Mit dabei ist ein gebürtiger Oldenburger

Greta Thunberg bricht zu großer Segelreise über den Atlantik auf

Ab Mittwoch will Klimaaktivistin Greta Thunberg die Reise über den Großen Teich wagen. Der norddeutsche Segelprofi Boris Herrmann und sein Co-Skipper Pierre Casiraghi gehen mit ihr den Transatlantik-Törn an.
13.08.2019, 21:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Tatjana Pokorny und Steffen Trumpf

Seine Wassersportwiege ist das Wattenmeer, sein Arbeitsplatz sind die Weltmeere: Der Segelprofi Boris Herrmann; gebürtiger Oldenburger, strebt dem Gipfel seiner Karriere entgegen, er will als erster Deutscher an der härtesten ­Regatta der Welt teilnehmen. Die Vendée Globe führt ihre Herausforderer unter Segeln solo, nonstop und ohne Hilfe von außen in weniger als 80 Tagen um die Welt. Vor der ab Ende 2020 geplanten ultimativen Bewährungsprobe hat der 38-Jährige nun aber noch einen Sonderauftrag zu bewältigen – und einen ganz besonderen Gast an Bord der Hochseejacht „Malizia“.

Herrmann und sein Co-Skipper, Segelfreund und Förderer Pierre Casiraghi, werden die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg ab diesem Mittwoch von Plymouth in Südengland aus über den Atlantik nach Amerika bringen. Der genaue Startzeitpunkt hängt vom Wetter ab, und die Prognosen sind derzeit nicht optimal. Für den Mittag ist strammer Wind mit etwa 30, 33 Knoten angesagt. Am späten Nachmittag könnte Herrmann eine kleine Lücke zur Abfahrt nutzen, bevor eine weitere Front durchkommt.

Filmemacher dokumentiert die Reise

An Bord werden sich neben Herrmann, ­Casiraghi und Greta Thunberg auch deren ­Vater Svante sowie der Filmemacher Nathan Grossman befinden, der die große Reise über den Großen Teich dokumentieren will. Etwa zwei Wochen lang werden sie mit der „Malizia“ unterwegs sein. In Übersee warten auf die Schwedin dann unter anderem der UN-Klimagipfel in New York im September sowie die Weltklimakonferenz in Chile im Dezember.

Was nach großem Abenteuer klingt, ist für Herrmann auch eine große Verantwortung. Für Thunberg ist es der erste Segeltörn ihres Lebens – ein krasserer Einstieg als der Transatlantik-Törn auf Herrmanns 18 Meter langem Kohlefaser-Geschoss ist kaum vorstellbar. Doch der deutsche Segelprofi hat schon drei Weltumseglungen mit Profi-Crews absolviert und mehr als eine Viertelmillion Seemeilen Erfahrung im Kielwasser. Angst vor der Verantwortung für seinen prominenten Passagier hat Herrmann deshalb nicht, wie er sagt.

Herrmann bereitet Thunberg und ihren ­Vater Svante momentan intensiv auf die Reise vor. Auf Facebook veröffentlichte er am Montag ein Video, das zeigt, wie er seinen Gästen die Rolle des Wetters bei der Überfahrt des ­Atlantiks erklärt. Die beiden Thunbergs liegen dabei in einer der engen Rohrkojen des Bootes und hören aufmerksam zu.

Greta Thunberg fliegt nicht, weil Flugreisen immense Mengen an Treibhausgasen ausstoßen. Deshalb hatte sie länger nach einer klimaschonenderen Alternative für die Reise nach Amerika Ausschau gehalten. Bei der „Malizia“ wurde sie fündig, wie sie Ende Juli bekannt gab. Die Hightech-Jacht ist mit Solarpaneelen und Unterwasserturbinen ausgestattet, mit denen der an Bord benötigte Strom erzeugt wird. Viel Komfort bietet sie dagegen nicht – letztlich ist sie für Hochsee-­rennen ausgestattet. Unter Deck ist kaum Platz. „Eine Rennjacht ist nie komfortabel, sondern bietet im Bestreben um Leichtigkeit nur die minimalste Ausstattung“, erzählt Herrmann. Toiletten gebe es an Bord keine, statt Betten nur zwei Rohrkojen.

Greta blendet mögliche Strapazen auf See aus

Es wird laut und unbequem für Thunberg, bei Sturm auch ruppiger. Sie macht sich keine größeren Gedanken über die Strapazen auf See. „Dann werde ich mich eben zwei Wochen lang übergeben“, sagte die junge Schwedin vor ihrer Abreise in einem Interview des Wochenmagazins „Stern“. „Solange es nicht schlimmer wird als das, werde ich es schon aushalten. Es sind eben auch nur zwei Wochen, und an Bord gibt es Medizin gegen Seekrankheit.“ Ob Thunberg auch aktiv segelt, ließ Herrmann offen: „Ich werde ihr gerne alles zeigen und erklären und sehen, inwieweit sie Lust hat zu lernen.“ Er könne sich vorstellen, dass sie wegen ihres Klimabewusstseins eine starke Neugier für Wetter und Navigation mitbringe.

Anders als Thunberg saß Herrmann schon als Baby auf einem Segelboot: Im Alter von sechs Wochen nahmen ihn seine Eltern mit auf ihre kleine Familien-Fahrtenjacht. Später erkundete der Vater mit ihm erst das Wattenmeer hinter den Ostfriesischen Inseln, dann die Nordsee und in den Schulferien auch skandinavische Gefilde. Das Seemannsherz habe er von zu Hause mitbekommen, sagt er. Deutschlands erfolgreichster Segler Jochen Schümann urteilt über ihn: „Boris weiß, was er will.“ Selbst steuern lernte Herrmann klassisch in der Kinderjolle Optimist. Bei seiner Mini-­Transat-Premiere als jüngster und einziger deutscher Regattateilnehmer machte ihm kurz nach der Jahrtausendwende und dem bestandenen Abitur Platz elf Lust auf mehr Meer. Parallel studierte er Wirtschaftswissenschaften. Seine Diplomarbeit schrieb er über „Nachhaltiges Management“, obwohl „das damals noch nicht so hoffähig war und einen alle ausgelacht haben“.

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Doch Herrmann blieb beharrlich, im Umweltinteresse wie im Segelsport. Auch der dreimalige Olympiasieger und zweimalige America’s-Cup-Gewinner Schümann half, indem er den jungen Herrmann vor Jahren als Nachwuchs-Navigator in seine Crew holte. „Boris sollte damals lernen, lernen, lernen. Er begriff zügig, setzte das Gelernte gut um und kam auch in den Genuss süßer Siege.“

Nun folgt also der Törn mit Thunberg, die kurz vor ihrer Abreise nach Plymouth am Wochenende noch fix erstmals am Braunkohletagebau Hambach – mit dem umkämpften Hambacher Forst wohl der symbolträchtigste Ort der deutschen Klimabewegung – vorbeigeschaut hatte. „Sie ist bereit, das Unbekannte und ein Stück weit auch Unkontrollierbare für ihre Mission in Kauf zu nehmen. Das zeigt, wie weit Greta für ihre Botschaft bereit ist zu gehen“, sagt Herrmann. Gefahr bestehe für sie keine, sagt auch die Britin Dee Caffari, die als erste Frau die Welt in beiden Richtungen nonstop und solo umsegelt hat. In einer Botschaft an Thunberg schrieb sie: „Du bist bei Boris in guten Händen, also genieße die Reise.“

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