Mission zur Venus

Ungemütlicher Nachbar

Die Menschheit sollte ihren Blick nicht nur auf die Erkundung des Mars richten, findet OHB-Chef Marco Fuchs. Er schlägt daher eine Mission zu einem anderen Erdnachbarn vor.
01.11.2019, 18:58
Lesedauer: 3 Min
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Ungemütlicher Nachbar
Von Stefan Lakeband

Nachbarn können manchmal merkwürdig sein. Das ist auf der Erde so, und auch im Weltraum gibt es davon keine Ausnahme. Die Venus ist so ein Fall: Sie ist der Planet, der der Erde am nächsten ist. Und trotz der Nähe, gibt es einiges, das Erdenbürger aufhorchen lassen dürfte – spätestens beim Blick in den Kalender. Denn: Ein Venus-Tag ist länger als ein Venus-Jahr.

Anders als beim merkwürdigen Typen in der Wohnung gegenüber, gibt es für diesen ungewöhnlichen Umstand aber eine wissenschaftliche Erklärung: Ein Umlauf um die Sonne dauert bei der Venus 225 Erdentage. Weil sie sich aber extrem langsam um sich selbst dreht, braucht sie dafür 243 Erdentage. Die große Frage „Wie tickt unser Nachbar?“ ist damit aber längst noch nicht geklärt.

Das sieht auch Marco Fuchs so, Chef des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB. Er fordert eine Mission zur Venus. „Erde und Venus entstanden unter sehr ähnlichen Bedingungen“, schreibt Fuchs in einem Beitrag auf der OHB-Website. Er glaubt: Wer mehr über die Venus lernt, weiß am Ende vielleicht auch mehr über die Erde.

Was bislang bekannt ist: Mit Temperaturen von mehr als 400 Grad, Wolken aus Schwefelsäure und einem Druck von fast 100 bar – so viel wie in rund einem Kilometer Tiefe im Meer – ist die Venus nicht gerade einladend. Das war aber offenbar nicht immer so. Bis zu drei Milliarden Jahre könnte die Venus ein gemäßigter Planet mit stabilen Temperaturen zwischen 20 und 50 Grad Celsius gewesen sein, heißt es in einer Studie, die vor wenigen Monaten vorgestellt wurde. Ihr zufolge soll es auch flüssiges Wasser gegeben haben – eine gute Voraussetzung für Leben. Vor 700 Millionen Jahren habe dann ein Prozess begonnen, der die Venus zu dem gemacht hat, was sie heute ist: ein ziemlich ungemütlicher Ort. Was diese Verwandlung ausgelöst hat, ist noch unklar. Wissenschaftler gehen davon aus, dass tektonische und vulkanische Aktivitäten dazu geführt haben, dass Unmengen von Kohlenstoffdioxid ausgetreten sind, die bis dahin im Gestein gefangen war.

Einige Forscher halten es trotzdem für möglich, dass es Leben auf dem 40 Millionen Kilometer entfernten Planeten geben könnte. Das, die frühere Erdähnlichkeit und die vielen offenen Fragen sind für Fuchs Grund genug, die Forschung über den Nachbarplaneten voranzutreiben. „Deutschland sollte sich dabei auch aktiv darum kümmern, dass die Europäer schon bald eine Mission zur Venus unternehmen“, schreibt er. „Herauszufinden, ob es im All möglicherweise auch ganz andere Spielregeln der Biologie gibt, ob es etwa Leben gibt, das nur durch Sonnenlicht entsteht, rechtfertigt eine derartige Mission aus meiner Sicht voll und ganz.“ Er hält es auch für möglich, dass sich durch die Veränderungen auf der Venus auch Rückschlüsse auf das Klima und die Umwelt auf der Erde ziehen lassen. Fuchs schlägt daher eine Mission mit einem Roboter vor – eine Disziplin, in der Deutschland weltweit führend sei.

Ganz unerforscht ist die Venus aber auch wieder nicht. Etliche Missionen haben sich bereits des Planeten angenommen. Zwischen 1961 und 1983 hat etwa das sowjetische Venera-Programm mehrere Sonden zur Venus geschickt. Mit Venera 7 glückte 1970 die erste erfolgreiche Landung auf einem fremden Planeten. Sie konnte 23 Minuten lang ein schwaches Signal von der felsigen Venus-Oberfläche senden. 2006 schickte auch die europäische Weltraumorganisation Esa eine eigene Sonde zur Venus. Sie lieferte über mehrere Jahre Daten über den Planeten, anders als die sowjetische Mission war eine Landung aber nicht vorgesehen.

Mit seinem Vorschlag, eine Wissenschaftsmission zur Venus zu schicken, kritisiert der OHB-Chef auch gleichzeitig den Blick auf einen anderen Planeten. „Es kommt mir fast so vor, als wollte jeder auf den Mars, weil man da so schöne Fotos machen kann.“ Dauerhaft würden dort aber wohl nie Menschen leben können, zu lebensfeindlich sei es.

Dennoch gibt es Pläne, Menschen bald zum Mars zu bringen – allem voran von Elon Musk. Ende September stellte er das Starship vor, ein Raumschiff mit dem eine Crew zum roten Planeten fliegen soll; schon vor einigen Jahren hatte er angekündigt, 2025 Menschen zum Mars bringen zu wollen.

„Ich schätze Elon sehr“, schreibt Fuchs. „Aber den Mars als Fluchtpunkt für die Menschheit auszusuchen – das erscheint mir doch etwas unrealistisch.“ Ganz entziehen kann sich seine Firma dem Mars dann aber doch nicht. Kommendes Jahr startet die Mission Exomars 2020 – OHB hat hierfür ein wichtiges Modul entwickelt, das unter anderem einen Rover sicher zum Mars bringen soll.

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