Keine Angst vorm Abnehmen Der Münchner Mediziner Prof. Dr. Volker Schusdziarra ist Experte in der ZDF-Doku "Fett weg!" (ab Samstag, 23. Juli, 13.55 Uhr)

Abnehmen bei gleichbleibender Lebensqualität - nur so kann es dauerhaft klappen mit der Traumfigur, sagt Prof. Dr. Volker Schusdziarra, stellvertrender Direktor der Klinik für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar der TU München, im Interview.
01.07.2011, 00:00
Lesedauer: 8 Min
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Von Frank Rauscher

Abnehmen bei gleichbleibender Lebensqualität - nur so kann es dauerhaft klappen mit der Traumfigur, sagt Prof. Dr. Volker Schusdziarra, stellvertrender Direktor der Klinik für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar der TU München, im Interview.

Beim Thema Abnehmen heißt das große Zauberwort "Diät". Für den Münchner Mediziner Prof. Dr. Volker Schusdziarra jedoch ein fataler Irrglaube, mit dem endlich Schluss gemacht werden soll. "Vergesst die Diäten!", sagt der stellvertretende Direktor der Klinik für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar. Sicher könne man mit einer Diät Gewicht verlieren, aber Schusdziarra, einer der Coaches in der dreiteiligen ZDF-Doku "Fett weg!" (ab Samstag, 23. Juli, 13.55 Uhr), ist überzeugt, dass Diäten kein Mittel sind, um nachhaltig bei einem gesunden Gewicht zu bleiben. Im Interview verrät der Internist und Gastroenterologe, warum Diäten keinen Sinn machen, und gibt Empfehlungen, wie man auf wissenschaftlich fundierter Basis der Fettleibigkeit beikommen kann.

teleschau: Herr Prof. Schusdziarra sind die Deutschen zu dick?

Prof. Dr. V. Schusdziarra: Laut Verzehrsstudie 2008 haben wir nur noch 40 Prozent Normalgewichtige. 1999 waren es noch fast 50 Prozent. Der Anteil der Übergewichtigen ist mit 37 Prozent in etwa gleich geblieben, die große Verschiebung findet sich im Bereich der Adipositas, der Fettleibigkeit, wieder.

teleschau: Wann ist man denn zu dick - im pathologischen Sinne?

Schusdziarra: Laut WHO-Übereinkunft hat man bis zu einem BMI von 24,9 kg/m2 Normalgewicht. Einen BMI von 25 bis 29,9 kg/m2 nennt man Übergewicht. Bei über 30 kg/m2 und mehr spricht man von Adipositas, die man noch in drei Stufen unterteilen kann. In der ZDF-Doku begleiteten wir Protagonisten mit einem BMI von 33 bis 39 kg/m2, ein guter Querschnitt.

teleschau: Eigentlich paradox: alles redet von Wellness, Fitness, Ernährung. In den Medien und der Werbung geht es mehr denn je um Sport. Immer wieder werden neue Diäten angepriesen. Wie kann es sein, dass wir derart übergewichtig sind, wenn wir doch offensichtlich so aufgeklärt sind?

Schusdziarra: Interessante Frage, die man nur spekulativ beantworten kann. Wenn man sich eingesteht, dass man ein Gewichtsproblem hat, muss man sich eigentlich auch eingestehen, dagegen etwas tun zu müssen. Davor fürchten sich die Allermeisten, weil sie Abnehmen immer nur mit Diäten und damit dem Verlust an Lebensqualität verbinden. Die Motivation, etwas tun zu wollen, muss verstärkt werden, indem man den Menschen die Angst vor einer Ernährungsumstellung nimmt.

teleschau: Viele wollen bereits mit einem BMI von 23 oder 24 abnehmen.

Schusdziarra: Dafür besteht aus medizinischer Sicht überhaupt keine Notwendigkeit. Dasselbe gilt auch für den Übergewichtsbereich, also BMI 25 bis 29,9 kg/m2. Wenn jemand schon seit 20 Jahren mit einem BMI von 27 kg/m2 lebt und sich wohl fühlt, dann soll er sein Gewicht auch weiterhin behalten. Eine Reduktion des Körpergewichts aus medizinischer Sicht ist in dieser Gewichtsklasse nur notwendig, wenn eine Zusatzerkrankung wie Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung oder Gelenkbeschwerden hinzukommt. Bei Diabetes kann die Reduktion auf BMI 22 bis 23, unter Umständen zur kompletten Normalisierung des Blutzuckerspiegels führen.

teleschau: Warum kommen viele zu spät auf die Idee, etwas gegen ihr gesundheitlich problematisches Übergewicht zu tun?

