Navigieren zwischen Eisbergen

Software von Bremer Start-up soll Schiffe sicher durch die Polarmeere bringen

Immer mehr Schiffe fahren durch die Polarmeere. Das ist oft eine riskante Angelegenheit, denn Packeis treibt oft unberechenbar. Ein Bremer Start-up liefert Bilder und Daten, um für mehr Sicherheit zu sorgen.
05.03.2020, 21:37
Lesedauer: 4 Min
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Software von Bremer Start-up soll Schiffe sicher durch die Polarmeere bringen
Von Maurice Arndt

„Vielleicht“, sagt Lasse Rabenstein, „hätte es das Unglück der ‚Titanic‘ mit unserer Technik nicht gegeben.“ Er ist Gründer und Geschäftsführer des Bremer Start-ups Drift and Noise. Sein Unternehmen entwickelt eine Technik, die Schiffen helfen soll, sicher durch die Polarmeere zu fahren, indem schwimmendes Eis per Satellit sichtbar gemacht wird. Von dem System sollen künftig Kreuzfahrt- und Containerschiffe profitieren.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Regenkarte, wie man sie aus den Nachrichten kennt. Mit Wasser hat diese Karte zwar auch zu tun, doch statt Regenfeldern zeigt sie an, wo sich in der Arktis und Antarktis Meereis befindet. Violette Färbungen deuten auf besonders viel Eis hin. Blautöne signalisieren Regionen mit wenig Eis. Wie bei Google Maps tauchen die Informationen, die einen Schiffskapitän bei seiner Routenwahl unterstützen, in einer App auf. Für ein möglichst genaues Bild der Eislage lassen sich zusätzlich zu den farblich dargestellten Datenmodellen auch Satellitenbilder per Klick herunterladen.

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Diese stehen einzeln für kleine Quadranten zur Verfügung. „Es werden nie alle verfügbaren Bilder gleichzeitig angezeigt. Das würde zu viele Daten benötigen – und Internet in der Arktis ist sehr teuer“, sagt Softwareentwickler Paul Cochrane. Da Eisschollen driften, sind Eiskarten nach spätestens 24 Stunden unbrauchbar. Jedoch können auch künftige Eissituationen berechnet werden. Noch ist das Programm aber nicht einsatzbereit.

Bisher fahren auch nur vereinzelt Schiffe durch die Polarmeere. Für Containerschiffe gibt es keine Häfen, zudem sind die Meere meist mit so viel Eis bedeckt, dass man nicht durchkommt. Das ändert sich jedoch nun durch den Klimawandel. Die eisfreie Zeit im Spätsommer wird immer länger, die eisfreien Flächen in dieser Zeit werden immer größer. Das macht die sogenannte Nordostpassage entlang der sibirischen Küste sowie die Nordwestpassage nördlich von Kanada interessant für Frachtschiffe, die Auftragsfahrten erledigen, wie etwa Öltanker. Die beiden Wasserstraßen sind jeweils die kürzesten Wege von Nordeuropa nach Ostasien sowie von Kanada und die nördlichen USA nach Ostasien.

„Die Passagen können Reedereien mehrere Zehntausend Euro am Tag sparen“

„Ich denke, das wird zunehmen, auch wenn Linienfrachter weiter über den Suez- und Panamakanal fahren werden. Durch die Passagen können Reedereien mehrere Zehntausend Euro am Tag sparen“, sagt Rabenstein. Er vermutet, dass die beiden Wasserstraßen in etwa zehn Jahren zu relevanten Wasserrouten zählen werden. Wenn es so weit ist, soll Drift and Noise nach Rabensteins Vorstellung bereits eine feste Größe in der Schifffahrt sein.

Das Start-up kann jetzt bereits vereinzelt Schiffe in der gesamten Arktis und Antarktis mit Informationen über das Eis versorgen – doch bisher nur über einen E-Mail-Service. Die Eisdaten werden als PDF-Datei verschickt. Hapag-Lloyd Cruises aus Hamburg ist einer der ersten Kunden und nutzt das Angebot für Expeditionsreisen in die polaren Regionen. „Wir haben die Karten von Drift and Noise seit vielen Jahren regelmäßig im Einsatz“, teilt eine Sprecherin mit. Mithilfe des Bremer Unternehmens bekomme man einen tagesaktuellen Überblick über die aktuelle Eissituation, die man anhand der Bilder auch den Passagieren erklären könne.

Seit 2015 gibt es allerdings auch schon eine App, „Svalnav“ heißt sie. Das steht für Svalbard Navigation System (zu Deutsch: Navigationssystem für Spitzbergen). Folglich taucht in der Software bisher auch nur das Gebiet rund um die norwegische Inselgruppe Spitzbergen auf. Der Rest der Arktis soll zur arktischen Saison im Sommer im Programm auftauchen, das dann „I see sea“ (zu Deutsch: Ich sehe Meer) heißen soll. Im Frühjahr 2021 soll dann ein Abomodell starten – bis dahin ist die Software kostenlos. Anschließend soll möglichst schnell auch die Antarktis nachgeliefert werden. Irgendwann sollen auch eine Sprachsteuerung und eine automatische Routenberechnung folgen.

Angefangen hat alles auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ des Alfred-Wegener-Instituts (Awi) gegen Ende der 2000er-Jahre. Geophysiker Rabenstein, zu dieser Zeit noch Forscher des Awi, war bereits an Satellitendaten interessiert und an Bord des Forschungsschiffes Ansprechpartner für aktuelle Eissituationen. Ein Gerät zur Messung der Eisdicke, das er im Rahmen seiner Doktorarbeit entwarf, brachte ihm und drei Kollegen später eine Ausgründungsförderung ein. 2013 ging die Awi-Ausgründung an den Start, doch nach nur einem Jahr folgte bereits die Ernüchterung: „Der Markt war nicht wirklich vorhanden“, sagt der Geophysiker. Erst eine Entscheidung der Europäischen Union sicherte die Zukunft von Drift and Noise.

Geblieben ist die Motivation

Seit 2013 sind die Daten der Erdbeobachtungs-Satelliten des Copernicus-Programms von der Europäischen Raumfahrtorganisation und der EU kostenlos nutzbar. „Aufgrund dieser Entscheidung haben wir komplett umgeschwenkt und entwickeln statt eines Geräts jetzt ein Programm“, sagt Rabenstein. Er ist als einziger Gründer noch im Unternehmen und leitet dieses nun mit Cochrane und Programmierer Panagiotis Kountouris. Geblieben ist die Motivation: „Wir wollen für mehr Sicherheit in den Polarmeeren sorgen“, sagt Unternehmensgründer Rabenstein.

Denn: Dass die Schifffahrt in der Arktis zunehmen wird, hält Rabenstein für unausweichlich. Damit greift er möglicher Kritik vor, dass die Zahl der Schiffe in den Polarregionen auch wegen seiner Software zunehmen könnte. „Die Schiffe würden auch ohne uns fahren. Deshalb hoffe ich, dass wir mit unserer Software die Region beispielsweise vor havarierenden Öltankern schützen
können.“

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