Trendforscher über die Zukunft der Arbeit „Es wird einen Neuanfang geben“

Der Trendscout Raphael Gielgen war Gast in Bremen bei der I2B-Veranstaltung. Er stellt fest, dass in den letzten zehn Jahren die Produktivität auf dem Feld dank Digitalisierung mehr gestiegen ist als im Büro.
27.04.2021, 20:50
Lesedauer: 7 Min
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„Es wird einen Neuanfang geben“
Von Florian Schwiegershausen
Herr Gielgen, laut einer Umfrage Ihres Arbeitgebers Vitra können sich infolge der Pandemie 90 Prozent der Menschen vorstellen, im Homeoffice zu arbeiten. Aber nicht nur hier wird sich etwas ändern.

Raphael Gielgen: Das stimmt, es wird ein Neuanfang sein. Ich erkläre das mal mit einem Beispiel: Mein Nachbar ist Landwirt. Er hat seinen kompletten Betrieb in einem digitalen Modell gespiegelt, von der Saat bis zur Ernte. Die Landwirtschaft in Deutschland hat auf diesem Weg in den letzten zehn Jahren eine Produktivitätssteigerung von 100 Prozent erfahren. Moderne Traktoren fahren autonom auf den Feldern, und eine Vielzahl an Sensoren, Displays und GPS-Sendern sind der moderne Arbeitsplatz von meinem Nachbarn, der aber auch noch das alte Handwerk eines Landwirts versteht.

Das ist ordentlich.

Dagegen hat sich die Produktivität in der Wissensarbeit, das heißt in den Büros, nur wenig gesteigert, und der Arbeitsplatz sieht am Ende aus wie 2010. Die Menschen sitzen vor dem Computer und haben eine Maus in der Hand.

Und nun?

Jetzt ist der Zeitpunkt für einen Neuanfang. Die Pandemie war für uns alle ein Zwangsexperiment, ohne Ausnahme. Als in den Büros das Licht ausging, ging das Licht in unserem Zuhause an. Wir haben die Arbeit nach Hause übertragen und dabei noch das Leben unserer Familien organisiert. Viele Monate später sind die Menschen erschöpft. Wir haben gelernt, dass man Arbeit eben nicht zu Hause einsperren kann und das viel mehr dazugehört als ein ergonomischer Drehstuhl und ein Schreibtisch. Mit dem Ende der Pandemie wird sich in den Unternehmen ein Erschöpfungszustand zeigen, weil alle Enormes geleistet haben. Wenn die Impfzahlen steigen, die Infektionszahlen sinken und wir in unser normales Leben zurückfinden, werden wir erst mal alle in ein Loch fallen.

Warum?

Die Menschen werden dann merken, wie wir die vergangenen 15 Monate überstanden haben: mit Homeschooling, mit Angst um Eltern und Angehörige, um den Job, also mit, mit, mit. Das ist die erste Stufe. Danach werden die Menschen aber erkennen, was sie alles geschafft haben. Firmen haben in der Akzeptanz von Homeoffice einen großen Sprung gemacht, der mehr als überfällig war. Wir haben hier zuerst nur viele Teile unserer Arbeit von einem Bürogebäude in unser Zuhause kopiert. Wir haben zusätzlich neue Online-Tools gelernt, haben gelernt, etwas mehr Verantwortung zu übernehmen und gemerkt, dass Führung auch auf Distanz geht. Mehr haben wir nicht gelernt.

Das ist doch schon mal eine ganze Menge.

Ja, aber jetzt kommt die Zäsur, indem man sagt: Gut gemacht, lasst uns damit einen neuen Weg beschreiten. Das bedeutet eine andere Art der Zusammenarbeit, eine andere Art des Leaderships, und wie nutzen wir in Zukunft den physischen und den virtuellen Raum der Arbeit? Fakt ist, dass das Büro das Monopol auf die Wissensarbeit verloren hat. Denn jetzt buhlt jeder physische Ort, in dem die Menschen aus diesem Bereich arbeiten können, um deren Gunst. Das kann ein Café sein, das Zuhause oder bei Ihnen der Newsroom vom WESER-KURIER.

Wenn es der Arbeitgeber ermöglicht, die Arbeit von überall zu erledigen.

