"Ich bin ein sehr unglamouröser Mensch" Carolina Vera spielt in "Schutzlos" (Mo,. 26.04., 20.15 Uhr, ZDF) und im "Tatort: Blutgeld" (So., 25.04., 20.15 Uhr, ARD)

Nach dem Tatsachenroman "Illegal - Die Geschichte einer Frau, die es offiziell nicht geben darf" spielt Carolina Vera im politisch bemerkenswerten ZDF-Drama "Schutzlos" die Putzfrau Maria Moreno.
02.04.2010, 00:00
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Von Eric Leimann

Nach dem Tatsachenroman "Illegal - Die Geschichte einer Frau, die es offiziell nicht geben darf" spielt Carolina Vera im politisch bemerkenswerten ZDF-Drama "Schutzlos" die Putzfrau Maria Moreno.

Im Stuttgarter "Tatort" spielt sie die Staatsanwältin Álvarez, in der Serie "Die Anwälte" lautete ihr Name Dilek Genc, und ihr Debüt feierte sie als Krankenschwester Maria-Ines Samt in der RTL-Serie "OP ruft Dr. Bruckner". Carolina Vera - es lebe das Klischee - ist so etwas wie die schöne Südländerin vom Dienst. Oft spielt sie selbstbewusste Migrantentöchter, für die Integrationsprobleme nie ein Thema waren. Schönes multikulturelles Deutschland! All dies kann man getrost vergessen, wenn die 37-jährige Berlinerin, die im Alter von zehn Jahren von Chile nach Deutschland kam, nun in "Schutzlos" (Mo,. 26.04., 20.15 Uhr, ZDF) als illegale Putzfrau Maria Moreno ein ganz anderes, äußerst bedrückendes Ausländerinnenporträt auf den Bildschirm werfen darf.

teleschau: Sie sind im Alter von zehn Jahren von Chile nach Deutschland ausgewandert. Wie fremd fühlten Sie sich damals?

Carolina Vera: Ich musste mich zurechtfinden - sprachlich, physisch und emotional. Ich musste Dinge, die ich schon konnte, neu erlernen, wie zum Beispiel die Sprache. Diese Phase macht jedoch jeder durch, der in ein neues Land kommt. Die Geschichte meiner Filmfigur Maria Moreno beginnt anderthalb Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland. Sie jedoch bleibt fremd, weil sie sich ja nicht integrieren kann.

teleschau: "Schutzlos" basiert auf einem Tatsachenbericht einer echten Illegalen in Deutschland. Wollten Sie diese Frau gerne treffen, um sich auf die Rolle vorzubereiten?

Carolina Vera: Ich war mir nicht sicher, ob ich sie treffen sollte. Da ich jedoch genug Zeit hatte, startete ich einen Versuch - ich wusste bereits im April, dass ich die Rolle spielen sollte, und Drehbeginn war erst im Oktober. Es gab aber einen Schutzwall um sie herum. Ich merkte bald, dass ich nicht an sie heran kam, dass man sie abschirmte. Weil ich mich mit Illegalität intensiv beschäftigt hatte, verstand ich dieses Abschotten aber sehr gut. Illegalität verjährt erst nach einer halben Ewigkeit. Sie ist also vielleicht immer noch in Gefahr.

teleschau: Der Lebensbericht der Maria Moreno steht für eine Vielzahl ähnlicher Schicksale. Insofern ist "Schutzlos" ein Film, dessen Hauptdarstellerin exemplarisch zu betrachten ist, oder?

Carolina Vera: Im Prinzip ja. Im Film geht es darum, verschiedene Erlebnisse und Härten eines Lebens in der Illegalität aufzuzeigen. Eine Frau, die sich ohne Papiere im Land aufhält, darf zum Beispiel nicht krank oder schwanger werden, sie schuftet für wahrscheinlich drei bis neun Euro die Stunde und weiß dennoch nicht, ob sie ihr Geld tatsächlich bekommt. Diese Angst, entdeckt zu werden, dieses Bedürfnis, unsichtbar zu bleiben, nicht aufzufallen - das habe ich schon beim Drehen als sehr bedrückend empfunden. Wie muss es wohl sein, wenn es die eigene Realität ist?

teleschau: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Carolina Vera: Dem Thema näherte ich mich eher intellektuell. Ich habe viel gelesen. Viele Dinge, die ich vorher nicht wusste, in Erfahrung gebracht. Einer Rolle kann ich mich dennoch nie intellektuell annähern. Ich fühlte mich ein in eine alleinerziehende Mutter. In eine Frau, die in ständiger Angst um sich und ihre Kinder lebt. Eine Frau, die schon zu Beginn des Films völlig erschöpft ist und dennoch immer weiter um ihr Leben und um ihre Würde kämpfen muss.

teleschau: Man schätzt, dass etwa eine Million Illegale in Deutschland leben. Wie kann man die unwürdigen Lebensumstände dieser Menschen verbessern?

