Interview mit dem Chef von Atlas-Elektronik „Wir möchten wahrgenommen werden“

Atlas-Elektronik-Chef Michael Ozegowski spricht im Interview über die öffentliche Wahrnehmung seines Unternehmens, die Suche nach Fachkräften und welches Potenzial im Bremer Traditionsbetrieb schlummert.
27.01.2019, 21:43
Lesedauer: 5 Min
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„Wir möchten wahrgenommen werden“
Von Florian Schwiegershausen

Seit Mai sind Sie Vorsitzender der Geschäftsführung von Atlas Elektronik. Welche Schwerpunkte haben Sie seitdem gesetzt?

Michael Ozegowski: Für mich ist Atlas Elektronik nicht neu. Ich bin seit knapp 20 Jahren im Unternehmen und seit 2011 in leitenden Positionen. Dass unser bisheriger Kurs erfolgreich ist, zeigen die guten Kennzahlen. Wir werden ihn deshalb in den nächsten Jahren fortsetzen und weiter wachsen. Zudem wird die Zusammenarbeit mit den Kollegen von Thyssenkrupp Marine Systems immer enger, und wir wollen sie noch weiter intensivieren.

Was bedeutet das?

Seit April 2017 gehören wir zu 100 Prozent zur Thyssenkrupp AG und sind organisatorisch der Thyssenkrupp Marine Systems zugeordnet. Mit dem Zusammenschluss wollen wir zu einem Systemhaus werden, das die Elektroniksysteme der Atlas Elektronik einerseits und die Schiffe beziehungsweise U-Boote von Marine Systems andererseits gemeinsam entwickelt und anbietet. Unser Ziel ist es, Risiken in den gemeinsamen Projekten abzubauen, Prozesse zu harmonisieren und Synergien zu heben, um gegenüber der Konkurrenz noch stärker zu werden. Es ist mir wichtig zu betonen, dass dieser Prozess nicht zulasten von Arbeitsplätzen geht. Ganz im Gegenteil: Wir suchen neue Mitarbeiter.

Hier am Bremer Standort haben Sie 1400 Mitarbeiter, insgesamt 2300 Mitarbeiter weltweit. Was ist Ihr Ziel für 2019?

Derzeit haben wir 50 offene Stellen allein hier am Standort Bremen. Dazu kommen weitere Stellen in unseren Tochterunternehmen auf fünf Kontinenten. Das bietet für Mitarbeiter, die hier in Bremen anfangen, durchaus Chancen, auch für einen längeren Zeitraum im Ausland zu arbeiten. Wir suchen Mitarbeiter für die Software-Entwicklung, Ingenieure für die Elektro- und Nachrichtentechnik, Projektmanager, Außendienstmitarbeiter, aber auch Naturwissenschaftler, Betriebswirtschaftler und Kaufleute. Wir wollen in Zukunft die Entwicklung neuer Produkte stärken sowie das Projektmanagement. Hierfür benötigen wir dringend zusätzliches, sehr gut qualifiziertes Personal.

Da stehen Sie in Konkurrenz zu vielen anderen Unternehmen.

Wir bieten interessante Arbeitsplätze in zukunftsweisenden Technologiefeldern und zahlen ein faires Gehalt. Außerdem ist die Lebensqualität in Bremen hoch. Was den einen oder anderen Bewerber vielleicht zögern lässt, ist das Thema Verteidigungsindustrie.

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Sie sprechen es von sich aus an.

Unsere Mitarbeiter und ich stehen zu dem, was wir machen. Wir arbeiten für die Marine-Industrie und das ist kein Makel, denn Deutschland ist eine Exportnation. Der Warenhandel wird hauptsächlich über den Seeweg abgewickelt, und wir tragen dazu bei, Seewege sicherer zu machen. Dabei ist die Deutsche Marine unser größter und wichtigster Kunde.

Wie hoch sind denn die Geschäftsanteile für das Überwasser- und für das Unterwassergeschäft?

Die halten sich in etwa mit jeweils 50 Prozent die Waage. Ein Großauftrag kann dabei schon mal mehr als die Hälfte eines Jahresumsatzes ausmachen.

Wie viel Technik von Atlas Elektronik steckt in einem U-Boot?

Wir liefern die Schaltzentrale eines U-Boots. Das heißt, die Sonaranlagen, das Führungs- und Waffeneinsatzsystem sowie Kommunikationseinrichtungen und wir vernetzen verschiedenste Teilsysteme. Wir ermöglichen der U-Boot-Besatzung, ihre Umgebung vollständig zu erfassen, Objekte zu identifizieren und die Lage im Detail zu analysieren. So kann die Mannschaft schnell und zuverlässig reagieren.

In den Sechziger Jahren waren Sie auch im Bereich der Medizintechnik tätig. Wie stark schauen Sie jetzt, für welche anderen Branchen Ihre Technik interessant sein könnte? Diversifizierung ist ja schließlich gerade wieder in aller Munde.

Wir sind überwiegend im militärischen Bereich unterwegs. Wenn wir aber Technologien haben, die wir auch zivil einsetzen können, dann nutzen wir das natürlich auch. Ein Beispiel sind autonome Fahrzeuge, die sowohl unter als auch über Wasser fahren. Diese können beispielsweise im Offshore-Bereich oder als Inspektionsfahrzeuge eingesetzt werden.