Die Möglichkeit, von überall zu arbeiten, wird schon bald so normal sein wie ein Zoom-Call. Darauf stellen sich die meisten Unternehmen ein und arbeiten an Modellen und Betriebsvereinbarungen. Damit einhergeht aber auch eine neue Erwartungshaltung an den physischen Raum und seine Architektur. Für eine mittelmäßige Architektur gibt es keinen Platz mehr im Leben der Menschen. Wenn die Menschen zukünftig ihr Zuhause verlassen, dann werden sie eben die Orte aufsuchen, die attraktiv sind, und in denen sie etwas erleben, lernen und sich mit anderen Menschen austauschen können.

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Was bedeutet das also für das Büro?

Für das Büro bedeutet es, dass die Menschen den Ort nach zwei Prämissen aussuchen werden: zum einen nach Attraktivität, zum anderen nach der Gemeinschaft, also der Community. Und das mit der Frage: An welchem Tag brauche ich eigentlich welche Leute, abhängig von der Arbeitsanforderung, die an dem Tag ansteht? Wir sortieren uns also neu. Damit erlebt die Qualität der Architektur eine Renaissance. Firmen werden es als große Chance erkennen, dass auch Raum eine Körpersprache des Unternehmens ist.

Auch das muss vernünftig organisiert sein.

Das „How we work“, also das, wie wir arbeiten werden, ist das dickste Brett, weil hier im Grunde alles neu verhandelt werden kann. Nun geht es um eine neue Art der Kooperationstechnik: Bei der neuen Software handelt es sich um sogenannte Remote-Work-Tools zum synchronen Arbeiten. Unterschiedliche Menschen werden von unterschiedlichen Orten gemeinsam an etwas arbeiten. Damit endet das Arbeiten in Reihenfolge: Müller an Meyer, Meyer an Schulz und Schulz an Schmidt. Das „ich bin damit nicht fertig geworden“ gibt es dann so nicht mehr. Dazu bedarf es aber großen Vertrauens in die Mitarbeiter innerhalb des Teams oder der Abteilung.

Der Aspekt der flacheren Hierarchien wurde früher ja schon vom Konzept des „New Work“ eingefordert.

Es bedarf dabei natürlich auch der Professionalität und Verbindlichkeit, dass der Beschäftigte dann auch liefert – ohne dass er da von jemandem ermahnt werden muss. Als dritten Punkt braucht es Expertise von Menschen. Denn erst durch die unterschiedlichen Expertisen entsteht in der Kombination ja etwas, was vorher einer allein nicht geschafft hätte. Teamplay wird also in den Vordergrund treten. Das hat Konsequenzen für das Leadership.

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Und zwar?

Viele Firmen werden sehen, dass das ganz gut mit dem Homeoffice geklappt hat. Danach stellt sich das Management die Frage, warum man im Unternehmen eine dritte oder vierte Führungsebene hat. Natürlich werden Führungskräfte weiterhin für ihre Relevanz einstehen, aber für sie ist die Argumentationslage nun viel dünner geworden. Ebenso ist der Beweis angetreten, dass man eineinhalb Jahre ohne Geschäftsreisen auskommt, und die Firma funktioniert trotzdem. Die Führungskraft wird in Zukunft viel mehr das Team orchestrieren. So wird außerdem nicht mehr die Abteilung eine Rolle spielen, sondern die Kombination der unterschiedlichen Talente. Die Führungskraft wird in Zukunft viel mehr wie so ein Ticketing-System in der IT Arbeitspakete einstellen, die sich dann jemand greifen wird.

Und der Ausbau der Glasfaser- und 5G-Netze kommt ja nun doch langsam in Gang.

Der Wettbewerbsvorteil wird in Zukunft die Konnektivität sein. Der Konnektivitätsindex wird das Zusammenwirken unterschiedlicher Arbeitsmedien und unterschiedlicher Beschäftigter sein. Dies wird wiederum von einer gut funktionierenden Internetarchitektur genährt. Mit 5G und Edge-Computing können Firmen in Zukunft losgelöst von festen Netzwerkarchitekturen ihr eigenes Netz schaffen. Vorher hätten die sich solche Strukturen gar nicht leisten können. Da sind wir an dem Punkt der Konvergenz: Durch das Ineinanderwirken all dieser Punkte entsteht etwas Neues. Dies erfordert von Unternehmen eine Zoom-Out-Perspektive, sich aktiv Fragen zu stellen, wie man in fünf oder zehn Jahren das Geschäftsmodell entwickeln und verändern möchte. Das Problem ist momentan, dass wir zu viel Zeit mit dem Jetzt verbringen und uns zu wenig Gedanken über das machen, was in zehn Jahren sein wird.

