Spargelhof Thiermann Besuch von der Gewerkschaft

Der Spargelhof Thiermann stand in dieser Saison so häufig in den Schlagzeilen wie noch nie. Jetzt war der DGB vor Ort, um sich ein Bild von der Bezahlung der osteuropäischen Saisonarbeiter zu machen.
12.06.2021, 20:00
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Besuch von der Gewerkschaft
Von Marc Hagedorn

Seit einer Viertelstunde steht Tina Malguth draußen vor dem Spargelhof Thiermann. Das Werksgelände in Kirchdorf im südlichen Landkreis Diepholz ist eingezäunt, alle Tore sind verschlossen. Dort kommt nur hinein, wer ein berechtigtes Anliegen hat. Malguth wartet auf ihre Chefin.

Malguths Chefin ist Anja Piel vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und bis 2020 Fraktionschefin der Grünen im Niedersächsischen Landtag. Piel hat es aufs Betriebsgelände geschafft. Sie hat einen Termin mit der Geschäftsführung von Thiermann vereinbart. Es geht um die Arbeitsbedingungen für Saisonkräfte aus Osteuropa, von denen Thiermann zu Spitzenzeiten über 1000 beschäftigt.

Malguth, die draußen vor dem Grundstück steht, ist Piels Büroleiterin, und schon zum dritten Mal kommt jetzt ein Mann auf sie zu und stellt sich als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes vor. Was sie hier draußen mache, will der Mann wissen, er fragt höflich, aber bestimmt. Malguth antwortet. Der Mann fragt noch einmal nach und auch noch ein drittes Mal, aber danach ist er offenbar zufrieden und verabschiedet sich mit dem wiederholten Hinweis, das Gelände nicht zu betreten und auch nicht durch das Gittertor zu fotografieren.

Hinter dem Spargelhof Thiermann liegen aufwühlende Wochen. Fernsehteams waren hier. Die Presse hat groß berichtet. Im Mai hatten sich 150 Mitarbeiter der Firma mit Corona infiziert. Das hatte die Zahlen im Landkreis Diepholz dermaßen in die Höhe getrieben, dass die Bundesnotbremse zum Einsatz kam. Die nächtliche Ausgangssperre beispielsweise, die zum Maßnahmenpaket gehörte, fanden viele Menschen im Landkreis nicht gut. Entsprechend schlecht sind sie auf Thiermann zu sprechen.

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Anja Piel und ihre Mitstreiter sind an diesem Tag aber nicht da, um über Hygienekonzepte und Coronamaßnahmen im Betrieb zu sprechen, sondern über „strukturelle Risiken und Herausforderungen der Erntearbeit“, wie Piel es ausdrückt. Einer ihrer Begleiter ist Piotr Mazurek. Er arbeitet als Berater für Faire Mobilität, eine Initiative des DGB, die sich für gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt für Beschäftigte aus mittel- und osteuropäischen EU-Staaten einsetzt. „Es hat zuletzt Hinweise an uns gegeben, dass es bei Abrechnungen zu Fehlern gekommen ist“, sagt Mazurek, „beziehungsweise dass Mitarbeiter gar keine Abrechnung bekommen haben.“ Es gehe dabei „nicht um hunderte Fälle, aber doch einige“, sagt Mazurek, der Deutsch, Polnisch und Englisch spricht. Diesen Vorwürfen wollen sie heute nachgehen.

Es ist erst ein paar Tage her, dass Recherchen der Nachrichtenplattform Buzz Feed News für Aufsehen gesorgt haben. Ein Reporter hatte sich undercover für eine Woche als polnischer Saisonarbeiter bei Thiermann anstellen lassen. Für seine Arbeit will er einen Stundenlohn von 5,97 Euro netto bekommen haben. In Gesprächen mit 27 Saisonarbeitern will er auf eine fragwürdige Abrechnungspraxis gestoßen sein. Allzu oft sollen auch andere Mitarbeiter deutlich weniger als den versprochenen Mindestlohn von 9,50 Euro bekommen haben.

