Fußball SC Twistringen: Grandioser Aufholjagd folgt Rückzug

In der Saison 2009/10 feierte der SC Twistringen den Klassenerhalt in der Bezirksoberliga, zog sein Team dennoch zurück. Damals waren Uwe Küpker und Saimir Dikollari dabei. Jetzt sind sie wieder vereint.
26.07.2020, 14:16
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Sven Hermann

Twistringen. Die Erinnerungen an die furiose Aufholjagd der Fußballer des SC Twistringen im Abstiegskampf der Bezirksoberliga-Saison 2009/10 sind bei den damals beteiligten Trainer Uwe Küpker und dessen einstigen Stürmer Saimir Dikollari auch nach mittlerweile zehn Jahren noch ganz frisch. Besonders im Gedächtnis blieb den beiden Beteiligten der denkwürdige letzte Spieltag am 30. Mai 2010, in dem sich die Mannschaft durch einen 3:2-Heimerfolg über den TuS Kleefeld den Klassenerhalt sicherte. Doch die Freude über diesen Coup währte im SCT-Lager nur kurz. Der Verein und auch einige Spieler entschlossen sich, den großen Aufwand, den eine Serie in der Bezirksoberliga, die der heutigen Landesliga entsprach, nicht länger auf sich nehmen zu wollen. Die Verantwortlichen entschieden sich zum Rückzug und einem Neuanfang in der Kreisliga. Etliche Protagonisten, die zum spektakulären Ligaverbleib beitrugen, unter anderem auch Küpker und Dikollari, verließen daraufhin den Verein. Jetzt, zehn Jahre später, fanden die beiden wieder zusammen. Küpker übernahm das Traineramt beim SCT während der vergangenen und schließlich wegen der Corona-Pandemie unterbrochenen Saison von Friedhelm Famulla, Dikollari wechselte jetzt vom Brinkumer SV in die Delmestadt und wird seinen Coach zukünftig als spielender Co-Trainer unterstützen.

„Ich erinnere mich noch gut an diesen letzten Spieltag. Wir hatten unser eigenes Spiel gegen Kleefeld knapp gewonnen, mussten jedoch hoffen, dass Mitkonkurrent 1. FC Wunstorf im Parallelspiel gegen die SG Diepholz nicht höher als mit einem Tor Unterschied gewinnt. Wir waren mit unserem Spiel durch, doch die Begegnung in Wunstorf wurde wegen eines Gewitters unterbrochen, sodass wir im Twistringer Stadion im Bereich unserer Bratwurstbude ungefähr zwanzig lange Minuten bangen mussten, ehe das Endergebnis dort feststand“, berichtet Küpker. Der Twistringer Kreisrivale aus Diepholz, der damals von Stefan Müller trainiert wurde, leistete dabei mit seinem späten Siegtor zum 1:0-Auswärtserfolg die nötige Schützenhilfe. „Wir hatten damals aus Twistringen jemanden vor Ort und schließlich traf auch die erlösende SMS von Stefan ein, worauf bei uns grenzenloser Jubel ausbrach“, erzählt Küpker. Es war das glückliche Ende eines Twistringer Kraftaktes, den zur Winterpause niemand mehr für möglich gehalten hätte. Denn zu diesem Zeitpunkt lag die Mannschaft im Kampf um den Ligaverbleib schier aussichtslos zurück. „Ich meine, der Rückstand zum rettenden Ufer betrug elf oder zwölf Punkte“, erinnert sich Dikollari, der damals erst in der Winterpause vom TSV Melchiorshausen zu den Blaumeisen stieß. Weitere Neuzugänge, unter anderem auch der jetzige Rehdener A-Junioren-Regionalligacoach Drilon Gashi folgten. „Für mich ist in dieser fünfmonatigen Zeit in Twistringen bis zum Saisonende viel hängengeblieben, vor allem das “Wir-Gefühl„, dass sich innerhalb der Mannschaft entwickelte. Die intensive Rückserie hat uns verbunden, wir haben das als Mannschaft super hingekriegt, sodass diese kurze Zeit immer positiv in Erinnerung geblieben ist. Wir hätten mit dieser Mannschaft mit Sicherheit auch die darauffolgende Saison erfolgreich gestalten können, da waren echt coole Typen im Team“, blickt Dikollari zurück.