Die Beschäftigten müssen noch seltener zwangsläufig am Ort der Firma wohnen. Inwiefern ist das eine Chance für ländliche Gegenden?

Da steckt die Chance für die, ich nenne sie mal B-Städte. All diese Schlafstädte können sich jetzt emanzipieren. Ich hatte da auch schon Gespräche mit Bürgermeistern, die das nun für sich entdeckt haben. Wenn diese Städte eine vielfältige und lebenswerte Infrastruktur bereitstellen, dann werden die Menschen diese Städte fest in den Tagesablauf einplanen, und es ist ein ganz anderes Leben an dem Ort.

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Das geht nun für alle, die in der Dienstleistung arbeiten. Die Beschäftigten in der Produktion müssen weiterhin am Band oder an der Werkbank sein. Ist da nicht die Gefahr, dass die einen neidisch sind auf die anderen?

Da muss man aber differenzieren. Ich habe ja Schreiner gelernt, und da hatte ich um 15.30 Uhr Feierabend. In meinem Job heute kann ich an jedem Ort der Welt arbeiten, habe aber morgens mit Märkten in Asien Gespräche, tagsüber mit den Märkten aus meiner Zeitzone, und den Tag schließe ich mit den USA ab. Ich bin natürlich freier in der Gestaltung meiner Arbeit, aber meine Arbeit hat eben auch einen dynamischen Feierabend. Es ist die Aufgabe des Unternehmers, dass seine unternehmerische Fürsorge allen Mitarbeitern gilt, unabhängig davon, wo, wann und was diese arbeiten. Und wenn er das Unternehmen gut führt, wird es da zu keiner Neiddiskussion kommen. Wenn das der Arbeitnehmer erkennt, wird er sich mit dem Unternehmen identifizieren können und den Wert seiner Arbeit schätzen. Denn dieser Aspekt wird auch in Zukunft an Bedeutung gewinnen: Die Beschäftigten wollen mit ihrer Arbeit einen Sinn stiften.

Ein Unternehmen in Bremen plant seine neuen Büros mit einem Drittel weniger Fläche. Ist das so der typische Richtwert?

Das kann man so pauschal nicht sagen, aktuell erfahre ich jeden Tag von neuen Beispielen, und da gibt es die Unternehmen, die sich alle Mitarbeiter wieder zurück in das Büro wünschen, dann gibt es diese, die es den Mitarbeitern überlassen, an welchem Ort sie arbeiten, und dann gibt es die, die an der Auflösung des eigenen Büros arbeiten. Es gab noch nie so viele Möglichkeiten, und wir bei Vitra begleiten unsere Kunden jeden Tag bei diesen Fragestellungen.

Das Gespräch führte F. Schwiegershausen.

Info

Zur Person

Raphael Gielgen (51)

war nach einer Schreinerausbildung und einer Kaufmannslehre für die Büromöbelhersteller Bene und Steelcase tätig. Dann ging er zu Vitra, um dort „das große Ganze“ und die Zukunft der Arbeit zu erforschen. Gielgen lebt heute in der Nähe von Regensburg.

Info

Zur Sache

Die I2B-Podiumsdiskussion auch im Netz

In normalen Zeiten lädt die Veranstaltungsreihe "I2B" an interessante Orte in und um Bremen zu Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen ein, die für Leben und Wirtschaft relevant sind. Aufgrund der aktuellen Situation finden die Diskussionen nun im Internet statt. Unter dem Titel „i2b meet-up im Livestream" kann man die Diskussion vom vergangenen Dienstagabend nachträglich im Internet auf dem i2b-Youtube-Kanal im Netz anschauen unter dem Kurzlink https://bit.ly/2QsNcGU. Bei der nächsten Veranstaltung der Reihe am 18. Mai werden die Podiumsteilnehmer über das Diversity reden. I2B wird von der Wirtschaftsförderung Bremen unterstützt und soll als Veranstaltung zum Netzwerken dienen.

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