Carolina Vera: So weit ich weiß, arbeitet man gerade daran, die Meldepflicht für Schulkinder aufzuheben. Das wäre schon mal ein wichtiger Schritt. Dann könnten auch Menschen ohne Papiere ihre Kinder in Schulen schicken und müssten sie nicht, wie Maria Moreno, ohne Bildung in der Wohnung oder auf Hinterhöfen verstecken. Kinder aus jeglicher Gesellschaft auszuschließen und ihnen keine Bildung zu gewähren, richtet einen besonders großen menschlichen Schaden an. Wenn sich an diesem Punkt etwas ändern würde, wäre ein erster großer Schritt getan.

teleschau: Illegalität ist überall auf der Welt ein Problem. Kann man Abhilfe nur im Kleinen schaffen, indem man einzelne Härten für die Betroffenen zu lindern versucht? Oder gibt es einen Weg, wie man dem Problem an sich Herr werden kann?

Carolina Vera: Das ist eine globale Frage an eine einzelne Schauspielerin. Die politische Dimension geht weit über die Möglichkeit eines Films hinaus. Mir scheint, dass man über das Thema "Illegalität" nicht gerne spricht. Ich hoffe, dass "Schutzlos" dazu beitragen kann, dies zu ändern.

teleschau: Was kann man also tun?

Carolina Vera: Jeder von uns muss bedenken und respektieren, dass Illegalität nur ein Status ist. Er darf nicht dazu führen, dass die Menschen, die hinter diesem Status stehen, schutzlos sind. Die Menschenrechte müssen für jeden gelten.

teleschau: Wir leben in der Informationsgesellschaft. Man muss sich immer öfter ausweisen, um Dinge zu bekommen oder an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen. Bräuchten wir statt gläserner Bürger nicht eher mehr Schutzräume der Anonymität, um unsere Gesellschaft menschenwürdiger zu machen?

Carolina Vera: Ich kann mich nur wiederholen: Jeder Mensch braucht einen Schutzbereich zur Erhaltung seiner Menschenwürde.

teleschau: Sie sprechen perfekt Deutsch und Spanisch. Wie schwierig war es für Sie, in der Rolle der Maria Moreno Deutsch mit hartem spanischen Akzent zu sprechen?

Carolina Vera: Das war in der Tat der schwierigste Aspekt an dieser Rolle für mich - auch wenn sich das komisch anhört. Ich habe nie zuvor Akzent gesprochen, weder beruflich noch privat. Ich habe es vor allem auch nie gewollt. Für diese Rolle war der Akzent jedoch von entscheidender Bedeutung. Durch ihn wird die Distanz von Maria Moreno zur deutschen Gesellschaft gezeigt, gleichzeitig darf aber aufgrund des Akzents keine Distanz zwischen Zuschauer und Figur entstehen. Daher war die Lösung: so stark wie nötig und so schwach wie möglich.

teleschau: Wie haben Sie dieses ungewohnte Sprechen trainiert?

Carolina Vera: Ich suchte in meinem Bekanntenkreis Leute, die aus Lateinamerika kommen und mit Akzent sprechen. Ich traf mich mit ihnen und nahm sie auf Band auf. Mit diesem Material habe ich dann geübt. Danach traf ich eine Frau, die aus Honduras stammt, und setzte ihren Akzent noch drauf. Am Schluss galt es, das Ganze einfach zu üben. Ich sprach Taxifahrer auf diese Weise an, ging Einkaufen, sang laut mit Akzent, las laut vor. Schließlich setzte ich mich an den Tisch mit Freunden und sagte zu ihnen: "Ich rede jetzt mal so. Bitte tut so, als ob nichts wäre" (lacht).

teleschau: Als perfekt Deutsch und Spanisch sprechende Schauspielerin haben Sie fast so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. War es deshalb auch klar, dass Sie diese Rolle spielen, oder mussten Sie sich über ein Casting empfehlen?

Carolina Vera: Die Situation war ganz klassisch. Als René Heisig die Regie übernahm, wurde ich zum Casting eingeladen und hatte da quasi meine Prüfung, die ich dann auch bestanden habe.

teleschau: Sie werden gerne in der Rolle der selbstbewussten, glamourösen Latina besetzt - so wie im "Stuttgarter" Tatort, wo sie die Staatsanwältin spielen. Wieviel Glamour schätzt die Privatperson Carolina Vera?

Carolina Vera: Ich mag Glamour, aber es ist mir nicht wichtig. Und es hat mir gefallen, in dieser Rolle so pur und manchmal fertig auszusehen. Wir hatten eine kurze Maskenzeit und haben zum Teil auch Augenringe geschminkt. Maria Moreno kämpft um ihr Leben, da hat man nun mal keine Zeit den Lidstrich nachzuziehen. Grundsätzlich komme ich mir eher dann verkleidet vor, wenn ich bei Rollen wie aus dem Ei gepellt daherkomme. Glauben Sie mir, ich bin ein sehr unglamouröser Mensch.

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