Neuanfang in der Kreisliga

Doch es kam anders, die Verantwortlichen des SC Twistringen zogen die Reißleine und entschieden sich für einen Neustart in der Kreisliga. Ausnahmestürmer Dikollari hatte zu diesem Zeitpunkt freilich andere Ambitionen. Nach der vorletzten Saisonpartie beim späteren Meister Arminia Hannover, bei der Dikollari beim 2:2 ein Tor von der Mittellinie aus gelang, flatterte ihm ein Angebot vom damaligen Landessligisten TB Uphusen ins Haus. In Uphusen und auch beim Brinkumer SV feierte der Angreifer in der Folgezeit große Erfolge. Neben der Partie bei Arminia Hannover erinnert er sich an weitere Schlüsselspiele der Serie 2009/10. Da war der immens wichtige 1:0-Heimerfolg am 25. Spieltag gegen den TSV Burgdorf, bei dem Varushan Chudawerdjan mit einem Kracher aus 30 Metern in den Torgiebel der Siegtreffer gelang oder aber der 3:2-Heimerfolg am finalen letzten Spieltag gegen den TuS Kleefeld, mit der höchst emotionalen Wartezeit auf das Endergebnis aus Wunstorf. „Nachdem wir das Resultat aus Wunstorf erfahren haben, brach unbeschreiblicher Jubel aus. Es war im Prinzip so, als ob wir Meister geworden sind oder gerade ein Finale gewonnen hatten“, erzählt Dikollari. „Ich denke, der Verein hat sich durch den Rückzug damals neu aufgestellt und den Weg mit jungen Spielern eingeschlagen“, sieht Dikollari den derzeitigen guten Unterbau, sowohl die A-, als auch die B-Junioren sind in der kommenden Saison in der Landesliga vertreten, als eine Folge des einschneidenden Entschlusses.

Die gute Jugendarbeit ist auch ein Grund, weshalb es Dikollari jetzt nach zehn Jahren zurückzog. "Twistringen verfügt über eine sehr gute junge Mannschaft und ein gutes Fundament. Aufgrund der Anlage und der Historie ist der SCT ein Klub, der auf Landesebene gehört. Wir wollen uns Schritt für Schritt verbessern", sagt der ehrgeizige Torjäger, dessen Kontakt zu Küpker in den vergangenen zehn Jahren nie abriss. "Meine Mission war damals noch nicht beendet. Jetzt habe ich die Möglichkeit, das zu Ende zu bringen, was vor zehn Jahren unterbrochen wurde. Der Verein ist nach dem Rückzug durchs Tal gegangen und hat neue Stärke gewonnen, ergänzt Dikollari, der mittlerweile in Bassum lebt.

Im Winter aufgerüstet

"Nach dem souveränen Bezirksligatitel im Jahre 2009 gestaltete sich die Hinserie in der Bezirksoberliga schwierig. Die Unterschiede zwischen den Ligen waren und sind auch heute noch immens. Es herrschte eine andere Intensität, das ein oder andere Spiel haben wir dabei in der Schlussphase verloren. Im Winter haben wir dann aufgerüstet und während der Wintervorbereitung sehr intensiv trainiert. Das Team war topfit, fortan spielten wir kontrollierter. Der Glaube war da. Jeder hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. In jedem Spiel hat ein anderer geglänzt", erinnert sich Küpker. Neben Dikollari zierten auch andere bekannte Namen den einstigen Kader. So waren unter anderem Stefan Rosenthal, Marc Pallentien, Michael Geisler, Oliver Schröder, Dennis Neumann, Mattias Aust, Tobias Cordes, Drilon Gashi, Thorben Deepe und Markus Norrenbrock im Aufgebot zu finden. Allein im Erfolgsmonat April sammelte der SCT 13 bis 14 Punkte ein. Ein Meilenstein im Abstiegskampf war für den damaligen und jetzigen Coach ebenfalls der 1:0-Erfolg gegen Burgdorf. "Dieser Sieg war eine Erlösung, hinterher wurde gefeiert. Ein paar Tage später gewannen wir dann auch mit 2:1 beim TuS Wettbergen auf einem Donnerstagabend nach langer Anfahrt. "Nach dem Triumph über Kleefeld brachen alle Dämme. Den Aufwand, den wir in dem halben Jahr der Rückserie betrieben haben, war riesengroß. Doch die Zuschauer nahmen die Bezirksoberliga insgesamt nicht an. Vielen fehlte die Attraktivität. Die Fahrten waren zu weit und auch die Derbys fehlten. Der Verein und auch einige Spieler wollten den großen Aufwand nicht mehr betreiben", nennt Küpker die Gründe, die zum Rückzug auf Kreisebene führten.

Der Abbruch der vergangenen Bezirksligasaison führte überhaupt erst dazu, dass der SC Twistringen, der sich vor dem Corona-Ausbruch auf einem Abstiegsplatz befand, letztlich in der Bezirksliga verbleiben durfte und somit Küpker und Dikollari das Team auch zukünftig in dieser Liga führen dürfen. „Der Fußballgott war mit uns. Doch für mich ist dieser Klassenerhalt, der nicht sportlich, sondern auf anderer Ebene entschieden wurde, ausgleichende Gerechtigkeit. Schließlich musste Twistringen als Landesligameister des Jahres 2004 ein Entscheidungsspiel gegen den Landesligameister Weser-Ems, den VfL Oldenburg, austragen, verlor dieses äußerst unglücklich nach Elfmeterschießen und verpasste somit den Aufstieg in die Niedersachsenliga. Damals blieb Twistringen durch eine schreiende Ungerechtigkeit der Aufstieg verwehrt, denn ansonsten stiegen die Titelträger direkt auf und mussten kein Entscheidungsspiel austragen“, sieht Küpker 16 Jahre später den berühmten Fußballgott und die ausgleichende Gerechtigkeit auf Seiten des SCT.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+