Thiermann dagegen behauptet seit Jahren, den gesetzlichen Mindestlohn zu zahlen und darüber hinaus Leistungsprämien als Zuschläge. Eine gute halbe Stunde dauert das Gespräch, das Piel, Mazurek und vier weitere Mitarbeiter von der IG Bau und der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte mit der Geschäftsführung von Thiermann an diesem Vormittag führen können. Piel bezeichnet die Gespräche hinterher als „einen ersten Erfolg“. Zwar hatte die Gruppe keine Chance, direkt mit polnischen oder rumänischen Arbeitern zu sprechen. Aber das soll, so die Zusage, etwas später am Nachmittag möglich sein.

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Zu den Problemen mit den Lohnabrechnungen heißt es, dass Thiermann versprochen habe, das zu klären. „Wir werden das weiterhin begleiten“, sagt Mazurek. Das Unternehmen habe außerdem noch einmal beteuert, dass es den gesetzlichen Mindestlohn zahle. Schon vor einiger Zeit hat Thiermann darauf hingewiesen, dass die Mitarbeiter bei der Unfallversicherung angemeldet seien und im Krankheitsfall eine Lohnfortzahlung ab dem ersten Tag erhielten. Für Unterkunft und Verpflegung verlangt Thiermann 9,80 Euro pro Tag von den Arbeitern. „Das ist nicht wenig“, sagt Mazurek, „aber im Rahmen.“ Allerdings müssten sich vor allem die Männer, die die harte Erntearbeit auf dem Feld machten, häufig noch etwas von ihrem eigenen Geld dazu kaufen.

Die Diskrepanz zwischen Mindestlohn und Nettoverdienst erklärt Thiermann mit Abzügen für Steuern und Sozialabgaben, die sich aus dem „individuellen sozialversicherungsrechtlichen Status sowie der individuellen Steuerklasse einschließlich steuerlicher Freibeträge“ der Mitarbeiter ergeben. Das klingt kompliziert, erst recht für denjenigen, der gar kein Deutsch kann. „Deshalb ist es wichtig, dass die Saisonkräfte wissen, welche Rechte sie haben, dass sie wissen, an wen sie sich wenden können“, sagt Mazurek. Auch dafür sind sie hier.

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Und tatsächlich kommt es am Nachmittag zum versprochenen Treffen mit den Arbeitern aus Rumänien und Polen. Mazurek und die anderen rüsten sich mit Informationsbroschüren in Deutsch, Polnisch und Rumänisch aus. Dann werden sie ein zweites Mal an diesem Tag aufs Betriebsgelände gelassen.

Am Abend zieht Mazurek Bilanz: Mit 70 Arbeitern hätten sie sprechen können, das Unternehmen habe sich „erstaunlich kooperativ“ gezeigt. Mazurek führt das auch darauf zurück, dass das Thema in den vergangenen Wochen eine große Öffentlichkeit hatte. Für ihn steht fest, dass es nur so geht: indem sie sich einmischen. Sie werden weitermachen.

Zur Sache

Spargel wird günstiger

Die Sonne strahlt, und damit verbessert sich auch die Laune der Spargelbauern. „Auf diesen Schub haben wir gewartet“, sagt Fred Eickhorst, Geschäftsführer der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer in Niedersachsen. Lange Zeit war es zu kühl für den Spargel im Boden, entsprechend geringer als sonst fiel die Ernte zunächst aus. Mit Folgen für den Preis, der war für den Kunden nämlich relativ hoch. „Aber jetzt kommen wir auf die Mengen“, sagt Eickhorst, „der Kunde darf sich auf günstigere Preise freuen.“

Die Spargelsaison endet traditionell am 24. Juni, also schon in zwei Wochen. Kommt der Schub zu spät? Eickhorst verneint und wirbt für eine ganz besondere Idee. „Die Fußball-EM ist gestartet“, sagt er, „warum also nicht Spargel grillen? Etwas Parmesan und Olivenöl, das dürfte jedem Fußballfan schmecken.“

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