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Haben Sie dafür auch Beispiele?

Ja, das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt hatte zum Beispiel seit längerer Zeit die Vermutung, dass sich im sogenannten „Süßen See“ Siedlungsreste vergangener Epochen befinden könnten. Der See ist etwa fünf Kilometern lang, 800 Meter breit und im Schnitt vier Meter tief. Mit zwei Einsätzen unseres autonomen Unterwasserfahrzeugs SeaCat von jeweils gut zwei Stunden haben wir den See vollständig mit dem Sidescan-Sonar erfasst. Für eine vergleichbare Größenordnung hätten Taucher Monate benötigt. Wir haben zudem mit Atlas Ems eine Firma im Unternehmen, die auch zivile Projekte bewegt. So beschäftigen wir uns mit LED-Technologie – beispielsweise für Straßenbeleuchtung. Die sieht man inzwischen in vielen Teilen Deutschlands, und kaum jemand weiß, dass da Atlas-Elektronik-Technologie drinsteckt.

Ihre Technik muss über Jahre halten, auch im Salzwasser und bei größten Temperaturunterschieden. Wie geht es Ihnen da, wenn bei Ihnen Zuhause der Toaster eine Woche nach Garantieende kaputtgeht?

Natürlich ist es ärgerlich, wenn ein Produkt kurz nach dem Ablauf der Garantiezeit kaputt geht. Das können wir uns nicht erlauben. Wir garantieren bis zu 25 Jahre die Versorgung der beim Kunden installierten Anlagen und Systeme. Das macht bei uns der Geschäftsbereich Atlas Services.

Wie sehr spielt das Thema Brexit eine Rolle für Sie?

Das ist für uns durchaus ein Thema. Wir haben eine Tochterfirma in England mit 400 Mitarbeitern, die sich auch überwiegend mit Sonartechnologie beschäftigen. Deshalb verfolgen wir die aktuellen Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit.

Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien sind ja nun auch ein Thema gewesen.

Nicht für uns. Da sind wir nicht involviert. Alle Produkte, die wir ausliefern, unterliegen den strengen Regeln des Rüstungsexportes und sind bis ins technische Detail mit den verantwortlichen Stellen der Bundesregierung durchgesprochen.

In welchem Bereich sehen Sie nach wie vor Ihr Kerngeschäft?

Sonartechnologie ist unser Kerngeschäft, dort liegen unsere Wurzeln. Seit mehr als 100 Jahren stellen wir Sensorelektronik und Systemtechnik her. Im Laufe der Jahre haben Generationen von Ingenieuren eine Expertise aufgebaut, die nicht so leicht zu imitieren ist. Vieles davon haben wir auch mit Patenten geschützt.

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Wie sehr fühlen Sie sich denn vor Ort vom Bremer Senat unterstützt?

Es gibt gute Kontakte zum Bremer Senat, trotzdem möchten wir als eines der größten Bremer Industrieunternehmen mit einer hohen Wertschöpfung und hochqualifizierten Arbeitsplätzen gern noch stärker wahrgenommen werden. Dazu zählt auch eine Unterstützung für die Zusammenarbeit mit Universitäten, Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen im Land Bremen. Wir bieten schon jetzt attraktive Studienarbeiten und Doktorandenstellen an und würden gern den Standortvorteil, den Bremen mit seiner vielfältigen Forschungslandschaft bietet, noch besser nutzen.

Sie selbst haben eine Ausbildung auf einer Werft gemacht. Welche Ausbildungen bietet Atlas Elektronik an?

Wir bieten eine ganze Reihe spannender Ausbildungsgänge und dualer Studiengänge an. Vom Informatiker über den Elektroniker bis hin zum Verfahrenstechniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik. 2018 haben wir 15 Azubis und Studenten mit Aussicht auf eine unbefristete Übernahme eingestellt. Eigentlich sollten es 20 sein. Es war jedoch schwierig, geeignete Bewerber zu finden. In diesem Jahr wollen wir 25 Azubis und Studenten einstellen und zu Fachkräften ausbilden.

Was tun Sie, damit das Fachwissen der älteren Mitarbeiter nicht verloren geht?

Wir haben Prozesse im Unternehmen, die die Kollegen dabei unterstützen, ihr Fachwissen an die jüngere Generation weiterzugeben. Das Beste ist aber immer noch, wenn wir rechtzeitig junge Mitarbeiter einstellen können, die dann zusammen mit den älteren und erfahrenen Mitarbeitern im Team arbeiten. Ein gutes und kollegiales Betriebsklima wie bei uns hilft dabei sehr.

Das Gespräch führte F. Schwiegershausen

Info

Zur Person

Michael Ozegowski

Der studierte Physiker kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und ist seit 1999 bei der Atlas Elektronik GmbH. Seit Mai 2018 hat der 53-Jährige den Vorsitz der Geschäftsführung. Atlas Elektronik ist Spezialist für Marineelektronik und gehört seit April 2017 zu Thyssenkrupp Marine Systems.

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