Kult-Marke aus Bremen Nordmende kommt wieder

Das „Nordmende Transita“ war das erste Transistorradio, das mit Taschenlampenbatterien lief. Die Traditionsmarke kommt wieder auf den Markt. Wer dahinter steckt, und was Hermann L. Mende dazu sagt.
30.08.2017, 19:22
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Nordmende kommt wieder
Von Florian Schwiegershausen

Ein weiterer Bremer Mythos soll erneut aufleben. Demnächst werden wieder Fernseher und Radios der Marke Nordmende auf den Markt kommen. Dafür wird das Unternehmen Technisat sorgen, das seinen Hauptsitz in Daun in der Eifel hat. Technisat ist einer der letzten Hersteller, der seine Produkte aus der Unterhaltungselektronik noch in Deutschland fertigen lässt. So soll auch das beliebte Nordmende-Radio Transita in Zukunft im Werk in Dresden produziert werden – allerdings als zukunftsweisende Digitalradio-Variante.

„Wir freuen uns und sind sehr stolz, der Marke Nordmende durch unsere vielfältigen Entwicklungs- und Vermarktungsmöglichkeiten eine starke Position im hart umkämpften Unterhaltungselektronikmarkt verschaffen zu können.“, sagte Technisat-Gründer Peter Lepper. Er sieht zwischen seinem Unternehmen und Nordmende durchaus Parallelen. Denn während Technisat zu den Pionieren bei der Satellitenempfangstechnik gehöre, gelte Nordmende eben als Pionier des Rundfunkempfangs. So war es auch Lepper, der Anfang des Jahres nach den Markenrechten Ausschau gehalten hatte. Er ist bekennender Radio-Fan und hatte früher selbst Nordmende-Geräte daheim.

Vorstellung auf der Ifa

Sieben Digitalradios und eine TV-Geräte-Serie in drei Größen werden ab Freitag in Berlin auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) zu sehen sein. Die Markenrechte hat sein Unternehmen für die Länder Deutschland, Österreich, die Schweiz und Polen gesichert. Dort ist Technisat auch bisher unter eigener Marke mit all seinen Produkten aktiv. Zielgruppe sollen Leute ab 40 Jahren und älter sein, die sich an den Kult der Marke erinnern können – entweder selbst von früher oder aus den Erzählungen von den Eltern.

Nordmende war in seinen stärksten Zeiten einer der größten Arbeitgeber Bremens. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg baute die Familie Mende in Dresden Rundfunkgeräte. Doch die russischen Besatzer hatten das Werk nach Kriegsende konfisziert. Darum ging es nach Bremen, wo Martin Mende 1947 das Unternehmen gründete. „Unter dem Logistikaspekt war das eigentlich keine gute Entscheidung, weil sich die Zulieferindustrie für die Geräte südlich vom Main befand“, erinnert sich Hermann L. Mende im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Doch mein Vater ging aus folgendem Grund hierher: Im Werften- und Flugzeugbau hatten die Alliierten die Produktion begrenzen lassen, und so sagte sich mein Vater, dass es dadurch hier eine große Anzahl an Ingenieuren und Technikern geben muss, die auf der Suche nach Arbeit waren.“ So lief es auch nördlich des Mains gut an mit den Radio- und Fernsehgeräten.

Ein gutes Stück Wirtschaftswunder

Weil aber die DDR die Marke „Mende“ nicht rausrücken wollte, entstand der Name „Nordmende“. Das Bremer Werk begann den Betrieb damals in Hemelingen in der Diedrich-Wilkens-Straße in den ehemaligen Hallen des Flugzeugherstellers Focke-Wulf, später dann an der Funkschneise. Mehr als 6000 Menschen arbeiteten für Nordmende. Ein Gerät von Nordmende galt in den 50er- und 60er-Jahren als ein gutes Stück Wirtschaftswunder. Außerdem gab es innovative Produkte: „Das Transistorradio Transita war das erste, was Sie mit herkömmlichen Taschenlampenbatterien betreiben konnten“, sagt Hermann L. Mende. Der Diplom-Ingenieur ist inzwischen 82 Jahre alt und stieg 1969 mit ins Unternehmen ein.

Lesen Sie auch

In den 70er-Jahren erlebte er dann das, was er zuvor in seinen Praxisjahren in den USA beim Hersteller RCA sehen konnte. Mende erinnert sich: „Die Bauteile wurden immer kleiner, und zunehmend verschob sich die Wertschöpfung hin zu den Zulieferern dieser Teile. Wir lieferten immer mehr nur noch die Verpackung“, sagt Mende. Um selbst die Bauteile in Bremen herzustellen, sei das Werk zu klein gewesen. „Wir wollten noch eine Aktiengesellschaft gründen, um zu wachsen, aber auch das klappte nicht.“

So suchte man nach einem starken Partner, den Nordmende im französischen Hersteller Thomson sah und fand. Mende erklärt, was die beiden Firmen voneinander hatten: „Wir selbst hatten einen hohen Exportanteil in die europäischen Länder. Das hatten die Franzosen nicht, weshalb das für die interessant war. Thomson wiederum hatte eine große Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die für uns interessant war.“ So verkaufte Mende 1977 die ersten Anteile am Unternehmen und 1978 dann die restlichen. „Wenn Sie am Ende nur noch einen kleinen Anteil am Unternehmen haben, dann sagt der größere Teilhaber, wohin es geht. Aber alles verlief dabei damals friedlich und freundlich.“

Schließung Ende der 80er-Jahre

Der neue Besitzer Thomson führte Nordmende weiter. Doch nach mehreren Umstrukturierungen und Rettungsversuchen zum Teil durch den Bremer Senat wurde das Bremer Werk Ende der 80er-Jahre geschlossen. Selbst eine wochenlange Werksbesetzung half nichts. Thomson behielt die Rechte an der Marke Nordmende und an den Produktnamen. Durch diverse weitere Umstrukturierungen sowie Zukäufen und Verkäufen wurde aus diesem alten Thomson-Teil schließlich Technicolor.

Das Unternehmen, bekannt für sein Farbfilmverfahren, kam bereits 2001 dazu. Und dies hat nun die Nordmende-Markenrechte an Technisat verkauft. Zuvor tauchte der Name Nordmende immer mal wieder auf. Selbst Hermann L. Mende erinnert sich: „Als ich mal im Urlaub in Italien war, prangte dort im Hotel auf dem Fernseher der Name Nordmende – aber im korrekten Schriftzug. Und als mein Sohn mal in Indien war, fand er die Marke auf einem Kühlschrank.“

Nach Borgward gibt es hier bereits ein neues Beispiel für den Bremer-Retro-Trend: Marken, die für Qualität stehen, werden wieder neu belebt. Doch Stefan Kön, Geschäftsführer von Technisat Digital, weiß auch, dass das allein nicht reicht: „Um eine Kultmarke zu reaktivieren, ist es natürlich wichtig, dass der Markenkern dabei erhalten bleibt. Man muss das Markenversprechen halten können.“ So solle die Ifa laut Kön nicht nur zur Präsentation dienen: „Das Messepublikum ist breit gefächert, und wir können dort sehr gute Erkenntnisse gewinnen, wie und bei wem welche Geräte gut ankommen. Daran wird sich anschließend unsere Nordmende Werbekampagne orientieren.“ Die besten Wünsche von Hermann L. Mende haben sie dazu: „Es würde mich freuen, wenn die Marke so stark ist, dass man damit noch erfolgreich etwas anfangen kann.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+