hickel der Widerstand des Bankenverbands gebrochen.

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