Offshore-Windenergie Seestädte driften auseinander

Während das Offshore-Zentrum in Cuxhaven ausgebaut wird, gibt es in Bremerhaven immer weniger Produktion. Mit Carbon Rotec aus Lemwerder schlittert nun offenbar die nächste Firma in die Insolvenz.
13.10.2017, 06:23
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Seestädte driften auseinander
Von Maren Beneke

In Cuxhaven müssen die Bagger nur ein paar Meter weiterrollen. Kaum ist der Liegeplatz 9.2 im Hafen fertig, beginnen die Rammarbeiten an Liegeplatz 9.1. Um Start und Abschluss der beiden Bauprojekte zu feiern, besuchte Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) Anfang der Woche das Deutsche-Offshore-Industrie-Zentrum. So wird das Areal an der Elbmündung genannt, dessen Ausbau seit der Ansiedlung von Siemens noch einmal rasant an Fahrt aufgenommen hat. „Das Deutsche Offshore-Industrie-Zentrum entwickelt sich außergewöhnlich gut und übt eine Strahlkraft auf die gesamte Region aus“, sagte Sozialdemokrat. Deshalb würden dringend neue Kapazitäten für den Umschlag von Windkraftkomponenten benötigt. „Die bisherigen Liegeplätze reichen nicht mehr aus.“

Sätze, die man in Bremerhaven nur zu gern sagen würde. Doch während die Arbeit in der Cuxhavener Siemens-Turbinenfabrik anläuft, sind die Produktionsaktivitäten in der Seestadt zuletzt immer geringer geworden. Nach dem Zusammenschluss von Siemens und Gamesa hat Adwen die Produktion von Offshore-Windanlagen in Bremerhaven eingestellt. Ein Teil der Mitarbeiter soll künftig die Anlagen in vier Windparks warten, andere Festangestellte sollen ins Cuxhavener Siemens-Werk wechseln. Weil die Senvion-Tochter Powerblades ihre Rotorblattfertigung aufgibt, fallen in Bremerhaven weitere gut 200 Jobs weg. Das Gondelwerk der Konzernmutter bleibt der Seestadt indes erhalten. Und der Bremerhavener Stahlbaubetrieb Weserwind, der unter anderem Fundamente für Offshore-Anlagen hergestellt hat, ist schon vor zwei Jahren in die Insolvenz geschlittert.

Schwierigkeiten in Lemwerder

Auch andernorts macht sich die Krise der Windenergie längst bemerkbar. Seit Donnerstag steht fest: Der Rotorblatthersteller Carbon Rotec aus Lemwerder geht in die vorläufige Insolvenz. Auf einer Betriebsversammlung wurden die Mitarbeiter am Nachmittag über den weiteren Verlauf informiert. Ein Angestellter, der seinen Namen nicht nennen wollte, berichtete, dass die Belegschaft noch bis Jahresende Gehalt bekomme. „Alle Beteiligten – die neue Geschäftsführung, der Betriebsrat und die Gewerkschaft – setzen sich dafür ein, ein neues, zukunftsfähiges Unternehmenskonzept zu erarbeiten, damit der Standort mit möglichst vielen Arbeitsplätzen erhalten bleibt“, sagte Martin Schindler, Geschäftsführer der IG Metall Wesermarsch. Zuletzt hieß es, mehr als 300 der 460 Jobs seien in Gefahr. Das Unternehmen, das neben Offshore- vor allem Onshore-Rotorblätter herstellt, war wegen der Schieflage des Hauptkunden Nordex in Schwierigkeiten geraten.

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Bremerhaven hat sich zuletzt immer mehr zu einem Standort mit Schwerpunkt auf Forschung und Service entwickelt. Mit dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) und dem Alfred-Wegener-Institut gibt es zwei führende Einrichtungen am Standort. „Bremerhaven ist stark in den Bereichen Forschung und Dienstleistung“, sagte ein Sprecher des Bremer Wirtschaftsressorts. „Aber man darf auch die industrielle Entwicklung nicht abschreiben.“ Der Offshore-Markt habe eine starke Konsolidierung erlebt. Wenn die neue Bundesregierung die Deckelung für die Ausbauziele der Windindustrie wieder anhebe, könne der Markt erneut in Bewegung kommen. „Dann hat Bremerhaven bei den Produktionskapazitäten wieder gute Chancen.“

Nicht ganz so optimistisch sieht das Dirk Briese, Geschäftsführer vom Marktforschungsinstitut Windresearch. „Die Produktion läuft jetzt zunehmend an Bremerhaven vorbei“, sagte er. Wegen der jüngsten Entwicklungen bei Powerblades und Adwen sei klar, dass in den kommenden Monaten weitere Arbeitsplätze verloren gehen, insgesamt Hunderte. „Und die Tendenz ist weiter rückläufig“, sagte er.

Auch weil aufgrund der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes die Ausbauziele verringert wurden und durch die aktuellen Ausschreibungsergebnisse Projekte später als geplant kommen, erwartet Briese generell Probleme in der Auslastung der noch verbliebenen Werke in den kommenden Jahren. Nach Einschätzung von Andreas Wellbrock, Geschäftsführer, Windenergieagentur WAB, werden Unternehmen, die sich auf den internationalen Märkten positioniert und sich an Standorten mit einer entsprechenden Infrastruktur angesiedelt haben, in Zukunft Vorteile haben. Auch wenn er den Namen nicht direkt nennt, so meint der WAB-Chef damit unter anderem Siemens und seine Fabrik an der Elbmündung. „Vergleicht man die Offshore-Standorte Bremerhaven und Cuxhaven, dann hat Cuxhaven derzeit die Nase vorn“, sagte er. „Das Beispiel Cuxhaven zeigt: Ist Infrastruktur da, siedeln sich entsprechende Firmen an. Wenn Bremerhaven eine Chance haben will, dann muss der OTB gebaut werden.“

Neue Kaianlage bald fertig

Tatsächlich geht es in Cuxhaven voran. Läuft alles nach Plan, ist die schwerlastfähige Kaianlage bis April fertig. Doch bei der Agentur für Wirtschaftsförderung denkt man längst weiter. Derzeit werden nach Angaben von Kai Sawischlewski die letzten Vorbereitungen für das Planfeststellungsverfahren für die Liegeplätze 5, 6 und 7 getroffen. Sind diese gebaut, sind alle Liegeplätze miteinander verbunden. Auch die Gewerbeflächen rund um das Siemens-Werk sollen erweitert werden, „damit wir auch langfristig Optionen haben, die wir Unternehmen anbieten können“, sagt Sawischlewski.

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