Zeit für neue Ideen

J an-Peter Halves ist ganz entspannt. Erstaunlich.
25.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Zeit für neue Ideen
Von Anke Landwehr

J an-Peter Halves ist ganz entspannt. Erstaunlich. In der Broschüre „Innenstadt im Wandel“ war dem Bau eines City-Centers im Ansgariquartier noch vor einem Jahr entscheidende Bedeutung zugeschrieben worden. Jetzt ist der Traum geplatzt, der portugiesische Investor Sonae Sierra hat den Hansestädtern abgesagt. Und der Geschäftsführer der City-Initiative Bremen lächelt. „Eine Krise hat auch ihr Gutes“, sagt er, „da kommt man neu ins Denken.“ Was Halves bereits getan hat. Bis irgendwann der große Wurf vielleicht doch noch gelingt, stellt er sich den Lloydhof als eine Art Markt der Möglichkeiten vor. Als einen urbanen Ort für Menschen, die Ungewöhnliches abseits der „Boulevards der Marken“ wagen oder suchen.

Was Halves keineswegs behagt, ist der Vorschlag der Handelskammer, nach dem Absprung der Portugiesen nun einzig das Gespräch mit „Die Developer“ zu suchen. Dieses Tochterunternehmen der Zech-Gruppe war bei der Ausschreibung für das City-Center auf den zweiten Platz gelandet. Es jetzt automatisch nachrücken zu lassen, wäre für Halves „zu kurz gesprungen“. Denn was damals, vor sechs Jahren, noch galt, sei längst überholt. Der Einzelhandel befinde sich in einem „Umwälzungsprozess, von dem alle betroffen sind“. Weil die Onlinegeschäfte explosionsartig zugenommen hätten, müssten sich die Kaufleute „neu einjustieren“, so Halves.

Die Veränderung der Einzelhandelslandschaft ist nach Halves’ Angaben letztlich auch der Grund, warum die Portugiesen am Ende doch abgewinkt haben. Sie hätten für die Flächen im City-Center nicht mehr die Pachten bekommen, die ihnen anfangs realistisch schienen. „Jetzt müssen die Karten neu gemischt werden. Wir sollten die Gelegenheit ergreifen und die Gedanken einfach mal kreisen lassen“, meint der Geschäftsführer der Initiative.

Dafür ist auch Iris Reuther. Die Senatsbaudirektorin: „Wir sollten sehr scharf darüber nachdenken, was die Qualitäten der Innenstadt sind – welche Lagen wir haben, welche wir stärken wollen und wie wir das erreichen können.“ Der Llyodhof und die Bürgermeister-Smidt-Straße seien zwei Baustellen, deren Beseitigung allein für eine reizvollere Innenstadt nicht ausreiche. Am Wochenende kämen „extrem viele Menschen“ in die Innenstadt, für sie müsse die Aufenthaltsqualität erhöht werden.

Viele Menschen fahren nach Oldenburg, weil sie dort finden, was sie in Bremen vermissen: Eine geschlossene Innenstadt, in der sich nicht nur die üblichen Ketten niedergelassen haben, sondern in Seitengassen auch kleine Läden mit Angeboten abseits des Mainstreams, dazu Cafés und Restaurants in Hinterhöfen.

„Was Oldenburg kann, können wir auch“, sagt die Senatsbaudirektorin kämpferisch. Und zum Wall, der nun ja ein anderes Gesicht bekommen soll, fällt ihr Hamburg ein: „Warum immer zum Jungfernstieg?“ meint Reuther, um dann in Gedanken zum Marktplatz weiterzuwandern. „Es wäre gut, wenn wir von dort attraktivere Wegebeziehungen über die Domsheide und Balgebrückstraße mit ein bisschen mehr Angeboten für Radfahrer und Fußgänger hinbekämen.“ Der Schnoor müsse besser an die City angebunden werden, ebenso das Viertel und natürlich die Bahnhofsvorstadt als Eingang zur City. Zur Schlachte hin, Bremens Pfund als Stadt am Fluss, könne die Wegeführung gleichfalls noch optimiert werden, meint die Senatsbaudirektorin.

Dass der Lloydhof, der seine jetzige Gestalt vor 20 Jahren erhielt, vorerst doch nicht abgerissen wird, bietet nach Reuthers Einschätzung durchaus Chancen. Sie spricht von qualifizierten Angeboten – kleine Läden, Cafés, Imbisse. „Ähnlich wie in der Knochenhauerstraße, wo wir diese Ansätze schon haben.“ Hinterhöfe habe die Bremer Innenstadt zwar nicht „so viele“ zu bieten, Straßen „mit etwas anderen Läden“ aber lägen im Bereich der Möglichkeiten. Dann ist da noch die Obernstraße. „Doch sie braucht mehr belebende Elemente“ , räumt Reuther ein – „etwas Grün vielleicht und eine spezielle Beleuchtung.“

Mit Jan-Peter Halves im Lloydhof. Die leeren Läden im Blick, sieht er es direkt vor sich: eine „Markthalle“, ein „Gründerzentrum für den Einzelhandel“. Geschäfte mit Angeboten, die nicht überall zu haben sind. Popup-Läden beispielsweise – Leute, die was ausprobieren und wieder verschwinden, wenn es nicht klappt oder sich etwas anderes überlegt haben und Platz machen für den Nächsten. Dazu eine Gastronomie, die den Geschmack des urbanen Flaneurs trifft.

Er denkt an das „Bikini“ in Berlin. Gegenüber der Gedächtniskirche wurde im April 2014 Deutschlands „erste Concept Mall“ eröffnet, wie es in der Eigenwerbung heißt. Die Rede ist von einer „urbanen Oase, einer Brücke zwischen Stadt und Natur, Konsum und Erholung.“ Jubelt ein Besucher im Netz: „Cooles Haus, cooles Design, nette Läden, legendäre Bar“.

Noch besser gefällt Halves das „Unperfekthaus“ in Essen, das Künstlern, Gründern und Gruppen kostenlos Räume, Technik, Bühnen und mehr zur Verfügung stellt. „Und mitten in diesem Künstlerdorf treffen sich Privat- und Geschäftsleute zum Essen, für Seminare oder zu Besprechungen. Man feiert Geburtstage, Betriebsfeste, und wer will, kann sogar übernachten“, informiert die Internetseite der Betreiber über das Projekt.

„Spannend“, sagt Halves und plädiert für eine „konsequente Zwischennutzung“ des Lloydhofes, bis vielleicht doch irgendwann noch ein City-Center kommt. „Es sollte der Leuchtturm für einen Veränderungsprozess in der Innenstadt sein. Ich meine aber, wir müssen verschiedene Leuchtfeuer hinkriegen. Dazu zählen für mich unbedingt der Wall und der Schnoor“, erklärt der Geschäftsführer. Als „kleine Sofortmaßnahme“ hat er mit der Wirtschaftsförderung vereinbart, die leeren Schaufenster im Llyodhof mit Plakaten Bremer Kultureinrichtungen zu schmücken.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+