Nach sechs Jahren Sanierung der „Gorch Fock“ ist zu Ende

Die deutsche Marine bekommt ihr stolzes Schulschiff runderneuert zurück. Auf See soll der Segler wieder für Deutschland werben, an Land bleibt der juristische Ärger.
29.09.2021, 12:30
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

Es ist der schlichte offizielle Schlussstrich unter ein fast sechs Jahre langes Drama. An diesem Donnerstag übernimmt die Marine in Wilhelmshaven wieder ihr saniertes Segelschulschiff „Gorch Fock“. Die Bremer Lürssen-Werft, die die vergangenen zwei Jahre an dem Dreimaster gebaut hat, liefert ihr Werk ab; die deutschen Seestreitkräfte quittieren - ohne öffentliche Zeremonie.

Den neuen Glanz ihres schnittigen weißen Traditionsseglers will die Marine bei der Rückkehr in den Heimathafen Kiel am kommenden Montag (4.10). feiern. „Wir freuen uns sehr, dass dieses Schulschiff zurückkommt, das wir dringend für die Ausbildung brauchen“, sagte ein Sprecher des Marinekommandos in Rostock.

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Zwar hat die „Gorch Fock“ seit Dezember 2015 die meiste Zeit still und sicher auf dem Trockenen gelegen; die Stammbesatzung lebte auf einem Wohnschiff und beaufsichtigte die Arbeit der Werften. Doch die Sanierung hat die Marine und eine Verteidigungsministerin in Bedrängnis gebracht, der Steuerzahler hat die hohe Summe von 135 Millionen Euro schultern müssen. Und als Wirtschaftskrimi ist die Geschichte noch nicht ausgestanden.

„Wir haben das alles sehr genau verfolgt und auch immer Kontakt zur Crew gehalten“, sagt Guido Oeltermann, Chef einer Vereinigung ehemaliger Seefahrer auf der „Gorch Fock“. „Wir sind alle froh, dass das Schiff nicht abgewrackt worden ist, sondern wieder fahren kann.“

Den Ärger über die aus dem Ruder gelaufenen Kosten kann Oeltermann nachvollziehen. Aber er ist „tausendprozentig“ davon überzeugt, dass die Marine den Großsegler braucht, um ihren Offiziersnachwuchs zu schulen. Er selbst ist von 1993 bis 1997 als Navigator auf der „Gorch Fock“ gefahren. „Sie können nirgendwo diese Wucht von Wind und Wellen so gut erfahren wie auf einem Segelschiff“, sagt der 1. Crew-Chef der Bordkameradschaft. „Es zählt die Teamarbeit. Dieses Miteinander und Füreinandereinstehen - das kann man dort gut vermitteln.“

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Allerdings sieht Oeltermann es genauso wie der Bundesrechnungshof in einem Bericht von Anfang 2019: Die Sanierung sei schlecht vorbereitet gewesen. Die kleine Elsflether Werft, die schon oft an der „Gorch Fock“ gearbeitet hatte, bekam 2015 den Zuschlag für ein Gebot von knapp zehn Millionen Euro. Doch je länger die Arbeit dauerte, desto mehr Schäden an der 1958 gebauten Bark traten zutage. Die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) brach nicht ab, sondern winkte zweimal höhere Kosten durch. „Ich glaube schon, dass man viele Schäden vorher gefunden hätte, wenn man genauer gesucht hätte“, sagt Oeltermann.

Hinzu kamen dubiose Machenschaften auf der Werft in Elsfleth an der Unterweser. Die zwei Vorstände sollen Einnahmen von der Marine in Nebengeschäfte gesteckt haben, anstatt die Subunternehmer zu bezahlen. Etwa 20 Millionen Euro fehlten, als im Februar 2019 eine neue Werftführung Insolvenz anmeldete. Seitdem habe man mehrere Millionen Euro wieder auftreiben können, sagt der Generalbevollmächtigte der Elsflether Werft, Tobias Brinkmann. Allerdings haben nach derzeitigem Stand 287 Gläubiger Forderungen von 80 Millionen Euro angemeldet.

Die Lürssen-Werft übernahm den Instandsetzungsauftrag im Herbst 2019. Aber auch in der Regie des auf Marineschiffe und Luxusjachten spezialisierten Schiffbauers verzögerte sich die Rückgabe. Anfangs waren nach Werftangaben „Änderungen an den schiffbaulichen Arbeiten“ - sprich Nachbesserungen - notwendig, zuletzt schlug Corona zu. Auf einer ersten Probefahrt erlitt die „Gorch Fock“ einen Motorschaden, eine zweite Probefahrt vergangene Woche verlief dann erfolgreich.

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Bald soll die Bark mit Kadetten und Kadettinnen an Bord wieder segeln und auf den Meeren ein Botschafter der Bundesrepublik sein. An Land geht derweil das juristische Nachspiel weiter. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück erwartet bald den Abschluss ihrer Ermittlungen wegen Betrugs, Untreue und Korruption. Beschuldigt sind die beiden früheren Chefs der Elsflether Werft, bei einem zivilen Mitarbeiter des Marinearsenals Wilhelmshaven geht es um Bestechlichkeit.

Doch es gibt auch Dutzende Verfahren gegen Zulieferer. Um an Aufträge zu kommen, sollen sie zugestimmt haben, der Elsflether Werft jeweils 15 Prozent der Rechnungssumme gutzuschreiben. Die Bundeswehr schätzt den Schaden durch überhöhte Rechnungen auf etwa 16 Millionen Euro.

Naturschützer bemängeln außerdem, auf der „Gorch Fock“ sei illegal importiertes Tropenholz verbaut worden. Weil Gerichte ihre Klagen deswegen abgewiesen haben, sind sie vor das Bundesverfassungsgericht gezogen.

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