9. November Vor dem Handball-Training fiel die Mauer

Wie Ulf Brothuhn, Vorstandschef der Bremischen Volksbank, die dramatischen Tage vor dreißig Jahren als DDR-Leistungssportler erlebte.
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Vor dem Handball-Training fiel die Mauer
Von Florian Schwiegershausen

Ulf Brothuhn ist seit zehn Jahren Vorstandsvorsitzender der Bremischen Volksbank. Doch an diesem 9. November gibt es für ihn viel mehr zu feiern. „Bei diesem Tag des Mauerfalls werde ich zum zweiten Mal den 30. Geburtstag feiern“, sagt Brothuhn. Das tut er zusammen mit seiner Familie, die wegen seines 52. Geburtstags am Sonntag da ist.

Das Datum ist für Brothuhn, der in Haldensleben bei Magdeburg aufwuchs, ein Tag der Freude und der Freiheit. Dabei hat er den Abend des Mauerfalls eigentlich verschlafen. Als DDR-Leistungssportler war er damals vollkommen auf Handball fokussiert. Seine Frau und er hatten zwar noch die berühmte Pressekonferenz im Fernsehen gesehen, bei der Günter Schabowski die Erlaubnis zu Reisen ins westliche Ausland verkündete. Sie dachten aber, dass das nicht sofort möglich sei und legten sich schlafen. Erst am Morgen vor dem Training erfuhr er in der Kabine, was passiert war. „Ich habe morgens auch kein Radio gehört, kam wegen meines Geburtstags mit einer Kiste Bier in die Kabine, wo ich es erst dann hörte.“ Mit seiner Frau fuhr er erst einige Wochen später nach Westdeutschland – als es der Spielplan zuließ.

Bänderriss brachte Paris-Teilnahme in Gefahr

Brothuhn schaffte es bis in die Jugendnationalmannschaft der DDR. Nicht nur der Traum, einmal Olympiasieger zu werden, beflügelte seinen Ehrgeiz: „Die Freiheit zu reisen, war etwas, was ich als Jugendlicher in der DDR auch wollte.“ Damit Brothuhn ins Ausland reisen konnte, spielte er sogar mit Bänderriss. Um jeden Preis wollte er Januar 1988 zu einem Einladungsturnier nach Paris – acht Tage am Eiffelturm. Doch am Abend vor der Reise in Eisenach holte sich der „Lange“, wie er von allen wegen seiner stolzen zwei Meter genannt wurde, beim Spiel einen Bänderriss. Das ließ er sich morgens im Bus beim Start nach Paris nicht anmerken. Für ihn war es auch das erste Mal, dass er die deutsch-deutsche Grenze auf der Straße passierte. „Davor sind wir immer nur geflogen, beispielsweise 1986 nach Schweden.“

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Die Grenzanlagen empfand er als „ernüchternd und dunkel“. Als der Westen erreicht war, beichtete er seine Verletzung dem Mannschaftsarzt. Der zeigte sich menschlich und sagte: „Damit du deine Karriere nicht aufs Spiel setzt, werde ich dich anständig tapen und gebe dir eine Spritze vor dem Training und dem Spiel. Nach zwei Spielen schauen wir dann mal.“ Brothuhn biss die Zähne zusammen, es wurden mehr als zwei Spiele.

Aus Paris zurück in die DDR

Zurück von der Reise aus Paris begrüßten ihn seine Eltern mit Erstaunen und Erleichterung: „Wir haben gedacht, Du bleibst da.“ Ja, er habe in Paris einmal kurz gezuckt, es aber gelassen. Die Repressalien für seine Mutter, eine Lehrerin, und seinen Vater, der in der Forschung arbeitete, wären immens gewesen. Generell beschreibt Brothuhn sein Eltern als sehr liberal. SED-Mitglieder waren sie nicht. Damals konnte keiner ahnen, dass 21 Monate später die Mauer fallen würde.

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Noch im Sommer 1989 kehrte Brothuhn von seiner Hochzeitsreise aus Ungarn zurück. „Während die anderen über die offene Grenze in den Westen gingen, fuhren wir zurück. Ich wollte den Handball nicht aufs Spiel setzen.“ Später kaufte er sich vom westdeutschen Begrüßungsgeld – jeder DDR-Bürger erhielt 100 Mark – eine Stereoanlage. Weil das DDR-Sportsystem zu bröckeln begann, ging Brothuhn im Januar 1990 in den Westen und heuerte in Hameln an. Er spielte in der zweiten Liga und begann bei BHW eine Banklehre. Danach ging es zur Volksbank Helmstedt und 2009 dann zur Bremischen Volksbank.

Welche Genossen der Volksbanker kritisiert

30 Jahre nach dem Mauerfall ist er also Genosse. Als DDR-Wort eher negativ behaftet, hält er das Modell der Genossenschaftsbank gerade im heutigen Finanzsystem für wichtiger denn je: „Was du allein nicht schaffst, das schaffst du mit der Hilfe von anderen.“ Andere Genossen sieht er dagegen kritisch, in der Linkspartei seien nach wie vor Elemente der früheren SED enthalten: „Es geht ihnen viel um staatliche Regulierung, und die Partei will vorgeben, was zu tun ist – egal ob das jetzt der Mietpreisdeckel ist oder die Einstellung zur Nato.“ Brothuhn sagt: „Die Kraft der Freiheit ist das Entscheidende, und zur Freiheit gehört auch Selbstverantwortung. Soziale Marktwirtschaft heißt, dass ich im gewissen Rahmen das Freiheitsspiel der Kräfte habe.“ Chancengleichheit müsse sein, aber man dürfe die Menschen nicht zur Gleichheit verdonnern. Er könne nicht verstehen, dass jemand die Linke oder die AfD wähle: „Die AfD ist auch kein rein ostdeutsches Problem.“

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Beim Blick in seine Stasiakte war er überrascht: „Ich las: ‚Brothuhn ist sehr naiv‘. Ich habe nicht damit gerechnet, dass die mich so unterschätzt hatten.“ Heute fällt ihm positiv auf, dass in den Medien immer seltener von den „fünf neuen Ländern“ die Rede ist, auch nehme in TV-Dokumentationen das Interesse an der DDR-Geschichte zu. Dass das Land zusammenwachse, sehe er an seiner Tochter: „Die ist im März 1990 geboren – also eines der letzten DDR-Kinder. Ihr Mann ist aus Hamburg, gemeinsam wohnen sie in München.“ Wenn der Banker Menschen trifft, die noch nie in Ostdeutschland waren, sagt er: „Es lohnt sich.“ Er selbst will aus Bremen nicht mehr weg. Auf ein Stück DDR mag er aber nicht verzichten: „Zum Frühstück gibt es Nudossi – die „DDR-Nutella“ ohne Palmöl.“

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