Schusdziarra: Das liegt im Wesentlichen daran, dass Gewichtszuwachsraten sehr langsam zustande kommen. Bei meinen adipösen Patienten beträgt die Gewichtszunahme 20 bis 30 Kilogramm über einen Zeitraum von zehn bis 20 Jahren. Im Schnitt werden also zwei bis drei Kilogramm pro Jahr zugenommen. Der Zeitfaktor spielt sicherlich eine große Rolle: Alles was über Nacht passiert, nehmen wir deutlich wahr, allmähliche Entwicklungen hingegen werden viel leichter verdrängt.

teleschau: Und wenn es dann doch auffällt, soll alles so schnell wie möglich wieder verschwinden...

Schusdziarra: Am liebsten zehn Kilogramm in drei Wochen. Aber das geht nicht. Da hat uns der Körper einen Riegel vorgeschoben. Natürlich kann man mit extrem niedrig kalorischer Diät schnell Gewicht verlieren. Das entscheidende für eine Verbesserung des Gesundheitszustandes ist aber eine langfristige Aufrechterhaltung des einmal reduzierten Gewichts. Es muss nicht unbedingt Normalgewicht erreicht werden. Selbst bei erheblich adipösen Menschen reicht schon ein Verlust von zehn Kilogramm, der aber über mindestens zehn Jahre aufrechterhalten bleibt, zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes.

teleschau: Sie mögen keine Diäten, oder?

Schusdziarra: Der Begriff Diät sollte in der Adipositas-Therapie völlig verschwinden. Dieser Begriff sollte reserviert bleiben für medizinisch alternativlose Veränderungen der Ernährung, etwa bei einer Allergie. Beim Abnehmen muss eine Ernährungsumstellung angestrebt werden. Je geringer die Veränderungen sein müssen, um in das Abnehmen hineinzukommen, desto besser lässt sich auch die Gewichtsreduktion langfristig aufrechterhalten. Das Motto muss immer heißen: So viel wie notwendig, aber so wenig wie möglich verändern.

teleschau: Ihr Buch heißt "Satt essen und abnehmen".

Schusdziarra: Genau. Die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie ihre Lebensqualität behalten. Satt werden wir durch die Menge, die wir essen. Die Kalorien im Essen haben mit der Sättigung nichts zu tun. Deshalb muss die Essensmenge weitestgehend aufrechterhalten bleiben - das alte FdH-Prinzip - Friss die Hälfte - hat nicht funktioniert, da die Essensmenge reduziert wurde und damit das Hungergefühl bestehen blieb. FdH muss sich auf die Kalorienaufnahme beziehen. Dafür eignet sich als einzige Größe, die man beachten muss, die Energiedichte der Lebensmittel.

teleschau: Sie haben das in der "Ernährungsampel" zusammengefasst.

Schusdziarra: Ja, ganz einfach: In erster Linie müssen wir uns mit Lebensmitteln mit niedriger Energiedichte satt essen - grün gekennzeichnet. Dann gibt es eine Zwischenstufe in gelb, aber auch vom hochenergetischen Essen der roten Gruppe - Schokolade, Kuchen, Käse, Bratwurst oder Leberkässemmel - dürfen wir gelegentlich etwas zu uns nehmen, nur eben nicht all zu viel. Jeder muss für sich herausfinden, wie viel er sich aus der roten und gelben Gruppe leisten kann.

teleschau: Welche Rolle spielen bei dieser Punktlandung die Getränke?

Schusdziarra: Eine ganz wichtige. Getränke werden immer falsch eingeschätzt. Wir nehmen im Schnitt 300 Kilokalorien pro Tag in flüssiger Form zu uns - über den Zeitraum eines Jahres entspricht das der Energiemenge von 15 Kilogramm Fettgewebe. Flüssige Kalorien sind immer nur Dickmacher, nie Sattmacher, da sie sehr schnell aus dem Magen wieder entleert werden. Das gilt nicht nur für Bier, Wein, Cola, sondern auch für Säfte und Saftschorlen, die in der Werbung oft als besonders gesund dargestellt werden.

teleschau: Sind sie nicht?

Schusdziarra: Ein Liter Saft hat 500 Kilokalorien. Dafür könnten sie auch ein 400-Gramm-Steak essen, das wenigstens ordentlich satt macht. Und vergessen sie nicht die modernen Varianten des Milchkaffees. Manche Patienten nehmen am Tag dadurch leicht einen Liter Milch zu sich, was auch schnell 500 Kilokalorienl entspricht.

teleschau: Der Mediziner rät also klar zum Wasser.

Schusdziarra: Wasser ist sicherlich das Beste. Aber bei etwa der Hälfte meiner Patienten funktioniert das nicht. Die haben sich den Geschmack von Limonaden und anderen Süßgetränken so angewöhnt, dass es nicht mehr ohne geht. Also greife ich auf die Zero-Getränke zurück, ohne Kalorien, mit Süßgeschmack.

Teleschau: Welche Rolle spielt die Bewegung?

Schusdziarra: Sie ist beim Abnehmen der Juniorpartner der Ernährung. Ganz klar: Abnehmen funktioniert nicht, ohne veränderte Kalorienaufnahme.

teleschau: Eine Stunde Joggen täglich wäre kein Freibrief für Pizza und Co?

