November 1989 in Berlin Der Mauerfall als Scherz

Reinald Last erlebte eine Kindheit in einer geteilten Stadt. Den Mauerfall wollte er zunächst nicht glauben. Doch plötzlich waren die Trabis da.
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Der Mauerfall als Scherz
Von Christian Hasemann

„Wir waren in einem Lokal und ich sehe im Laufband vom Fernseher, dass die Mauer gefallen ist“, erinnert sich Reinald Last. Glauben wollte er der Nachricht zuerst nicht, dachte an einen schlechten Scherz. „Ich meine, es gab kaum jemanden, der damit gerechnet hat“, sagt er. Die Wirtin habe dann den Fernseher lauter gemacht. „Da habe ich gesagt: Moni, wo sind die Kameras versteckt?“ Er habe sich verschaukelt gefühlt und die Nachrichten erst mal ignoriert.

Wenn Reinald Last, der seit 2004 in Bremen und derzeit im Stadtteil Osterholz wohnt, von seiner Jugend in der geteilten Stadt Berlin und dem Mauerfall spricht, hört man, dass auch Jahre in Bremen den Berliner Dialekt nicht ganz wegschleifen konnten. Eine gewisse Berliner Nonchalance schwingt mit, wenn er von der Kindheit im Ostteil der Stadt, der Flucht in den Westteil, der Teilung und der Grenzöffnung spricht.

Dabei war er nur zufällig zu den schicksalshaften Stunden in Berlin. „Ende der 80er-Jahre bin ich nach Spanien“, sagt Reinald Last, der für die Linken im Beirat Osterholz sitzt. „Freunde hatten da ein Haus und ein Boot, das hat mir so gut gefallen, dass ich dort bleiben wollte.“ Regelmäßig sei er aber nach Berlin gefahren. So eben auch im November 1989.

Scherz wird wahrhaftig

„Zwei Stunden später kamen zwei junge Männer rein und sagten: Kann man hier Bier käuflich erwerben? Das werde ich nie vergessen!“, lacht Reinald Last. Das Bier haben die beiden jungen Männer bekommen, zahlen wollten sie allerdings mit zehn Ostmark. „Da habe ich gesagt: Jetzt reicht's! Verarschen kann ich mich alleine!“

Draußen knatterten allerdings die ersten Trabis an der Kneipe vorbei und da dämmerte es Reinald Last und seinen Freunden: Die Mauer war wirklich gefallen. Mit dem Taxi sollte es zum Brandenburger Tor gehen. „Aber schon an der Siegessäule war alles dicht, alles voller Menschen und Gejohle und Gegröhle. Da habe ich erst richtig realisiert: Die Grenze ist offen.“

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Grenze – dieses Wort hat für Reinald Last eine besondere Bedeutung, denn er wuchs direkt an der Trennlinie der zwei deutschen Staatssysteme auf. 1951 wird er in Ostberlin geboren. Die Stadt war während seiner Kindheit zwar nach Sektoren aufgeteilt, die Grenze aber zunächst offen. „Wir haben häufig unsere Tante im Westteil besucht“, sagt Reinald Last. Die Polizisten und Soldaten an der Grenze seien für ihn als Kind die Normalität gewesen, über die er sich keine großen Gedanken gemacht habe.

Die Tante hat unmittelbar am späteren Mauerverlauf im westlichen Teil der Ackerstraße und damit im Westteil der Stadt gewohnt. Der Tiergarten war der Spielplatz für Reinald Last und seine Freunde. „Das war interessant mit den alten kaputten Botschaften. Jeder Keller, jeder Bunker wurde von uns durchsucht.“

Die Grenze wird undurchdringlich

Aber eines Tages war es vorbei mit dem unkomplizierten und alltäglichen Grenzübertritt. „Kurz bevor der Stacheldraht gezogen wurde, sagte meine Mutter, dass wir hier bei der Tante bleiben.“ Es sei dann alles stehen und liegen gelassen worden, was die Familie noch im Ostteil der Stadt hatte. Beim Aufbau der Barrikaden staunten die Kinder. „Wir haben gedacht, was machen die denn da?“ Als Kind habe er nicht verstehen können, warum er nun nicht mehr hinüber durfte. „Wir sind doch da immer rüber!“, sagt Reinald Last.

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Dass der Besuch bei der Tante nun ein permanenter ist, kam Reinald Last erst gar nicht in den Sinn. „Irgendwann kam aber dann doch die Frage, wann geht es denn nach Hause?“ Die Endgültigkeit der Entscheidung sei gar nicht so deutlich gewesen. „Aber dann wurde es schlimmer. Türen und Fenster wurden zugenagelt an den Häusern direkt an der Grenze.“ Das konnte Reinald Last nur 150 Meter von der Grenze vom Haus der Tante aus beobachten, genauso wie den Mauerbau. Eine Mauer, die er als Wand zum Fußballspielen benutzte.

Der zuvor alltägliche Grenzübertritt wurde nun zur seltenen Ausnahme: Nur zweimal hat Reinald Last mit seiner damaligen Frau Verwandte in Ostberlin besucht. Die Mutter dagegen hat Westberlin nicht mehr verlassen. „Die hat sich strikt geweigert, Berlin zu verlassen, die hatte unheimliche Angst verhaftet zu werden“, sagt Last.

Auch als Bauunternehmer hatte der gelernte Betonbauer mit der Mauer zu tun, wenn auch eher indirekt. „Wir sollten ein Haus in der Nähe der Mauer bauen und haben den Kran an der Mauer aufgestellt.“ Am nächsten Morgen: „Da standen dann überall Polizisten und Soldaten der Besatzungsmächte um den Kran.“ Es hatte eine Ostberliner Beschwerde gegeben, dass der Arm des Krans auf Ostberliner Gebiet ragte. „Lang genug, um Leute rüber zu holen.“ Der Kran musste abgebaut und versetzt werden.

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Gerne ist Reinald Last nicht nach Ostberlin gefahren. „Die Situation, wenn man an die Grenze kommt, wenn man gefilzt wurde, dass man einen Antrag stellen musste – das war einfach nervig.“ Diese Besuche in den 80er-Jahren zeigten ihm ein tristes Bild von Ostberlin. „Es war trostlos, alles wirkte so kalt, alles war plattgemacht worden für Neubausiedlungen“, zählt Reinald Last auf. „Ich war froh, wenn ich wieder raus war.“

Im November 1989 war es dann soweit. „Das war ein großes Fest, überall Menschen und Jubel. Ich glaube, das, was sich bei den Menschen an Hoffnungen angestaut hatte, kam nach oben.“ Zahllose Kameras verfolgten die Feiern, aber keine filmte für die Versteckte Kamera, der Mauerfall war tatsächlich Realität.

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