Alexander Gerst

Nächster Halt ISS

Bis zuletzt scherzt und lächelt er, dann hebt er ab. Alexander Gerst ist auf dem Weg zu seiner zweiten Mission im All. An vielen Orten bundesweit wurde mitgefiebert – auch in Bremen.
06.06.2018, 18:36
Lesedauer: 3 Min
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Nächster Halt ISS
Von Stefan Lakeband

Während in der kasachischen Steppe erst langsam, dann immer schneller werdend, die 300 Tonnen schwere Sojus-Rakete Richtung Himmel abhebt, wird auch in Bremen mitgefiebert. Etwa 20 Leute, vom Kind bis zum Senior, sitzen im Olbers-Planetarium und verfolgen den Livestream des Raketenstarts.

Nachdem sie gemeinsam einen Countdown runterzählen, fangen sie an zu klatschen, während für den deutschen Astronaut Alexander Gerst die zweite Reise ins Weltall beginnt. Selten wird der Start einer Rakete so sehr beachtet, wie an diesem Mittwoch. Das hängt vor allem mit einer Person zusammen: Alexander Gerst. Der 42-Jährige ist das Gesicht der bemannten Raumfahrt in Deutschland.

Spätestens seit er bei seinem ersten ISS-Besuch 2014 eifrig getwittert und so den Menschen seinen Blick auf die Erde aus 400 Kilometer Höhe direkt aufs Smartphone geschickt hat, ist eine neue Begeisterung für den Weltraum in Deutschland entstanden, die nun ihren nächsten Höhepunkt findet. Auch, weil Gerst bei seinem zweiten Einsatz auf der ISS das Kommando der Raumstation übernehmen wird, als erster deutscher Astronaut überhaupt.

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Bis es soweit ist, hat Gerst aber noch eine lange Reise vor sich. Erst am Freitag wird der promovierte Geophysiker mit seinen beiden Kollegen, dem Russen Sergei Prokopyev und der Nasa-Astronautin Serena Maria Auñón-Chancellor, die ISS erreichen. Theoretisch wäre auch ein kürzerer Anflug innerhalb von sechs Stunden möglich gewesen. Doch dieses Mal hatte die Raumstation die falsche Position im Orbit.

Angekommen, könnte die neue Besatzung erst einmal doppelt Geburtstag feiern: Vor 20 Jahren wurde das erste Modul der ISS in den Weltraum gebracht, zehn Jahre später folgte das europäische Forschungslabor Columbus. Und in ihm steckt viel Technik und Wissenschaft aus Bremen. Denn Columbus wurde bei Airbus in der Hansestadt geplant und gebaut.

Ein freundlicher Roboter

In den vergangenen zehn Jahren gab es dort etwa 220 verschiedene Experimente. Und auch Gerst wird das Columbus-Labor für diverse Versuche nutzen, von denen einige aus Bremen stammen. Der Ableger des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in der Hansestadt lässt etwa untersuchen, wie die drahtlose Kommunikation auf Weltraummissionen verbessert werden kann.

Beim Experiment Wireless Compose geht es darum, Objekte und auch die Astronauten innerhalb der Raumstation zu lokalisieren. Wie das Leben der Astronauten vereinfacht werden kann, das ist Zentrum eines anderen Projekts. Cimon ist ein fliegender Roboter, so groß wie ein Medizinball und hat ein freundliches Gesicht.

„Er soll ihm wie in einem Science-Fiction-Film hinterherfliegen und bei der Arbeit helfen“, sagt Andreas Schön von der Europäischen Raumfahrtagentur Esa im Vorfeld von Gersts zweiten Start ins All. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz soll Cimon zusammen mit Gerst Experimente abarbeiten, auf Zuruf Anleitungen auf seinen Bildschirm laden und Dialoge mit den Astronauten führen können.

Von OHB stammt ein Gerät, das messen soll, wie sich die Muskulatur in der Schwerelosigkeit verändert. Es wurde bereits Anfang April mit einer Falcon-9-Rakete von SpaceX auf die ISS gebracht. Dass Gerst mittlerweile zu einer wichtigen Persönlichkeit avanciert ist, zeigt sich auch in den zahlreichen Glückwünschen und Grußbotschaften, die den Astronauten in den vergangenen Tagen erreicht haben.

So sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „Wir wünschen Ihnen und Ihren Kollegen alles erdenklich Gute beim Start und dann beim Flug im Weltall, spannende Experimente, eine gute Zeit und dann auch wieder eine gute Rückkehr zu uns auf der Erde.“ Bremens Wirtschaftssenator Martin Günther (SPD) hat Gerst sogar persönlich noch alles Gute gewünscht. Er hat den Start in Baikonur begleitet.

Bis zum 13. Dezember

„Bremen steht im Oktober diesen Jahres mit der Ausrichtung des IAC eine Woche lang im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der internationalen Raumfahrtszene und deshalb nutze ich gerne die Gelegenheit, bei den vielen hier versammelten Akteuren noch einmal kräftig die Werbetrommel für Bremen zu rühren“, sagt Günther. Der Start sei ein „beeindruckender Moment“ gewesen. Nur 1,8 Kilometer vom Startplatz entfernt habe man die ganze Kraft der Rakete gespürt.

Bis zum 13. Dezember soll Alexander Gerst auf der ISS bleiben – und damit einige Termine auf der Erde verpassen. Unter anderem bedauert der gebürtige Schwabe aus Künzelsau, dass er die Fußball-WM nur aus 400 Kilometer Höhe verfolgen kann: „Eine WM am Boden ist noch einmal ein bisschen schöner.“ Auch beim International Astronautical Congress (IAC) in Bremen wird er nicht dabei sein können. Dabei wäre Gerst gerne gekommen.

Immerhin: Der Geophysiker wird eine Live-Schalte in die Bremer Messehallen machen. Seine vorerst letzte Botschaft schickte Alexander Gerst zweieinhalb Stunde vor seinem Start. Auf Twitter schrieb er: „Nächster Halt #ISS in zwei Tagen wenn alles glatt geht. Passt auf euch auf meine Freunde!“ Wenig später hob er ab und verließ die Erde.

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