Schusdziarra: Nein, da reicht eine Stunde nicht. Nur ein Beispiel: Um eine Semmel mit zehn Gramm Butter wieder abzustrampeln, müsste man immerhin 34 Minuten Radfahren mit 15 Stundenkilometern. Für die angesprochene Pizza wären etwa drei Stunden erforderlich. Wir empfehlen Bewegung aus vielerlei Gründen. Ein bewegter Dicker ist immer gesünder und fitter als ein unbewegter Dicker. Bezüglich des Abnehmens darf man sich aber vom Sport nicht zu viel erwarten.

teleschau: Wieso schlägt auch das beste Abnehm-Konzept nicht bei jedem Dicken gleich gut an?

Schusdziarra: Das hat einmal damit zu tun, wie strikt sich jeder an die Diätvorschriften hält. Der Begriff Diät beinhaltet ja bereits, dass man die dort verordnete Ernährungsweise nicht unbedingt essen mag, so dass jeder Mensch schnell ein paar Eigenvarianten in das Diätkonzept einfügt, woraus eine sehr unterschiedliche Kalorienzufuhr resultieren kann. Selbst wenn sich alle an die Vorgaben konsequent halten, wird man unterschiedliche Erfolge in der Gewichtsreduktion feststellen können. Das hat mit dem Grundumsatz zu tun, also dem Energieverbrauch in Ruhe, den jeder Mensch hat, um alle lebenswichtigen Funktionen aufrecht zu erhalten. Der Grundumsatz ist von Mensch zu Mensch sehr variabel. Wir haben bei über 1.000 Patienten einen Schwankungsbereich zwischen 800 und 3.700 Kilokalorien pro Tag festgestellt. Ein um 500 Kilokalorien höherer Ruheenergieverbrauch bedeutet, dass innerhalb eines Jahres 25 Kilogramm Fettgewebe automatisch mehr verbrannt werden. Die Höhe des Grundumsatzes ist bei jedem Menschen wahrscheinlich stark genetisch geprägt.

teleschau: Sie sagen, dem Land droht eine Adipositasepidemie.

Schusdziarra: Ja die WHO hat das vor Jahren schon so genannt, und wenn man sich die Zahlen anschaut, muss man zu diesem Ergebnis kommen. Die weltweite geradezu explosionsartige Zunahme des Körpergewichts in den letzten 40 Jahren ist Folge eines im Überfluss vorhandenen Nahrungsangebotes, das für die meisten auch finanziell erschwinglich ist. Parallel dazu ist der früher durch den Arbeitsprozess aufgezwungene Energieverbrauch durch die Technologisierung drastisch zurückgegangen. In Verbindung mit den Gewichtsveränderungen kommt es auch zu drastischen Zunahmen von Folgeerkrankungen, wie etwa dem Diabetes mellitus. Der Typ 2-Diabetes, der früher auch Altersdiabetes hieß, tritt heute bereits sehr viel häufiger aufgrund der Gewichtsproblematik bei Kindern und Jugendlichen auf.

teleschau: Also müssen wir uns alle endlich gesünder ernähren?

Schusdziarra: Die Reduktion des Körpergewichts würde zu einer deutlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung führen. Es bleibt die Frage zu klären, was eine gesunde Ernährung ist. Für mich ist eine gesunde Ernährung eine Mischung aus pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln, die das Körpergewicht normal halten oder es dorthin bringen. Eine derartige Ernährung muss dem Einzelnen schmecken, sie muss bekömmlich sein. Dann ist auch langfristig eine Verbesserung möglich. Wir sollten aufhören, zu starre Vorgaben bezüglich einer "gesunden Ernährung" zu machen, wie Kalorienvorgaben, das Verhältnis von Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten, die Art der Fette in akribisch aufgeteilten Prozentangaben und so weiter. Solche Vorgaben sind im täglichen Leben praktisch nicht umsetzbar. Man kann Menschen nicht innerhalb kurzer Zeiträume komplett umerziehen. Das hat der Staatskommunismus über 100 Jahre mit seinen Umerziehungslagern versucht und ist gescheitert. Man muss auf den Einzelnen eingehen und ihn da abholen, wo er steht und sämtliche Veränderungen in einem individuell angepassten realistischen Rahmen halten. Das ist unser Konzept in der Ambulanz für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar, das wir in der ZDF-Doku transparent machen wollen.

teleschau: Welche Prognose stellen Sie an: Wird sich das Land in absehbarer Zeit verschlanken?

Schusdziarra: Das ist die große Herausforderung, vor der wir heutzutage stehen. Ich denke, dass Verbesserungen möglich sind, wenn wir es schaffen, die Menschen zu motivieren. Man muss ihnen die Angst nehmen, dass Veränderungen am Körpergewicht gleichbedeutend sind mit Diät und dem Verlust von Lebensqualität.

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