Bremer Verkehrsbehörde macht Druck Zugausfälle bei der Nordwestbahn nehmen kein Ende

Trotz angekündigter Sofortmaßnahmen werden voraussichtlich auch in den kommenden Tagen Regio-S-Bahnverbindungen ausfallen. Die Verkehrsbehörde spricht von Zweifeln an der Leistungsfähigkeit des Unternehmens.
11.06.2019, 19:30
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Zugausfälle bei der Nordwestbahn nehmen kein Ende
Von Justus Randt

Verkehrstechnisch ist das Pfingstwochenende eher ein Reinfall gewesen. Nicht wegen verstopfter Straßen, sondern wegen der Beeinträchtigungen im Regio-S-Bahn-Netz (RSBN). Es sind locker so viele Züge ausgefallen wie am Vorwochenende. Das war nicht der Anfang, sondern nur eine der Problemspitzen. Der Nordwestbahn (NWB) als Betreiberin fehlt es an Triebfahrzeugführern, und immer wieder führen auch Schäden an Fahrzeugen zu sogenannten Zugminderungen.

Vor lauter Einschränkungen ist so wenig von einem funktionierenden RSBN übrig geblieben, dass die Bremer Verkehrsbehörde vergangene Woche noch einmal Druck gemacht hat. Eine zufriedenstellende Antwort gab es nicht. Die Post aus Bremen ging am ersten Juni-Montag raus. Adressat des Schreibens war nicht die NWB mit Sitz in Osnabrück, sondern gleich deren Muttergesellschaft Transdev in Berlin – weil der Geschäftsführer der NWB nicht zu erreichen und der Posten eines Stellvertreters „ersatzlos gestrichen“ worden sei.

Kürzere Züge zwischen Bremen und Vegesack

Davon gehen Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) und sein Abteilungsleiter Gunnar Polzin aus. So bekam Transdev-Chef Tobias Heinemann noch einmal zu lesen, was ihm bekannt sein dürfte: dass im ersten Quartal 9,6 Millionen sogenannte Sitzplatzkilometer gefehlt haben. Die Kapazität stand überwiegend wegen Fahrzeugstörungen nicht zur Verfügung. Im gesamten Jahr 2018 hatte die Zugschwächung, wie die Minderleistung im Eisenbahnerjargon heißt, 20 Millionen Sitzplatzkilometer betragen. Seit 2013 sind dem Verkehrsunternehmen wegen Mängeln insgesamt rund 4,5 Millionen Euro an Leistungen aberkannt worden.

Dass Lokführer fehlen, ist bereits Standard zur Erklärung des Problems. Zusätzlich habe die NWB die vertraglich vereinbarte Fahrzeugreserve im Frühjahr „gegen den Willen der Aufgabenträger“, also des Verkehrssenators und der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen, abgebaut, moniert die Verkehrsbehörde.

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Das betreffende Zugmodell Flirt sei gar nicht mit den RSBN-Bahnen kuppelbar gewesen, hatte ein NWB-Sprecher kürzlich erklärt. Warum das eine Rolle gespielt haben soll, ist angesichts einer der geplanten Sofortmaßnahmen rätselhaft: Bereits zu diesem Wochenende soll das sogenannte Kuppelsystem aufgegeben werden, teilt Jens Tittmann, Sprecher des Verkehrssenators, mit.

Die Folge ist, dass dann zwischen Bremen und Vegesack kürzere Züge verkehren, die zwar schneller bereitgestellt werden können – aber auch umso voller sein werden. In den kommenden Tagen könne es weiter zu Ausfällen kommen, sagt NWB-Sprecherin Karin Punghorst. „Grundsätzlich können davon alle Linien betroffen sein. Wir versuchen aber, Einschränkungen zu den Hauptpendlerzeiten zu vermeiden.“

Lokführer werden mit Premien bedacht

Als sich die S-Bahn-Situation weiter zuspitzte, nachdem Heidemann am 13. Mai zum Krisengespräch beim Verkehrssenator gewesen war, reagierte der Transdev-Geschäftsführer schnell. Die Antwort, die die Verkehrsbehörde am Freitag erreichte, habe zwar „nichts wesentlich Neues enthalten“, sagt Tittmann. „Wir anerkennen, dass die NWB offensichtlich in Bewegung ist.“

Das kann nur bedeuten: Die Suche und vor allem Ausbildung neuer Triebfahrzeugführer wird intensiviert. Dem Vernehmen nach werden Lokführer, die freiwillig mehr arbeiten, als es ihre neuen Tarifbedingungen fordern, mit Prämien bedacht. Es werden Leiharbeitskräfte gesucht und Anwerbeversuche im Ausland unternommen. In dem Brief nach Berlin hatte Klartext gestanden.

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Dabei wurde deutlich Bezug genommen auf den im Frühjahr verlängerten Vertrag der NWB für den RSBN-Betrieb ab 2022: Die aufgezählten Probleme „verhindern derzeit einen qualitativ hochwertigen schienengebundenen Personennahverkehr, der erforderlich ist, um neue Fahrgäste zu gewinnen“, so die Behörde. „Vor diesem Hintergrund stellen die Öffentlichkeit und die Politik auch den neu abgeschlossenen Verkehrsvertrag in Frage, da sie an der Leistungsfähigkeit des Unternehmens NWB zweifeln.“

Reibungslos hat die Nahverbindung am Pfingstwochenende wohl nur zwischen Bremen und Bremerhaven funktioniert, und das, obwohl keine Regionalexpresszüge der Deutschen Bahn auf dieser Strecke fuhren. Melf Grantz, Oberbürgermeister der Seestadt, hatte mit Nachdruck bei der NWB darauf verwiesen, dass zu Pfingsten mit sehr vielen Fahrgästen zu rechnen sei: Mit der „Astor“, der „Berlin“ und der „Amadea“ wurden drei Passagierschiffe an der Columbuskaje erwartet, deren Passagiere nach Hause wollten. Zudem war die Taufe der „Vasco da Gama“ angekündigt. „Es hat einiger Gespräche mit der NWB bedurft“, sagt Magistratssprecher Volker Heigenmooser.

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