Verkehrsgefährdent

An Deutschlands Autobahnen fehlen Lkw-Parkplätze

Mindestens 24 000 Lkw-Parkplätze sollen an Deutschlands Autobahnen und Autohöfen fehlen. Ein Zustand, den Verbände und Fahrer nicht länger hinnehmen wollen, auch weil er verkehrsgefährdend ist.
19.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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An Deutschlands Autobahnen fehlen Lkw-Parkplätze
Von Marc Hagedorn

Ein Dienstagabend am Ortsrand von Stuhr-Fahrenhorst an der B 51 kurz vor Bremen. Gleich hinter dem Ortsschild Richtung Süden stehen mehr als ein Dutzend Lkw links und rechts entlang der Straße. Lastwagen mit deutschen Nummernschildern, aber auch Trucks mit osteuropäischen Kennzeichen sind darunter, aufgereiht wie die Perlen an einer Kette. Tagsüber halten hier in den Parkbuchten gern auch Autofahrer für eine kurze Pause, um Luft zu schnappen, sich die Beine zu vertreten oder zu telefonieren. Manchmal machen sie hier auch ein Nickerchen.

Geschlafen wird nahe Fahrenhorst auch an diesem Abend. Brummifahrer nehmen ihren wohlverdienten Nachtschlaf. Die Vorhänge in den Führerhäusern sind zugezogen. Am nächsten Tag müssen die Männer und Frauen am Steuer wieder los, manch einer bis nach Schleswig-Holstein oder Skandinavien, andere setzen ihre Tour am frühen Morgen in die entgegengesetzte Richtung fort. Aber noch ist es ruhig hier. Einmal öffnet sich eine Tür, ein Fahrer steigt aus und verschwindet im angrenzenden Wäldchen. Was er dort macht, kann man sich leicht denken: Toilettenhäuschen gibt es an dieser Stelle nicht, also ab ins Gebüsch.

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„Das ist für die Fahrer ein äußerst unangenehmer Zustand“, sagt Alexander Quabach, „und das ist auch für Anlieger oder andere Nutzer nicht schön.“ Quabach ist Geschäftsführer der Vereinigung der Deutschen Autohöfe (Veda) und weiß, dass die Trucker nicht freiwillig an abgelegenen Plätzen ohne Sanitäranlagen parken. Nur: Allzu oft haben sie gar keine andere Wahl. Auf Deutschlands Autobahnparkplätzen und auf den Autohöfen fehlen Stellplätze.

Alle fünf Jahre untersucht die Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) die Parkplatzsituation. Die aktuellsten Zahlen sind zwei Jahre alt, aber erst in diesem Jahr veröffentlicht worden. „Das Ergebnis ist desaströs“, sagt Quabach, „es fehlen Parkplätze für Lkw an allen Ecken und Enden.“ In Zahlen ausgedrückt: An 2179 Standorten in ganz Deutschland stehen 70.800 Parkplätze zur Verfügung. Tatsächlich abgestellt wurden im Erhebungszeitraum laut Zählungen der Bundesanstalt aber 94.100 Fahrzeuge. Das heißt: Es fehlen fast 24.000 Stellplätze. Oder anders formuliert: Die Parkplätze und Autohöfe quellen über.

Trucker suchen sich Ausweichmöglichkeiten

„Das ist ein täglicher Kampf für die Fahrer“, sagt Timo Schmidt, Fuhrparkleiter bei der Bremerhavener Spedition Glomb, „vor allem in Ballungszentren ist ab einer bestimmten Uhrzeit klar: Hier ist absolut kein Parkplatz mehr zu finden.“ Also suchen sich die Trucker Ausweichmöglichkeiten, manchmal eine ganze Stunde lang, und zur Not nächtigen sie dann eben ein paar Kilometer entfernt von der nächsten Autobahnauffahrt an Bundes- oder Landstraßen.

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) setzt die Zahl der fehlenden Parkplätze sogar noch höher an als die Bundesstudie. Der BGL geht von mindestens 30.000 Stellplätzen aus, die fehlen, da sich der Transportverkehr in den vergangenen zwei Jahren seit Erstellung der Analyse noch einmal deutlich erhöht hat. Laut einer früheren Prognose des Bundesverkehrsministeriums sollte die Verkehrsleistung im Vergleich zu 2018 um weitere 19 Prozent zunehmen, nicht zuletzt durch den seit einigen Jahren steigenden Verkehr aus Osteuropa.

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Die Corona-Pandemie mit all ihren Einschränkungen hat nur kurzzeitig für eine Entspannung gesorgt. „Die Mautstatistik zeigt, dass wir bei den gefahrenen Kilometern im Güterverkehr fast schon wieder auf dem Niveau von vor Corona sind“, sagt BGL-Sprecher Martin Bulheller, „die Brisanz des Themas fehlende Parkplätze bleibt also ungebrochen.“

Die meisten Stellplätze für Lkw fehlen in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Aber auch in Bremen und Niedersachsen sind Angebot und Nachfrage nicht deckungsgleich. In Niedersachsen gibt es laut Studie mehr als 1700 Abstellmöglichkeiten an bewirtschafteten und rund 700 an unbewirtschafteten Rastanlagen zu wenig, in Bremen ist es ein Minus von zehn Plätzen an Autohöfen und 31 an unbewirtschafteten Rastanlagen.

Wenn die Not zu groß ist

Für die Branchenvertreter ist der Ausbau der Parkplatzkapazitäten auch eine Frage der Verkehrssicherheit. „Kreuz und quer und oft bis an die Rastplatzauffahrt“ würden Lkw abgestellt, sagt Fuhrparkchef Schmidt, so erzählten es ihm seine Fahrer immer wieder. Das erhöht die Unfallgefahr enorm. „Die Fahrer wissen selbstverständlich, dass sie so nicht parken dürfen“, sagt Bulheller, „aber allzu oft ist die Not einfach zu groß. Wenn ihnen beim Fahren schon die Augen zufallen, wie lange sollen die Fahrer dann auf der Suche nach Parkplätzen noch Sprit verpulvern und Zeit verplempern? Klar ist: Nur ein ausgeschlafener Lkw-Fahrer ist ein guter Lkw-Fahrer.“

Parkplätze an Autobahnen zu schaffen, ist in erster Linie Aufgabe des Bundes. Autohöfe werden privat betrieben. „Man kann der Politik keine Untätigkeit vorwerfen“, sagt Bulheller, „es ist in der Vergangenheit ja gebaut worden.“ Nur eben nicht genug, weil die Zahl der abgestellten Laster stärker zunimmt als die Zahl neuer Parkplätze. „Wichtig ist, dass schnell etwas passiert“, sagt Veda-Geschäftsführer Quabach, „es ist den Fahrern nicht länger zumutbar, dass sie sich jeden Tag aufs Neue fragen müssen: Wo soll ich parken? Wo kann ich schlafen? Wie komme ich durch den nächsten Tag? Auf Dauer geht dieser Druck auf die Psyche.“

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