Made in Bremen Über die Toten sprechen

Karin Neumann hat sich als freie Trauerrednerin selbstständig gemacht. Damit hat sie ihre Berufung darin gefunden, den Angehörigen in solch traurigen Momenten beizustehen.
24.11.2018, 19:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Florian Schwiegerhausen

Für Karin Neumann ist nicht nur einmal im Jahr Totensonntag – seit mehr als einem halben Jahr kann es passieren, dass sie täglich einen Totensonntag hat. Denn Neumann hat sich selbstständig gemacht als freie Trauerrednerin. Dazu hat sie sich in Horn an der Leher Heerstraße in einem früheren kleinen Laden eingerichtet und ihn für ihre Zwecke eingerichtet – mit Sitzecke, Besprechungstisch, pietätvoller Hintergrundmusik und dezenten Bildern an der Wand. Hier ist sie zu den üblichen Öffnungszeiten zu erreichen.

Bis jemand zufällig bei ihr hereinschaut, brauchen die Menschen mehrere Anläufe, wie sie feststellen musste. „Einige bleiben im Vorbeilaufen stehen und gucken ins Fenster, und beim nächsten Mal bleiben sie wieder kurz stehen. Aber dann gibt es doch einige, die den Schritt zu mir herein wagen, um zu sagen: „Ich bin hier so zufällig vorbeigekommen. Darf ich Sie mal was fragen?“

Das ist für Neumann absolut in Ordnung. Denn über den Tod reden die Menschen immer noch viel zu wenig. Sie hält zwar auch Hochzeitsreden, aber die Trauerreden überwiegen, und die haben sie eigentlich auch zu ihrem Job gebracht. Das hat eigentlich auch einen eher traurigen Hintergrund. „Im vergangenen Jahr hatte ich im familiären Umkreis gleich mehrere Beerdigungen auf einmal“, sagt die Bremerin. „So habe ich auf einen Schlag gleich mehrere Reden gehört, auch die von Pfarrern. Und manche davon haben mich echt aufgeregt.“

Nicht einfach Daten herunterrattern

Aber einfach sagen, „das kann ich besser“, wollte Neumann auch nicht. Sie habe zwar gewusst, wie sie etwas über einen Menschen sagen würde, war sich anfangs aber nicht sicher, ob sie das auch gut genug für die Hinterbliebenen zum Ausdruck bringen kann. Also ging sie zu einem freien Trauerredner südlich von Köln, um an einem seiner Seminare teilzunehmen.

Danach wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit – ganz bewusst in einem eher kleinen Büro, in dem sie für alle präsent ist, aber auch einen Ort hat, wo sie sich mit den Hinterbliebenen in Ruhe unterhalten kann. Schließlich möchte sie ja so viel wie möglich über den Menschen wissen, über den sie eine Rede halten soll. Aber auf Wunsch sucht sie die Hinterbliebenen auch daheim auf.

Auf keinen Fall sollen ihre Reden nicht aus dem bloßen Herunterrattern von Lebensdaten bestehen, wie sie es hier und da schon bei Traueranlässen, auch in der Kirche, gehört hat. „Mich interessieren die Geschichten hinter dem Menschen. Und gleichzeitig sage ich auch, dass kein Mensch nur gut gewesen ist“, stellt Neumann fest. Für ihre Rede will sie wissen, was den Menschen ausgemacht hat „mit allen Ecken und Kanten“. Und richtig verpackt könne Neumann dann eben auch über manch nervige Marotte eines Menschen reden, sodass die Trauernden hinterher sagen: Ja, genau, das war typisch für die Verstorbene oder den Verstorbenen.

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Mindestens zwei Stunden Zeit nimmt sich die Bremerin, um im Gespräch mit den Angehörigen mehr über den Verstorbenen zu erfahren. „Außerdem bitte ich die Angehörigen, drei Fotos von dem Verstorbenen herauszusuchen.“ Eines davon nehme sie dann mit, wenn die Angehörigen es ihr überlassen. Anschließend setzt sie sich hin und feilt an der Rede. Das könne schon mal bis zu drei Tage dauern, um der Person gerecht zu werden. Wer Neumann als freie Trauerrednerin anfragt, hat seine Gründe: Entweder ist der Verstorbene aus der Kirche ausgetreten oder er oder seine Angehörigen hatten oder haben es nicht so mit der Kirche . „Wenn es gewünscht ist, beten wir am Grab zusammen ein ‚Vater unser‘. Oder alternativ kann es auch ein irischer Segen sein.“ Auf alle Fälle spricht sie nur das, was ihr auch erlaubt ist.

Weil immer weniger Menschen in der Kirche sind, werde der Bedarf an freien Rednern immer größer, sagt Karin Neumann. So wird sie inzwischen immer wieder von Beerdigungsinstituten – auch aus Niedersachsen – angefragt. Gleichzeitig steige aber auch die Zahl der Trauerredner. Neumann bietet inzwischen ein Coaching für Menschen an, die Interesse an dieser Tätigkeit haben.

Viele Taschentücher nötig

Als Vorbereitung auf ihren Beruf hat sich Neumann auch mit den verschiedenen Bestattungsmöglichkeiten auseinandergesetzt. Sie sagt: „Ich wollte mir alles genau angucken, um mehr darüber zu erfahren.“ So war sie von Anfang bis Ende bei einer Feuerbestattung dabei, auch mit Seebestattungen und der Beisetzung in Friedwäldern kennt sie sich aus. Ihre Erfahrungen gibt sie gern an Menschen weiter, die wie sie ebenso mehr darüber erfahren wollen.

So bietet sie beispielsweise gemeinsame Touren zu einem Friedwald an, weil es auch da verschiedene Möglichkeiten gibt – so gibt es zum Beispiel die Wahl zwischen einem Baum am Grab oder mehreren Gräbern um einen Baum herum. Außerdem ist es in Bremen seit dem Jahr 2015 erlaubt, unter bestimmten Bedingungen, die Totenasche auf privatem Grund auszubringen.

So, wie Neumann die Angehörigen schon im Vorgespräch mit an die Hand genommen hat, macht sie es auch während der Trauerfeier. Klar, dass da für die Tränen oft viele Taschentücher notwendig sind. Auf der anderen Seite spricht die Bremerin auch gern von „Abschieds- oder Erinnerungsfeier“. Denn sie ist der Ansicht: „Wenn ein Mensch ein tolles Leben hatte, dann sollte es auf der Feier für ihn entsprechend nicht ganz so traurig zugehen.“ Das scheinen auch immer mehr Angehörige so zu sehen. Denn Neumann fällt auf, dass die Menschen auf den Abschiedsfeiern immer seltener Schwarz tragen.

Bei den Trauersprüchen bleibt es aber zu einem großen Teil beim Altbewährten, sagt Neumann. Zu den Favoriten gehören nach ihren Worten nach wie vor Zitate aus dem „Kleinen Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery. Wichtig sei aber, dass dies zum Menschen passe, auch hier dürfe keine Beliebigkeit entstehen.

Karin Neumann hat ihre Berufung darin gefunden, den Angehörigen in solch traurigen Momenten beizustehen. Sie frage sich oft: „Warum habe ich das nicht schon viel eher gemacht?“

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